KLEUKHEIM/OBERLEITERBACH

Hanbüchla: Wo die Keltengräber bis zu 25 Meter messen

Das Waldstück „Hanbüchla“ zwischen Kleukheim und Oberleiterbach. Foto: Martina Drossel

Mit einem Durchmesser von bis zu 25 Metern sind sie eigentlich riesig – und doch bleiben sie den Blicken der Wanderer, Radler und Autofahrer oft verborgen: die zehn Hügelgräber aus der frühen Eisenzeit, die wohl um 600 vor Christus im Waldstück Hanbüchla an der heutigen Grenze der Landkreise Lichtenfels und Bamberg angelegt wurden. Doch wer waren die Toten, die hier bestattet wurden? Wie sahen sie aus, wie lebten wie und an was glaubten sie? – Diesen und anderen Fragen ging Anton Köcheler beider Keltenexkursion nach. Gut 60 Leute schlossen sich ihm an.

Archäologen gehen davon aus, dass keltische Krieger so oder so ähnlich ausgesehen haben dürften. Foto: Grafik: Archiv Anton Köcheler

Der Flurname „Hanbüchla“, so der Keltenexperte, lasse sich wohl von den Worten Hain, also Wäldchen, und Buche ableiten. Sprich: Hier stand einst ein kleiner Buchenwald. Und die Bewaldung ist auch der Grund, warum sich die keltischen Gräber erhalten haben: Der Boden eignete sich nicht als Ackerfläche, die Totenruhe wurde durch keinen Pflug gestört.

Es war um 1840, als der Frauendorfer Pfarrer Lukas Herrmann rund 1000 Hügelgräber in Oberfranken – wissenschaftlich nach den damaligen Methoden – erforschte, darunter auch die im Waldstück zwischen Oberleiterbach und Kleukheim. In den 1980-er-Jahren kamen dann die Experten des Landesamts für Denkmalpflege zu einer Nachgrabung, da ein Grab als zerwühlt gemeldet wurde. Im Airborne Laserscans des Bayernaltasses wird die Anordnung und Größe der zehn Hügel deutlich, und auch die Altstraße wird sichtbar. Diese führte mit Sicherheit von Scheßlitz nach Prächting und ins Maintal, höchstwahrscheinlich sogar vom Staffelberg zum Ehrenbürg („Walberla“).

Es waren keine Fürsten, die im „Hanbüchla“ bestattet wurden, wohl aber durchaus der ein oder andere Großbauer. Die Funde, von denen einige im historischen Museum Bamberg lagern, sind vor allem Keramikscherben, aber auch der Rest eines Melonenarmbands, das Teil der keltischen Frauentracht war.

Es war ein Nebeneinander von verschiedenen Stämmen

„DIE Kelten gab es eigentlich nicht“, erklärte Köcheler. „Kelten lebten von Ungarn bis Frankreich, also in ganz Mitteleuropa. Es war ein Nebeneinander von verschiedenen Stämmen mit ähnlicher Sprache und Sachkultur.“ Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass die Kelten sich aus den spätbronzezeitlichen Kulturen entwickelten, die schon da waren, also nicht eingewandert sind. „Möglicherweise hat man bereits in der Spätbronzezeit Keltisch gesprochen, eventuell mit verschiedenen Dialekten.“ Reste der keltischen Sprache erhielten sich im Gälischen, im Bretonischen, in Wales, in Irland oder auch in Schottland.

„Kelten lebten von Ungarn bis Frankreich, also in ganz Mitteleuropa. Es war ein Nebeneinander von verschiedenen Stämmen mit ähnlicher Sprache und Sachkultur.“
Anton Köcheler, Keltenexperte

„Leider haben die Kelten über ihre Lebensweise, Sitten und Gebräuche nichts überliefert, weil sie die Schrift erst im dritten Jahrhundert vor Christus von den Mittelmeerländern übernahmen, dies aber auch nur für Verträge, Auflistungen und Statistiken“. Händler und Geschichtsschreiber der Römer und Griechen aber haben sehr wohl Berichte über ihre Begegnungen mit Kelten hinterlassen.

Anhand zahlreicher Bilder ließ Anton Köcheler die Welt der Kelten vor dem geistigen Auge der Zuhörer lebendig werden.

Wer also waren die Männer und Frauen, die hier vor zweieinhalb Jahrtausenden lebten? „Kelten waren vor allem Bauern, bauten Getreide wie Emmer, Einkorn und Gerste an und Hülsenfrüchte wie Erbsen oder auch Bohnen und hielten Ziegen, Schweine, Schafe und vor allem Rinder“, erklärte Köcheler. Das Nationalgericht war eine Art Eintopf. Der tapferste Krieger bekam beim Essen den so genannten „Heldenbissen“, also das beste Stück Fleisch. Oft wurde darum gestritten und gekämpft, ab und an mit tödlichem Ausgang.

Streitlustig, mutig und robust gebaut

Groß waren sie, die Kelten, von kräftigem Körperbau. Charakteristisch waren ihre helle Haut und ihre blonden Haare, die sie sich mit Kalkwasser stärkten und nach hinten kämmten. Den Backenbart rasierten sie sich, die Schnurrbärte ließen sie stehen. „Die Männer trugen hemdartige Oberteile mit kleinen Mustern, dazu Hosen, Stiefeletten und einen bunten oder gestreiften Mantel, der von einer Fibel geschlossen wurde. Die Frauen dagegen trugen lange Kleider“, erklärte der Keltenexperte aus Unterzettlitz. Dank der vielen Bilder, die er dazu zeigte, wurden die Kelten vor dem geistigen Auge der Zuhörer nach und nach wieder lebendig. Streitlustig und jähzornig seien sie gewesen, diese Bewohner der Hallstattzeit. Die Kelten waren leicht erregbar und jähzornig und neigten zur Eitelkeit und Prahlsucht. Sie wurden schnell handgreiflich, wenn man sie beleidigte, und waren gefährlich, wenn sie betrunken waren. Caesar lobte ihre geistige Gewandtheit, ihre schnelle Lernfähigkeit, ihre Anpassungsfähigkeit und ihren Humor.

In den Kampf zogen sie mit Schwert, Speer, langen Schildern und spitzen Helmen, die sie gelegentlich mit Hörnern oder Flügeln verzierten. Der Stammeshäuptling stand allen vor, darunter kamen der Kriegeradel, also reiche Bauern, und auch Schmiede und Holzhandwerker sowie Barden, die ebenso zur Oberschicht gehörten. Die hoch angesehenen Druiden waren Priester, Richter, Lehrer und Heilkundige in einem.

Einstöckige Block- oder Schwellenbauten aus Holz errichtet

Die Grabhügel aus frühkeltischer Zeit im „Hanbüchla“ messen bis zu 25 Meter. Fotos: Martina Drossel Foto: Drossel

„Die Herrscher lebten in Höhenfestungen wie auf dem Staffelberg“, so Köcheler. In der Umgebung des Hanbüchla gab es davon keine. Und es ist nach wie vor ein ungelüftetes Geheimnis, wo die Kelten lebten, die in diesem Waldstück ihre Toten zur Ruhe betteten. „Da die Kelten keine Steinhäuser bauten, sondern einstöckige Block- oder Schwellenbauten aus Holz, gibt es kaum Spuren“, bedauerte der Referent. „Kelten lebten in kleinen Dörfern, in Weilern oder Einzelgehöften.“ Ihre Toten bestatteten sie meistens in Sichtweite der Wohnstätten, nie aber im Dorf. Der Grund: Die Kelten hatten Angst vor den Toten.

In frühkeltischer Zeit wurden Tote an Ort und Stelle verbrannt, dann der so genannte Leichenbrand ausgelesen und an Ort und Stelle eine Totenkammer aus Holz errichtet. In diese kamen die Asche und Knochenreste, ebenso die Grabbeigaben mit Tracht, Bewaffnung, Schmuck und bis zu 30 Gefäßen. Dem Toten wurden auch für die Reise ins Jenseits Essen, Met und Weizenbier mitgegeben. Um die Totenwohnung herum wurden Steine angehäuft, darüber Erde zu einem Hüel aufgeschüttet. Je bedeutender der Tote, desto größer wurde der Hügel. Um den Hügel kam dann oft ein Steinkranz, besonders große Hügel besitzen auch einen Kreisgraben. So einen gab es auch um das 25-Meter-Grab im Hanbüchla. Und längst nicht jeder Kelte bekam ein Hügelgrab: Die arme Bevölkerung wurde verbrannt und dann in Brandgruben zwischen den Hügeln bestattet.

Ein gruseliges Detail: Kelten waren Kopfjäger

Und dann wurde es gruselig. Anton Köcheler erzählte von Opfern, die die Kelten ihren Göttern darbrachten. Oft waren es Tiere, nicht selten Kriminelle oder Feinde, manchmal auch Personen aus den eigenen Reihen, die zur Besänftigung von Teutates, Belenus, Lug, Cernunnus, Taranis und Co. sterben mussten. Und die Kelten waren Kopfjäger – und zwar jagten sie die Köpfe ihrer Feinde, die sie im Kampf töteten und als Trophäen zur Schau stellten.

Viel zu schnell verging die Zeit, viel zu schnell war die faszinierende Zeitreise mit dem Keltenexperten aus Unterzettlitz schon wieder vorüber. Langer Applaus und etliche Detailfragen folgten. Und Angela Hennemann vom Team der Dorfjugend Oberleiterbach, die zu dieser besonderen Expedition eingeladen hatte, war sich sicher: Es sollte nicht die einzige Veranstaltung dieser Art bleiben.

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