EBENSFELD

Ebensfelds Pfarrer Scharf hofft auf Solidarität in der Krise

Viele erinnern sich noch an den großen Bahnhof anlässlich des 70. Geburtstags von Pfarrer Rudolf Scharf vor zweieinhalb Jahren. Ein volles Gotteshaus bei der feierlichen Messe mit musikalischer Umrahmung der „Haager Stöckraache“, und das Händeschütteln schein nicht zu enden – jeder gratulierte dem beliebten Geistlichen. Jetzt das Kontrastprogramm: Keine Gottesdienste, keine Feiern, sogar am Hochfest Ostern sind Messen untersagt. Die Corona-Pandemie verändert das Gemeindeleben.

Alles andere als feierlich zumute ist auch Rudolf Scharf. Der 72-jährige Geistliche, in Bamberg 1947 geboren, ist seit 1975 als Pfarrer tätig, seit September 1995 in der Pfarrei Ebensfeld. Er blickt auf eine reiche pastorale Erfahrung zurück, doch was sich derzeit abspielt, ist selbst für ihn Neuland. „So etwas habe ich in all' der Zeit nicht ansatzweise erlebt“, meint er nachdenklich. Resignation darf für ihn aber keine Option sein: „Wir müssen die Situation jetzt annehmen, wie sie ist, etwas anderes bleibt uns ja gar nicht übrig.“

„Gedanken zum Tag“ per Mail statt Gottesdienst

Der Pfarrer schickt an Interessierte per Mail „Gedanken zum Tag“, die diese Botschaften dann an andere Gläubige weiterverbreiten, via World Wide Web oder – wenn jemand keinen Internetzugang hat, durch Einwurf in den Briefkasten. Und das Telefon ist in diesen Tagen ohne persönliche Kontakte wichtig wie nie.

Dass ein Virus und damit einher gehende Beschränkungen das kirchliche Leben fast zum Erliegen bringenen könnte, hätten wohl die größten Pessimisten nicht für möglich gehalten. Die Pfarrei Ebensfeld bildet da freilich keine Ausnahme. Bei Beerdigungen können nur die engsten Angehörigen Abschied nehmen und der Corona-Rotstift macht auch vor den geplanten Erstkommunionfeiern im Pfarreienverbund nicht halt. Am Aushang vor dem Ebensfelder Pfarrheim stehen mögliche Ersatztermine: Ebensfeld 21. Juni, Kleukheim 28. Juni, Döringstadt 5. Juli. Doch alles unter Vorbehalt, denn momentan sind Juni und Juli ganz weit weg. „Vieles ist momentan ungewiss. Wir müssen jetzt einfach die Entwicklung abwarten, das Beste hoffen und dürfen den Mut nicht aufgeben“, sagt Pfarrer Scharf.

Bei den Feierlichkeiten zu Scharfs „Siebzigstem“ bezeichnete Bürgermeister Bernhard Storath den Geistlichen als „Pfundskerl“, überreichte ihm als Anerkennung für seine Verdienste die Ehrenmedaille der Marktgemeinde. Denn zusätzlich zu seinem seelsorgerlichen Wirken im Pfarreienverbund setzt er zusammen mit Mitstreitern das Gebot der Nächstenliebe und Solidarität auch praktisch um, etwa durch Projekte in Temeschwar im Nordwesten Rumäniens oder den Karpaten. Auch dieses Engagement ist derzeit zum Stillstand verurteilt. „Der nächste Hilfstransport, der eigentlich im April geplant war, muss leider flach fallen“, bedauert er. Über einen neuen Termin mit der Möglichkeit, nicht mehr benötigte Kleidung mitzugeben, werde man zu gegebener Zeit informieren.

Der Verzicht auf das kirchliche Lebens und das ehrenamtliche Engagement belastet auch den stark wirkenden Rudolf Scharf. Aber wer, wenn nicht ein Gottesmann, behält gerade jetzt die Zuversicht? Der Glaube verleiht ihm Kraft, aber er weiß ja um jene Menschen, die Existenzängste quälen. Scharf ist ein Geistlicher mit Bodenhaftung. Ein Pfarrer, aber genauso ein Mensch wie du und ich, mit dem man auf der Straße gerne plaudert.

„Vielleicht schweißt die Situation die Menschen auch enger zusammen.“
Rudolf Scharf, Ebensfelder Pfarrer

Scharf ist freilich bewusst, dass für so Manchen durch die Corona-Krise der Lebensentwurf über den Haufen geworfen wird, und er von neu anfangen muss. Diesen Menschen gelten jetzt seine Gedanken. Und doch wagt er einen leisen, aber gerade angesichts des bevorstehenden Osterfestes von unbeugsamer christlicher Hoffnung getragenen Blick auf die Zeit nach Corona: „Vielleicht schweißt die Situation die Menschen auch enger zusammen.“

„Bei Freundschaften wird sich jetzt zeigen, welche wirklich Bestand haben und was die Freundschaft wert ist“, prognostiziert Scharf. Die Redensart, wonach „in der Not 1000 Freunde auf ein Lot“ gehen, wird womöglich jetzt in ihrer ganzen Tragweite Ausdruck finden.

Im September geht Rudolf Scharf in den pastoralen Ruhestand

Der 1. September 2020 wird für Pfarrer Rudolf Scharf, Corona-Unwägbarkeiten hin oder her, übrigens ein besonderer Tag sein. Denn zu diesem Datum geht er in den pastoralen Ruhestand. Ein Nachfolger steht noch nicht fest. „Ich bin gespannt, wer es wird und hoffe, dass der Übergang gut gelingt. Aber da bin ich eigentlich ganz zuversichtlich“, meint er. Ob er dann aushilfsweise als Pfarrer im Ruhestand noch unterstützend tätig sein wird, da will er sich momentan noch nicht festlegen. Aber das ist genauso wie vieles andere noch weit entfernt. Derzeit sind andere Herausforderungen zu meistern.

Das Telefon klingelt wieder. Im Kontakt bleiben ist in dieser Zeit schwierig, aber umso wichtiger sind die, die das Gespräch brauchen. Pfarrer Scharf tut das Bestmögliche, so wie viele in dieser von Unsicherheit geprägten Zeit, Schritt für Schritt.