BAD STAFFELSTEIN

Obstsortenkartierung: Ein Kampf gegen das Vergessen

Fragen aus dem Publikum greift Obstexperte Wolfgang Subal gerne auf. Foto: Markus Drossel

Ob Rheinischer Winterrambur oder Gräfin von Paris – Wolfgang Subals Credo ist ganz einfach: „Wenn man die alten Sorten kennen würde, dann würde man keine neuen Sorten brauchen.“ Der Pomologe aus Heidenheim bei Gunzenhausen hat von 2013 bis 2018 für das Biodiversitätsprojekt „Sicherung der Obstsortenvielfalt in Oberfranken“ 7000 Obstbäume erfasst, insgesamt etwa 650 Sorten, von denen er 285 bestimmen konnte. Diese Kartierungsaktion stellten er und Diplom-Geoökologe Gerhard Bergner von der Höheren Naturschutzbehörde der Regierung von Oberfranken am Montag vor.

Die Stadt Bad Staffelstein und das Obermain-Tagblatt hatten im Rahmen der Aktion „Eine Chance für die Staffelsteiner Beckenbirne“ in die Adam-Riese-Halle eingeladen. Rund 50 interessierte Zuhörer füllten das Foyer und stellten im Anschluss an die Vorträge viele Fragen. Die Referenten stießen auf offene Ohren mit ihrem Anliegen, alte Obstsorten zu erhalten, zu pflegen und wieder zu vermehren.

Gerhard Bergner von der Höheren Naturschutzbehörde der Regierung von Oberfranken. Foto: Markus Drossel

Noch gebe es eine große biologische Vielfalt in Bayern, so Bergner, aber es stünden schon 44 Prozent der Brutvogelarten auf der Roten Liste. Damit rückt neben der kulturellen Bedeutung der Streuobstwiesen auch ihre Funktion als Lebensraum in den Fokus. Der Geoökologe verdeutlichte dies anhand eines Naturdenkmals in der Flur bei Draisdorf: Auf dem alten Birnbaum wachsen Moose und Flechten, krabbeln Käfer und nisten Vögel.

Die Kartierung alter Obstsorten bietet die Grundlage, um sie wieder vermehren zu können. Wie Bergner erklärte, hat Subal 180 seltene Sorten ausgewählt, Reiser geschnitten und diese veredeln lassen. 820 Bäume entstanden so und wurden auf 30 öffentlich zugängliche Flächen im Regierungsbezirk gepflanzt. „Wenn Sie mit den Verantwortlichen dort reden, dürfen Sie sicher auch ein Reis haben“, meinte der Fachmann.

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Vortrag alte Obstsorten Bad Staffelstein

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Subal stellte vor, was für Sorten er bei der Kartierung in der Gegend von Kloster Banz bis Unnersdorf, Romansthal, Kümmel und im übrigen Gemeindebereich Ebensfeld bestimmt hat. Heute ist der Landkreis Lichtenfels der am besten untersuchte in Oberfranken. Hier fand Subal über die Hälfte der bestimmten Sorten im Regierungsbezirk.

Highlight der Kartierung 2018 war die Goldgelbe Sommerrenette

Von den 7000 erfassten Bäumen seien 5000 Apfel- und 2000 Birnbäume. Spitzenreiter unter den seltenen Apfelsorten sei der Rheinische Winterrambur, unter den Birnen die Staffelsteiner Beckenbirne. Highlight der Kartierung 2018 sei die Goldgelbe Sommerrenette bei Unterbrunn: Der Apfel habe in Deutschland als verschollen gegolten.

Wolfgang Subal zieht die Gäste in seinen Bann. Foto: Markus Drossel

Wie so viele. In Bayern seien 73 Prozent der früher bekannten Apfelsorten verschollen, von den Birnensorten 84 Prozent. Was nicht heißt, dass sie nicht mehr existieren, sondern dass sie nicht mehr bekannt sind. Es gebe zwar historische Quellen, aber lokale Sorten seien oft gar nicht beschrieben worden. Lithografien existierten nur von wenigen Sorten. Und eine Abbildung mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen, sei oft nicht so einfach.

Eine Kartierung sei zudem zeitaufwändig. Es könne durchaus passieren, dass man kommt, wenn die Früchte schon geerntet oder abgefallen sind. Oder noch gar nicht reif. Und im kommenden Jahr mache einem vielleicht ein Ernteausfall einen Strich durch die Rechnung. Entsprechend brauche es schon ein paar Jahre, um Sorten zweifelsfrei bestimmen zu können.

„Hätte ich nicht jemanden getroffen, der mir gesagt hat, das ist die Staffelsteiner Beckenbirne, ich hätte sie nicht erkennen können.“
Wolfgang Subal, Pomologe
Die Zuhörer diskutierten eifrig mit. Foto: Markus Drossel

Und so ist Subal auch auf Unterstützung angewiesen: „Hätte ich nicht jemanden getroffen, der mir gesagt hat, das ist die Staffelsteiner Beckenbirne, ich hätte sie nicht erkennen können.“ 54 Altbäume gebe es noch in Oberfranken, davon 48 im Landkreis Lichtenfels. Der Experte bezeichnete sie als hervorragende Brennbirne, die sich auch gut zum Dörren und Einwecken eigne.

Die Altbestände schwinden weiter. „Viele alte Sorten, die ich noch gesehen habe, sind mittlerweile beseitigt worden“, sagt Subal. Damit gingen unersetzliche pflanzengenetische und kulturgeschichtliche Werte sowie landeskulturelle Identität verloren. Deshalb appellierte er an alle, alte Obstbäume und -wiesen zu erhalten und zu pflegen sowie die Erträge zu nutzen und zu vermarkten.

Verlosungsaktion: Einsendeschluss ist der 15. August

„Die Stadt Bad Staffelstein ist sehr dahinter her, Streuobstwiesen anzulegen und alte Sorten zu pflanzen“, bekräftigte Bauamtsleiter Michael Hess. Um den Erhalt der Staffelsteiner Beckenbirne zu sichern, habe die Stadt das Projekt mit dem Obermain-Tagblatt gestartet: Hans-Karl Hertel aus Horsdorf und OT-Redakteur Stefan Lommatzsch haben zusammen Reiser von zwei Birnbäumen geschnitten und in einer Baumschule veredeln lassen. Im Herbst werden 30 kleine Bäumchen unter den OT-Lesern verlost. Wer teilnehmen möchte, schreibt bis 15. August eine E-Mail mit dem Betreff „Staffelsteiner Beckenbirne“ an redaktion@obermain.de.

Mehr zum Projekt "Eine Chance für die Beckenbirne":

Mehr Informationen zum Biodiversitätsprojekt "Sicherung der Obstsortenvielfalt in Oberfranken" gibt es auf der Homepage der Regierung von Oberfranken.

 

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