BAD STAFFELSTEIN

Brückentheater Bad Staffelstein: Heines „Loreley“ auf Fränkisch

Jan Burdinski begeisterte sein Publikum im Brückentheater mit Texten und Couplets von Otto Reutter. Foto: Gerda Völk

Der Künstler steht schon einige Minuten vor Beginn der Vorstellung auf der Bühne. In den ersten beiden Reihen sind noch einige Plätze frei. „Das Brückentheater ist eine tolle Erfindung“, sagt Jan Burdinski. „Es hat 68 Plätze, sind diese voll, ist kein Platzmehr in der Sardinenbüchse.“ So ganz unrecht hat der Theatersommer-Intendant nicht, wie das Publikum feststellen muss. Dennoch gehört die Spielstätte zu den beliebtesten des Fränkischen Theatersommers. Bei den Besuchern und bei den Künstlern.

Das Brückentheater im Bad Staffelsteiner Kurpark hat noch eine weitere Besonderheit: Der Sitznachbar dient als Wärmequelle, auch das gebe es sonst in keinem anderen Theater. Burdinski vermutet, dass viele Besucher wegen des Titels „Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau“ gekommen sind. „Dies scheint ein allgemeines Problem zu sein“, stellt er mit einem Augenzwinkern fest. Wer nur deshalb gekommen ist, sieht sich auf eine harte Probe gestellt. Erst gegen Ende ist dieses Stück zu hören.

Der kleine Pummelige mit dem Bauch

Otto Reutter, eigentlich Otto Pfützenreuter, kommt am 24. April 1870 in Gardelegen zur Welt. Er gilt als einer der ganz großen Vertreter des deutschen Varietés. Über seinen Werdegang beschrieb er in seiner Autobiografie: „Wollte zum Theater, Krach mit dem Vater. Kaufmann gelernt, heimlich entfernt.“ Otto Reutter war der kleine Pummelige mit dem Bauch, den er stolz vor sich hertrug. „Das sollten sie auch machen“, rät Burdinski seinem Publikum und stolziert über die kleine Bühne.

In bester Otto-Reutter-Manier nimmt er all die Eitelkeiten, Leidenschaften und Schwächen aufs Korn und haucht den Texten und Couplets Leben ein. Er überzeugt in der Rolle des ruhelosen Zeitgenossen („Mit der Uhr in der Hand“) ebenso wie im Couplet, dessen Refrain empfiehlt „Sei modern“. Schon vor mehr als 100 Jahren hatte Reutter einige Erkenntnisse gewonnen, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben.

Werden Männer ab 60 attraktiver?

Werden Männer über 60 wirklich attraktiver? Schauen ihnen sogar die Frauen nach, wenn sie vorbeigehen? Eine Behauptung, deren Beweis Burdinski nicht schuldig bleibt. Auf dem Weg von der Bühne in den Zuschauerraum folgen ihm die Blicke nicht nur der Damen. Burdinski versteht es, sein Publikum zu unterhalten. Auf diese Erkenntnis folgt der Rat „Nehmen sie einen Alten“.

Otto Reutters Couplets sind deftig, urwüchsig und witzig. „Er war ein Wortspieler“, erfährt das Publikum. Köstlich auch die Interpretation von Heinrich Heines Ballade von der „Loreley“, die Burdinski in verschiedenen deutschen Dialekten zum Besten gab, unter anderem auch auf Fränkisch. Dass Claudia Schiffer vor einigen Jahren für einen Tankerunfall am Loreleyfelsen verantwortlich gewesen sein soll, darf allerdings bezweifelt werden.

Zum Pazifisten ist Otto Reutter erst durch einen schweren Schicksalsschlag geworden. Sein einziger Sohn fiel im Ersten Weltkrieg. Davor hatte Reutter sogar Kriegsrevuen geschrieben. Seine Texte widmen sich alltäglichen Ereignissen, die schon Erich Kästner und Kurt Tucholsky an Reutter bewundert hatten. „Alles wegen der Leut“ ist auch so ein Text, der auch im 21 Jahrhundert noch seine Gültigkeit hat. Zumindest in weiten Bereichen. Wegen der Leut' gehen wir in Kunstgalerien, schwärmen für Wagner, fahren wir Automobil und hasten nach Titeln und Ruhm.

Jan Burdinski begleitet sich selbst auf der Gitarre und mit dem Akkordeon. Dann erfährt das Publikum noch, dass offenbar ein Scherzbold die 68 durchnummerierten Stühle im Brückentheater durcheinandergebracht hat. Es hat beinahe eine Stunde gedauert, bis Burdinski dies wieder in Ordnung gebracht hat. Am Ende der Vorstellung ist das titelgebende Lied der Veranstaltung doch noch zu hören.