EBENSFELD

Worauf denn noch warten?

Wolfgang Stölzel am Euphonium gehört schon zu den „Erfahrenen“ in der kürzlich gegründeten Bläserklasse. Foto: Franziska Wagner

Es tutet, dröhnt und schallt laut. Dazwischen wird im Takt mitgezählt und dirigiert. Den Rhythmus klatschen Hände und Füße mit. Spaziergänger, die abends an der Aula der Pater-Lunkenbein Schule vorbeilaufen, drehen verwundert die Köpfe. Denn drinnen folgen neun Frauen und Männer dem Taktstock von Reinhold Stärk.

Für die Neu-Musiker ist es die zweite Probe der ersten Erwachsenenbläserklasse Ebensfeld. Stärk verrät ihnen noch einige Besonderheiten zu ihren Instrumenten, zur Rhythmik und zur Orchestermusik im Allgemeinen, dann legen die neun los, und es erklingen die ersten gemeinsamen Töne des neugegründeten Orchesters.

Eine halbe Stunde früher: „Auf was will ich noch warten?“, wirft Christine Schremps die Frage vor Beginn der Probe in den Raum. Die blonde Frau hat bisher noch keine Musik gemacht, jetzt will sie es wissen. So geht es auch den meisten der anderen, festentschlossenen Neuinstrumentalisten.

Während sie behutsam ihr Saxophon aus dem Instrumentenkoffer nimmt und zusammenschraubt, baut Reinhold Stärk die Sitzordnung des kleinen Orchesters in einem Halbkreis auf, ganz wie bei den Profis. Für den Dirigenten ist es die dritte Erwachsenenbläserklasse, die er ins Leben ruft. Über die früheren erfolgreichen Gruppen, die bis heute noch bestehen, erzählt er: „Ich war anfangs selbst erstaunt, dass das Musizieren im Orchester so gut funktioniert hat. Wenn sich alle eingefunden haben, ist es wie eine große Familie. Bei Erwachsenen stell ich immer wieder fest, wenn die sich mal entschlossen haben, ihre Freizeit zu investieren, sind sie voll beim Musikmachen dabei.“

Als alle eingetroffen sind, packen die Teilnehmer ihre Instrumente aus. Nun sind die Notenständer an der Reihe. Reinhold Stärk muss schmunzeln: „In Grundschulklassen seh ich oft, wie dabei die tollsten Knoten zusammenkommen. Deswegen kann ich euch nur dringend raten: Schafft euch gleich einen guten Notenständer an und übt, bis ihr ihn auch im Dunkeln richtig aufbauen könnt.“

Gelächter ist zu hören

Von Hinweisen zu den Notenschlüsseln der unterschiedlichen Instrumente, über Taktarten, Rhythmen und Notenlinien bis hin zu der Besetzung eines Orchesters erfahren die Teilnehmer alles, was sie zum Start ins Musikerleben brauchen. Nachdem nach einer Rhythmikübung die Koordination von Hand und Fuß nicht richtig gelingen will, ist Gelächter im Raum zu hören. Das Dirigieren im Viervierteltakt hingegen funktioniert gleich so gut, dass Wolfgang Stölzel den Dirigenten kurz ablösen darf und so statt seinem Euphonium im Arm den Taktstock in der rechten Hand führt. Bereits vor 21 Jahren hat er in Prächting Musik gespielt, aus zeitlichen Gründen aber vor 17 Jahren aufgehört. Er darf sich zu den Erfahrenen zählen und freut sich, wieder zu musizieren.

Nachdem mit verschiedenen Bauchatemübungen das Zwerchfell trainiert worden ist, dürfen endlich die Instrumente selbst zum Einsatz kommen. „Man denkt oft, dass kleinere Instrumente wie die Querflöte mit viel weniger Luft gespielt werden als beispielsweise eine Tuba. Aber das stimmt so gar nicht.“ Es komme viel mehr auf Unterschiede in Luftschnelligkeit und -menge an. Untrainierte Lungen können dabei ein Luftvolumen von zweieinhalb bis drei Litern fassen, bei guten Musikern werden aber auch Werte von bis zu sieben Litern gemessen. „Deswegen ist es wichtig, dass ihr auch zuhause übt, die Töne so lang wie möglich zu halten“, bittet der Dirigent seine Schüler, bevor sie ihre Instrumente säubern, um sie wieder in den Koffern zu verstauen.

Die einzige, die dabei wenig handanlegen muss, ist Monica Rübensaal: „Eigentlich bin ich gekommen, um Saxophon zu lernen. Aber mich haben schon immer die fasziniert, die hinten stehen.“ Hinten im Orchester stehen die Musiker, die für Rhythmus und Takt sorgen, also beispielsweise Paukenspieler oder Trommler. Aus diesem Grund übernimmt sie nicht die Rolle eines Holz- oder Blechbläsers, sondern vertritt das Schlagwerk mit ihrem Xylophon. Als Pianistin falle ihr die Handkoordination dafür auch nicht schwer. „Bei den Blasinstrumenten hab ich auch einfach keinen Ton rausgebracht“, gesteht sie.

„Es ist wirklich bemerkenswert wie schnell sich so eine Gruppe zusammenfindet“, bemerkt Benedikt Krüger, der stellvertretende Vorsitzende der Musikvereinigung. Über die bisherige Besetzung der neuen Erwachsenenbläserklasse erklärt er: „Im Moment sind es zehn Leute, die zu den Proben kommen. Aber für Quereinsteiger sind wir jederzeit offen.“

Die gut überlegte Entscheidung, noch im Erwachsenenalter ein Instrument mit Gleichgesinnten von Grund auf neu zu erlernen, ist vielen der musikalischen Neuzugänge nicht schwer gefallen. Für Waltraud Will ist es eine völlig neue Erfahrung. Als sie vor einigen Wochen den ersten Informationsabend besuchte, probierte sie zunächst alle der angebotenen Instrumente aus. Am „sympathischsten“ erschien ihr am Ende das oft unbeachtete Fagott. „Es ist wirklich eine ganz wundervolle Sache“, schwärmt die frisch gebackene Fagottistin: „Ich habe mir so ein Instrument auch gekauft.“

Bisher nur Schnupperstunden

Auch Bernd Schuster hat für die Querflöte seines Sohnes doch noch eine Verwendung gefunden. Er habe bisher nur bei ein paar Schnupperstunden seiner Flöte erste Töne entlockt, ansonsten sei er noch ein „blutiger Anfänger“: „Aber als ich die Anzeige in der Zeitung gelesen hab, hab ich mir sofort gedacht: Das ist genau das Richtige für mich. Wenn man jetzt nicht anfängt, wann denn dann?“

Fast schon ein Orchester: Unter der Leitung von Dirigent Reinhold Stärk spielen neun musikalische Neuzugänge ihre ersten gemeinsamen Töne. Foto: Franziska Wagner