BAD STAFFELSTEIN

Die blauen Flachsfelder am Obermain sind verschwunden

Die blauen Flachsfelder am Obermain sind verschwunden
Wer kennt noch die blühende Flachspflanze? Foto: www.meinbezirk.at

Flachs ist heute von den heimischen Feldern fast verschwunden. Im Landkreis Lichtenfels wird die Pflanze zurzeit gar nicht mehr angebaut, im Nachbarlandkreis Coburg sind es nur wenige Hektar. Über Jahrhunderte war Flachs für die ländliche Bevölkerung von großer Bedeutung. Am Obermain und in den Juradörfern wurde er nochmals für kurze Zeit ab den 1930er Jahren stärker angebaut und in der Maintal-Flachsröste Staffelstein von 1937 bis 1954 verarbeitet. Darüber berichtete das Obermain-Tagblatt.

In den 1950er Jahren erlosch der Leinanbau vollends. Nur in der früheren DDR ging der Anbau bis zum Ende der 1970er Jahre. Flachs ist eine genügsame Pflanze, sie hat nur wenig Ansprüche hinsichtlich Düngung und Pflege. Durch den geringen Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln wird eine Verschmutzung von Boden und Gewässern vermieden. Flachs benötigt keine künstliche Bewässerung. Damit unterscheidet er sich deutlich von der Baumwollproduktion, die rund 7100 Liter Wasser pro Kilogramm Baumwolle verbraucht.

Flachs gilt als älteste Textilfaser

Die Flachspflanze ist eine einjährige Kulturpflanze mit fünfblättrigen blauen oder weißen Blüten. Flachs als die älteste bekannte Textilfaser ist seit der Steinzeit bekannt. Zusammen mit Linse, Erbse, Gerste, Emmer und Einkorn wurde Lein seit Beginn des Ackerbaus kultiviert. Die frühesten Nachweise stammen aus dem fünften Jahrtausend vor Christus. Europa ist die Wiege des Flachsanbaus, die Nutzung der Faser hat hier ihre Wurzeln. Den Flachsanbau in Deutschland erwähnen schon die Römer. Sie berichteten, die Germanen schätzten Leinenkleidung. Der Lein war der Göttin Freya geheiligt, ihr Katzengespann war mit Strängen von blühendem Flachs angeschirrt, und das Säen, Rösten, Hecheln und Spinnen wurde ihrem Schutz anheimgestellt.

Flachs ist ein zartes Pflänzchen. Leonhart Fuchs, einer der Väter der Botanik, beschreibt in seinem Kreutterbuch von 1543 den Flachs zutreffend: „Flachs hat einen zarten Stängel, mit schmalen langen spitzigen blettlin bekleydet. Am gipffel desselbigen gewindt es schön lichtblau blumen.“

Übertreibungen beim Einsammeln der Websteuer

Flachs war früher in den armen Gegenden Oberfrankens oft die einzige Erwerbsquelle der Landwirte. Flachs war auch Zahlungsmittel; Pfarrer und Lehrer, Steuern und Zinsen wurden damit bezahlt, Dienstboten damit entlohnt. An das Einsammeln der Websteuer kann sich der Autor dieser Zeilen, als er noch ein kleiner Junge war, erinnern.

Nicht immer ging es bei der Websteuer mit rechten Dingen zu. 1782 musste die Bamberger Regierung gegen das Flachssammeln, das als „Websteuer“ bezeichnet und durch die Amtsverweser, Richter, Amtsschreiber, Zent- und Amtsknechte durchgeführt wurde, mit einem scharfen Edikt vorgehen. Sie schrieb: Dies Sammeln sei „nichts anderes, als eine höchst unanständige Betteley und ein dem Landmann beschwerender mißbrach“.

2020 wurden im Landkreis Coburg 13,8 Hektar Öllein/Faserflachs angebaut. Zwei Drittel der gesamten Flachsproduktion im 21. Jahrhundert findet nach wie vor in europäischen Ländern auf rund 100 000 Hektar statt. In Deutschland ist der Flachsanbau arg zusammengeschrumpft. Wo es blaublühende Flachsfelder in alter Zeit gab, bestimmt jetzt gelbblühender Raps das Landschaftsbild. Am Obermain gab es die letzten blaublühenden Flachsfelder kurz vor und nach dem 2. Weltkrieg.

Nach Auskunft des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Coburg wurden im Jahr 2020 im Landkreis Coburg lediglich 13,8 Hektar Öllein/Faserflachs in drei landwirtschaftlichen Betrieben angebaut. Für welche Verwertung der Anbau erfolgte, ist dem Amt nicht bekannt. Im Landkreis Lichtenfels wurde im letzten Jahr kein Flachs angebaut. Nach dem Niedergang des Flachsanbaues für die Herstellung von Leinwand kann man trotzdem in anderen Regionen seit Jahren wieder öfters die blühenden Leinfelder sehen. Vor allem Biobauern produzieren aus den Flachssamen Leinöl, welches in Naturkostläden einen guten Absatz findet.

In der Johanninacht tanzten die Mädel um das Flachsfeld

Die blauen Flachsfelder am Obermain sind verschwunden
Luise Vogt vor zirka 80 Jahren auf einem Flachsfeld am Obermain. Foto: Privatarchiv von Prof. Ulrike Bechmann

Nach der Saat Ende April bis Mitte Mai wurden in den letzten Jahrhunderten die Samen mit dem Holzrechen eingeharkt. Waren die Pflanzen 15 bis 30 Zentimetern hoch, wurde „gegrast“, das heißt, das Unkraut wurde mit der Hand von den Frauen und oft auch von den Kindern ausgezogen. Um Johanni herum blüht der Flachs. Speziell in der Johannisnacht tanzten nach alten Erzählungen die Mädel um das Flachsfeld. Auch in anderen Nächten kamen Menschen zum Feld. Eine Sage berichtet: Wer an Schwindel leidet, muss nach Sonnenuntergang dreimal nackt um ein Flachsfeld laufen, dann bekommt der Flachs den Schwindel und selber ist man gesund.

Im Sommer, wenn der Leinsamen reif war, wurden die Stängel nicht gemäht, sondern ausgerissen, zu Bündeln gebunden und auf einer Wiese sauber mit der Hand auseinandergelegt. Nach dem Trocknen wurde der Flachs heimgefahren. Seine Aufbereitung bis zum Spinnen war arbeitsintensiv und mühsam. Viele Arbeitsgänge waren erforderlich: Rösten, Brechen, Schwingen und Hecheln. Das machte man meistens in Gemeinschaft mit Nachbarn; es war vorwiegend Frauenarbeit. Im Böhmerwald zum Beispiel versammelte man sich in eigens dafür vorgesehenen Räumen, der Flachsbrechstube oder dem Haarhaus.

Ein Teil des Flachses, den der Bauer nicht verkaufte, wurde von der Bäuerin für den eigenen Bedarf verarbeitet. Dieser Grundstock für die Aussteuer der Bauerntöchter wurde bei einer Heirat mit einer bestimmten Zahl von Wäschestücken in die Ehe eingebracht. Eine wichtige Heilpflanze war Lein früher auch. Äußerlich wurde das als Hausmittel bekannte Leinsamensäckchen bei Zahnschmerzen, Ischias, Rheuma sowie Blasen- und Nierenleiden heiß aufgelegt.

Schlagworte