GRUNDFELD

GSG 9: Mein Freund, der Herr General

GSG 9: Mein Freund, der Herr General
In Gedanken ist Ulrich Wegener bei den Treffen von Werner Schumm und Klaus Röder häufig dabei. Die beiden Männer fühlen sich beschenkt, ihm auch als Menschen begegnet zu sein. Foto: Markus Häggberg

Am 13. Oktober 1977 landete eine Lufthansa-Maschine von Palma de Mallorca startend nicht planmäßig in Frankfurt am Main. Terroristen entführten sie und brachten sie via Zypern, Rom, Dubai und Aden nach Mogadischu. Befreiung sollte durch die GSG-9 kommen. Ihr Gründer und erster Kommandant: Ulrich Wegener. Einer, der mit Wegener befreundet war, ist der Grundfelder Klaus Röder.

Mogadischu – kaum ein Wort in der Nachkriegsgeschichte der BRD elektrisiert so sehr wie dieses. In der somalischen Hauptstadt drohten vier palästinensische Terroristen die 86 Passagiere samt Bordpersonal der „Landshut“ in die Luft zu sprengen, wenn die in Stammheim einsitzenden Köpfe der RAF nicht frei kämen. Darf sich ein Staat erpressen lassen? Eine Frage, die nicht nur den damaligen Kanzler Helmut Schmidt und sein Krisenkabinett beschäftigte, sondern auch Millionen Bürger.

Eine Frage, die auch Klaus Röder umtrieb. Auch er gehört zu den Menschen, die noch ganz genau wissen, wo sie waren, als sie Kunde von der durch „Operation Feuerzauber“ geglückten gewaltsamen Befreiung der Geiseln erhielten. „Ich war damals auf einem HNO-Kongress in Coburg als ich jemanden sagen hörte: 'Die haben die „Landshut“ befreit', und ich weiß noch, ich hatte eine stolz geschwellte Brust, denn ich war stolz, bei so einer Truppe (Röders Dienstzeit dauerte von 1966-1968, hernach war er Pharmareferent) gewesen zu sein.“ Die Truppe, von der Röder spricht, war der Bundesgrenzschutz (BGS), aus dem die berühmte Anti-Terror-Einheit GSG-9 hervorging.

Der Hund im Grammophon

Betritt man Röders Wohnung in Grundfeld, so überkommt einen das Wort „Fülle“. Alles hat hier Geschichte und erzählt Geschichten, die Möbel, die Figuren, die Akten und sogar die Stofftiere. So wie der Hund, der als dekorativer Witz aus dem Trichter eines Grammophons schaut, erinnernd an den Hund der Grammophonmarke His Masters Voice. Eine Fülle an Erinnerungen hat Röder auch an den Menschen Wegener. So um das Jahr 2005/06 habe er ihn kennengelernt.

Damals war Röder noch 2. Vorsitzender der Bundesgrenzschutz-Kameradschaft Coburg und mit einer Abordnung bei einer Art Kameradschaftstreffen in Bad Honnef, als ihm dort jemand steckte, der berühmte BGS-General Wegener wohne ganz in der Nähe. „Da bin ich mit Uniform zu seinem Haus gegangen, habe geklingelt und gesagt: Herr General, ich darf mich vorstellen.“ Und was machte der General? „Er hat mich reingelassen.“ Der Beginn einer Freundschaft unter alten BGS-lern.

Neben Klaus Röder sitzt an diesem Tag Werner Schumm, auch er wie Röder ein Mann in den Siebzigern, auch er ein Ehemaliger des BGS, ein Bamberger und Leitender Polizeidirektor in Ruhestand. Zuletzt sei er im Bundesinnenministerium tätig gewesen, dann im Ruhestand Unruheständler - auf Anfrage als Langzeitberater für die EU in Warschau mit Sachgebiet „Innen- und Außengrenzen.“ Schon 1958 habe er Wegener in Coburg kennengelernt.

„In Coburg hat Wegeners BGS-Laufbahn begonnen“, erklärt Schumm. Während der Olympischen Spiele 1972 in München habe Wegener ihm gesteckt, dass er vom damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher Order bekommen habe, eine Einheit zur Terrorbekämpfung aufzubauen, die „in einem Jahr zu stehen hat“. Hintergrund: Das Olympia-Attentat und die Überforderung regulärer Polizeieinheiten.

Wenn Schumm erzählt, dann tut er das häufig mit Wortwitz. Auffällig an ihm: Je weiter man ihn im Profil betrachtet, umso mehr Ähnlichkeit hat der gebürtige Nürnberger mit Herbert Wehner. Schumm und Röder werfen sich humorig Erinnerungsfetzen zu, die der jeweils andere zu komplettieren hat. Kannst du dich noch an den erinnern? Wer waren die Nachfolger Wegeners bei der GSG-9? Was ist aus diesem und jenem geworden?

Kennengelernt haben sich die beiden Männer 2011 im Staatsarchiv Coburg, als Wegener dort zu Gast war und einen Vortrag hielt. Über Mogadischu. Im Vertrauten und in geselliger Runde habe man sich mal mit „mein Freund“ angesprochen, ansonsten sei es bei „Herr General“ geblieben. So wie die beiden Männer das erzählen, versteht man schnell, dass es ihnen selbst unschicklich vorgekommen wäre, einen Rahmen zu verlassen. Hierarchie wird nur nach innen aufgehoben, nicht nach außen.

Die Sache mit dem Übungsflugzeug

Das Wissen, welches Röder und Schumm teilen, ist hochinteressant und nicht allgemein bekannt. Da wäre beispielsweise die Sache mit dem Übungsflugzeug. Wegener und seine GSG-9-Kameraden hatten am 18. Oktober 1977 auf der Rollbahn in Mogadischu um 00:05 Uhr MEZ die Flugzeugtüren der Landshut zu öffnen. Tatsächlich habe Wegener dieses Szenario schon lange vorher in der Ausbildungsphase durchgeprobt und das zufällig bei einer baugleichen Maschine. Auch seien die Kabinen der Übungsmaschine mit Weichholz ausgekleidet gewesen, um beim Scharfschießen die Gefahr von Querschlägern auszuschalten. Auch mit der Gefahr von Geiselnahmen in Eisenbahnwaggons habe sich Wegener beschäftigt und dementsprechend einen Trainingswaggon erhalten.

Wie fühlte es sich für Klaus Röder an, als dieser in einem Brief Wegeners erstmalig las, dass dieser ihn mit „mein Freund“ titulierte? „Es war eine Ehre, ich war baff“, so der Grundfelder. Aber solcher Baffheit soll Wegener mit dem Satz „In der Pension ist der Mensch wichtig, nicht der Rang“, begegnet sein. Wohl fünfmal sei Wegener im Alter in Grundfeld gewesen und habe dort auch übernachtet.

„Dann haben wir sein Auto immer in der Garage gestellt, damit ihm keiner ein Päckchen unters Auto bastelt“, so Röder. Die Gefahr eines verspäteten Racheakts aus der Ecke der von ihm bekämpften Personen sei nicht von der Hand zu weisen gewesen, erklären Röder und Schumm. Immerhin habe Wegener aus Bundesmitteln beschützt gelebt.