KLOSTER BANZ

Preisträgerkonzert: Die Zukunft der Liedermacherszene

Ein frecher Glanzpunkt des Abends: Miss Allie. Foto: Markus Häggberg

Es ist eingeläutet. Das Preisträgerkonzert der Hanns-Seidel-Stiftung ist alljährlich gleichsam Auftakt zu den „Liedern auf Banz“. Wohl an die 450 Besucher in dem neu gestalteten Saal hörten am Donnerstagabend Zeitgeist oder sogar das, was die Zukunft einer Liedermacherszene bringen könnte.

„Ich wünschte,

ich wäre seine Nase.“

Miss Allie, Sängerin

Gemurmel, Andrang und Prominenz – das sind seit je her die bestimmenden Eindrücke, die sich dem Beobachter kurz vor Beginn eines Konzertes der Preisträger bieten. Und natürlich auch die Freude auf das kommende Erlebnis, bei dem Nachwuchsmusiker zeigen, weshalb gerade sie unter einer alljährlich enormen Anzahl von Einsendern von einer Fachjury für preiswürdig erachtet wurden. Große Karrieren haben hier schon begonnen. Aber diesmal war etwas anders: die Räumlichkeit. Noch nie fanden so viele Menschen Platz hier unten im Gewölbekeller, was an den geglückten Renovierungsarbeiten lag. „Den zweiten Vorteil kann ich noch nicht sehen“, witzelte Peter Witterauf. Der Generalsekretär der Stiftung spielte auf die Klimaanlage an, trotz der es doch recht warm blieb.

Dann wurde es still

Dann folgte eine Artigkeit, die ins Wohlige ging. Witterauf lobte die Partnerschaft zwischen Bad Staffelstein, dem Bayerischen Rundfunk, der Hanns-Seidel-Stiftung und dem Landkreis, durch die „einer der schönsten Veranstaltungsorte Deutschlands“ ermöglicht wird. Zu dieser Zeit befanden sich die Träger der jeweils mit 5000 Euro dotierten Preise noch jenseits der Bühne, darauf wartend, dass sie von den Moderatoren Thomas König und Hans-Peter Niedermeier auf die Bühne gerufen werden. Doch gerade Letzterer nahm sich noch Zeit, um das Familiäre an diesem Ort zu betonen. Als die Herbstbrüder dann die Bühne betraten, war es still. Da waren sie also, die beiden Männer, die sich 2015 in der fünften Staffel der Castingshow „The Voice of Germany“ begegneten und das musikalische Miteinander beschlossen. Cihan Morsünbül (Gesang) und Markus Bremm (Gitarre) bilden ein Duo, das genau die Musik verkörpert, die derzeit im deutschsprachigen Raum Popularität genießt.

Befindlichkeitsfolk?

Aber wie will man diese Musik nennen? Befindlichkeitsfolk? Es war so oft die Rede von Gefühlen und Empfindungen, aber nur selten war bei diesen sich über mehrere Lieder hinziehenden Nabelschauen wirklich klar, wer eigentlich der Adressat dieser Texte sein soll und worum genau es in ihnen geht. Die Geschichten des Duos fanden sich eher zwischen den Liedern, dann, wenn die beiden einstigen Berliner Straßenmusiker davon erzählten, beim dortigen „Ordnungsamt bekannt“ zu sein oder wenn sie sich des Obdachlosen Thierry erinnerten, der ihnen für Vertrauen die Augen öffnete. Dazu schufen sie einen Song, der sich dann doch wieder aus dem Konkreten ins allgemein Philosophische verlor. Allerdings darf man dem Duo bescheinigen, dass es einen geschulten Sinn für stimmungsvolle Gitarren-Intros hat und den Geschmack eines Großteils des Publikums traf.

Barfüßig mit Hosenträgern

Den Gegenpart zu diesem Duo bildete Miss Allie, die sehr konkrete Geschichten erzählte. So stand sie da, die barfüßige Frau mit Hosenträgern und Lebensstationen von Berlin bis Norddeutschland. Eine Stimme, mit der sie Lieder von Brecht singen könnte und ein Wortwitz, der sich an satirische Pointen ebenso wie an klare Worte wagt. So erhellend wie frech war beispielsweise ihr Lied, in dem sie sich wünschte, der Toaster, der Fernseher oder der Computer ihres Freundes zu sein, weil der mit alledem pfleglicher umgehe als mit ihr. „Ich wünschte, ich wäre seine Nase“, sang die Frau. Denn: da stecke er wenigstens die Finger mal rein.

Solch Unverblümtes verzieh man ihr gerne, denn es tanzte doch mit der Bitternis. Was da in 1,60 Meter Körpergröße an Lebenslust auf der Bühne stand, säuselte, kratzbürstete, aufstampfte und Reime schuf, wirkte textlich unverbraucht. Das konnte man Ami Warning so nicht unterstellen, musste man aber vielleicht auch gar nicht. Denn bei ihr stand eher der Rhythmus im Vordergrund, der ein Bandgefüge prägt. Ihre Musik lebte davon, gekonnt mit Funk und Groove angereichert zu sein. Beeindruckend auch Ami Warnings Stimme, die behauchte Gelöstheit ausstrahlte. Vier, fünf Songs brachten die Künstler jeweils zu Gehör und sie werden nun erstmalig an beiden Lieder-Tagen vor jeweils rund 4000 Zuschauern neben Größen wie Fendrich oder Wartke auftreten. Das Willkommen in der „Banzer Kulturfamilie“ wurde ihnen am Ende jedenfalls von Hans-Peter Niedermeier angeboten. Auch er erneut ein Grund für die gute Laune im Saal, denn kein Moderator dürfte es bislang gewagt haben, die ehrwürdige Hanns-Seidel-Stiftung in einem gekonnt-flapsigen Moment „Johnny-Seidel-Foundation“ zu nennen.

Die Herbstbrüder in einem innigen Moment. Ihre Musik war geprägt von Gefühlsbetonung. Foto: Markus Häggberg
Der hell und freundlich gestaltete Spielsaal kann nach seinem Umbau weit über 400 Publikumsbesucher fassen. Foto: Markus Häggberg