KLOSTER BANZ

Neue Erkenntnisse: Valentin Rathgeber saß im Klosterkerker

Professor Dr. Günter Dippold (stehend) und Organist Georg Hagel gestalteten den Abend. Foto: Matthais Einwag

Der Benediktiner-Pater Valentin Rathgeber (1682-1750) ist als Komponist heiterer Musikstücke, vor allem sein „Musikalisches Tafelkonfekt“, bekannt.

Bezirksheimatpfleger Dr. Günter Dippold berichtete bei einem Vortragsabend am Freitag im Kaisersaal, dass Rathgeber seinen Banzer Ordensoberen als unbotmäßiger Querulant begegnete und offenbar eine Verfehlung beging, aufgrund derer er Banz verließ und sich bei zahlreichen größeren Klöstern um Aufnahme bemühte. Auch dass er bei seiner Rückkehr nach Banz in einen Kerker gesperrt wurde, hat Dippold herausgefunden. Er stellte eine Fülle von Details vor, die er aus neu entdeckten Quellen über das Klosterleben im 18. Jahrhundert herausfilterte.

„Heute können wir das Dunkel ein wenig erhellen.“

Dr. Günther Dippold zu

Rathgebers Zeit im Kloster Banz

Von dem Moment an, als Rathgeber 1708 ins Kloster Banz eingetreten war und die geistlichen Weihen empfangen hatte, „haben wir nur noch wenige Informationen“, sagte Dippold eingangs und fügte an: „Heute können wir das Dunkel ein wenig erhellen.“ Er zeichnete den Lebensweg Rathgebers nach, indem er all das einfließen ließ, was die kürzlich ausgewerteten, bisher unbekannten Dokumente beweisen oder nahelegen.

Schreibkalender des Infirmarius: nicht als Tagebücher gedacht, aber...

Spektakulär sei die große Reise, die Rathgeber am 22. Oktober 1729 antrat und von der er erst nach fast neun Jahren zurückkehrte. Was hatte es mit dieser Reise auf sich, die fast wie eine Flucht aussieht? Bisher habe die Reise, was Motiv und Charakter angehe, Rätsel aufgegeben, sagte der Historiker, „doch wir können die Nuss heute wohl knacken“.

Banz hatte, wie jedes Kloster, einen Infirmarius – einen Mönch, der für die Pflege seiner Mitbrüder verantwortlich war. Für deren medizinische Behandlung im engeren Sinn sei ein Staffelsteiner Bader zuständig gewesen, der dafür ein Fixum erhielt. Kam es jedoch zu außerplanmäßigen Aderlässen, verzeichnete der Infirmarius das in seinen Schreibkalendern. Er notierte jedoch nicht nur Ereignisse und Daten, sondern schrieb auf, was sich im Kloster zutrug. Dabei seien die voll geschriebenen Kalender wohl nicht als Tagebücher gedacht gewesen, sondern als Erinnerungsbehelfe: „Er notierte oft nur wenige Stichworte, schrieb meist flüchtig, und manchmal ist das rasch Hingeworfene nahezu unlesbar. Die Sprache ist meist Latein, gelegentlich Deutsch, nicht selten ein Mischmasch aus beidem.“

Werkstattbericht, da Bestand noch nicht ganz ausgewertet

1716 wurde das Amt des Infirmarius dem Mönch Augustin Stöcklein übertragen, der es rund 30 Jahre bekleidete – „dieser Augustin Stöcklein ist unser Gewährsmann“. Leider sei die Überlieferung, die er fand, nicht vollständig, sagte Dippold. „Ich habe den gesamten Bestand gesichtet, aber noch nicht vollständig ausgewertet, … was ich Ihnen vortrage, ist ein Werkstattbericht.“ Er beabsichtige, diese Lebensgeschichte noch heuer im Druck herauszubringen.

Günter Dippold schilderte, welche Aufgaben Rathgeber in Banz hatte, welche Kurzreisen er mit dem Abt oder den Klosterbeamten zu Klostergütern machte und wie oft der häufig kränkelnde Mönch zur Kur verreiste. 1721 erkrankte Rathgeber schwer: „Ein Wechselfieber suchte ihn am 1. April heim, wohl die Malaria.“

Beim Kuraufenthalt wohl unangemessen betragen

Bei einem dieser Kuraufenthalte 1726 in Kissingen hat er sich wohl zusammen mit zwei anderen Mönchen unangemessen betragen. Die Heimgekehrten wurden in Banz gemaßregelt und murrten darüber. Stöcklein charakterisiert sie als „male contenti“, als Lumpengesindel. In der Folge kam es zum Bruch mit dem Abt – und immer wieder kritzelte Stöcklein neue Verfehlungen Rathgebers in seine Kalender. Einmal wurde Rathgeber „zum Bodensitzen bestraft – er durfte also bei den Mahlzeiten nicht auf einem Stuhl sitzen, sondern musste, als Demutsgeste, auf dem Boden hocken.“

1729 schickte Abt Benedikt Lurz den aufsässigen Pater weg – „auf ewige Zeit“. Stöcklein hält die Szene des Abschieds laut Dippold so fest: „Ohne Respekt vor den Oberen sei Pater Valentin boshaft bis zuletzt … Finster seien seine Augen gewesen, höhnisch seine Miene.“

Die Verfehlungen vorgehalten

Unruhig reiste Rathgeber in den kommenden Jahren durch Europa auf der Suche nach einem neuen Kloster, wird aber immer wieder abgewiesen. Am 2. September 1738 pochte Pater Valentin dann wieder an die Banzer Klosterpforte. Er sei, so hielt Stöcklein fest, „freiwillig aus seinem Elend“ zurückgekehrt. Das Mönchskapitel beriet über seinen Fall und hielt ihm seine Verfehlungen vor, worauf er ausschweifend antwortete. Was ihm genau vorgeworfen wurde, geht aus den Quellen nicht hervor. Schließlich führten ihn der Prior und Augustin Stöcklein in einen unterirdischen Haftraum. Klosterkerker, so der Bezirksheimatpfleger, seien im 18. Jahrhundert durchaus üblich gewesen.

„ Es ist ein trauriges Bild,

das zu Rathgebers leichter, froher Musik so

gar nicht passen mag.“

Resümee des Referenten

Günter Dippolds Resümee: „Es entsteht das Bild eines unglücklichen Menschen, der nicht nur in Banz, sondern auch andernorts durch sein Auftreten Anstoß erregte, der lange Zeit rastlos nach einem guten Ort für sich suchte und ihn nicht fand. Es ist ein trauriges Bild, das zu Rathgebers leichter, froher Musik so gar nicht passen mag.“

„Was hatte er verbrochen?

„In der Fragerunde wollten die Zuhörer vor allem eines wissen: „Was hatte Rathgeber verbrochen?“ Dippold antwortete zunächst mit einer humorigen Bemerkung: „Ich bin ein phantasiebegabter Mensch – ich will Sie gar nicht an meinem Kopfkino teilnehmen lassen!“ Ernsthaft fügte er an: „Es kann schon eine Ohrfeige, ein Schmähwort gewesen sein.“

Spekulation: Vielleicht fuhr er sehr schnell aus der Haut

Auf Empathie gestützt könnte man spekulieren, dass Rathgeber ein schnell aus der Haut fahrender Mensch war, der sich aus klösterlicher Sicht ins Unrecht setzte. Man könne sich nur „an den Daten festhalten und etwas projezieren“.

„Wo war der Kerker?“, lautete eine weitere Frage. Darüber, sagte Dippold, gebe es keine Angaben – möglicherweise habe er sich im damals jüngsten Klostertrakt befunden, in dem es noch Räume ohne Verwendung gab. Bemerkenswert sei, dass offenbar ein Gefängnis für diesen einen Insassen eingerichtet wurde, der dort 14 Tage schmachtete. Wahrscheinlich fürchtete das Kapitel, Rathgeber könnte – wie ein Mitbruder kurz zuvor – entfliehen und evangelisch werden.

Musikalische Begleitung

Drei Schlagarien Rathgebers trug Basilikaorganist Georg Hagel aus Vierzehnheiligen eingangs auf dem Flügel vor – und einen Konzertsatz zum Schluss.

Das Rathgeber-Denkmal im Banzer Klosterhof. Foto: red

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