VIERZEHNHEILIGEN

Sankt Blasius drohte abzustürzen

Sankt Blasius: Im Südturm drohte die Glocke herabzufallen, da Stahlbänder gerissen waren. Foto: Repro: Andreas Welz

Die Zeit, als wunderbare Glockenklänge der Basilika Vierzehnheiligen das Maintal erfüllten, kommt wieder. Das hoffte Basilikaorganist Georg Hagel bei seinem Vortrag, den er anlässlich der Hauptversammlung der Freunde und Förderer der Basilika hielt. Hagel absolvierte eine Ausbildung zum Glockensachverständigen und stellte den Zustand des Geläuts, das schon zum Teil stillgelegt wurde, dar. „Nicht nur die Glocken sind gefährdet sondern auch die Substanz der Türme“, befürchtete er.

Aus Sicherheitsgründen wurden Weihnachten die beiden großen Glocken stillgelegt. „Sie sind die einzigen erhaltenen paarweise gegossen Großglocken des Bamberger Glockengießers J. Lotter“, betonte Hagel. Die Wurzeln des Übels seien Stahljoche in den Glocken hängen sowie instabile und mit Stahl verstärkte Glockenstühle des 19. Jahrhunderts die mit dem Mauerwerk der Türme verbunden sind. Sie übertrügen gefährliche Schwingungen an das Mauerwerk und verzerrten den Klang. Holzglockenstühle dagegen schwingen mit und bilden einen Resonanzkörper.

Der Referent schilderte, wie er die Schäden an den Glockenstühlen entdeckte. Als er im Sommer vergangenen Jahres mit offenem Autofenster den Berg zur Basilika hochfuhr, hörte er die Glocke Nr. 2, Sankt Blasius, anders läuten als sonst: Dumpfer, schwächer, irgendwie blecherner. Nach der Messe holte er sich den Turmschlüssel und bestieg den Südturm. „Was sich mir bot, war ein Anblick des Schreckens: von den drei eisernen Haltebändern, welche die Glocke am Joch befestigten, waren zwei gerissen, das dritte bereits gelockert, so dass die Glocke schon schief hing und am Läuteseil scheuerte.“ Sofort drehte er die Sicherungen für das Geläut im Südturm raus.

Die Wartungsfirma erneuerte die gerissenen Haltebänder, aber damit sei die Ursache der Schäden nicht behoben worden, so Hagel. Seine Neugier war geweckt. Warum rissen solche Halterungen, was ist die Ursache, woher kommen solch immense Krafteinwirkungen? In dem Restaurierungsbericht über die Basilika von Claus Peter wurde er fündig. Peter weist bereits 1990 darauf hin, dass Stahljoche nach etwa 30 bis 35 Jahren Materialermüdungen zeigen und reißen können. Und dass sie Schwingungen nicht dämpfen und der Klang der Glocken beeinträchtigt wird. Noch dazu, wenn sie gekröpft sind. Das wäre alles zu vermeiden, wenn die Glocken wieder wie seit hunderten von Jahren Holzjoche hätten.

Um die Aussetzer der großen Glocke im Nordturm in den Griff zu bekommen, ließ die Kirchenverwaltung alle drei Glocken wieder auf Eichenholzjoche hängen. „Doch sie läuteten weiterhin in einem Stahlglockenstuhl, der auch noch in die Türme eingemauert war, das dümmste, was man eigentlich machen kann“, bedauerte er. Nachdem er mit dem Sachverständigen Claus Peter zwei Tage in den Türmen verbracht hatte, kam die Maschinerie der Sanierung ins Rollen. Die Empfehlung der Fachleute: die beiden stillgelegten Glocken sollen später im Südturm wieder auf Eichenholzjoche gehängt werden. Dazu wird der Glockenstuhl aus Stahl entfernt und ein Stockwerk tiefer zur Demonstration für nachfolgende Generationen eingebaut. Der neue Stuhl soll aus massivem Eichenholz in rein zimmermannsmäßigem Verbund bestehen.

Im Nordturm wird der eingemauerte Stahlglockenstuhl ebenfalls entfernt und durch Eichenholz ersetzt. Beide Glockenstühle werden so konstruiert, dass sie noch weitere – kleinere und höhere – Glocken, ein sogenanntes Zimbelgeläute, aufnehmen können und so die historischen alten Glocken bei den häufigen Wallfahrtsein- und auszügen entlasten. Die Glocke Nr. 3 (Nothelfer) passt sich nicht in das restliche Geläute ein und klingt dissonant. Sie wird künftig nur noch alleine läuten. Als Ersatz muss dazu eine neue gegossen werden, die sich klanglich in das Plenum einfügt und nicht mehr den Gesamtklang stört.

„All das soll spätestens im Jahre 2022 vollendet sein, denn da jährt sich die Einweihung der Basilika zum 250. Mal“, schloss Georg Hagel seinen Bericht. Bis dahin gebe es also noch viel zu tun. „Die Nothelfer werden uns sicher beistehen, doch anpacken müssen wir“, so sein Appell.

Die Geschichte der Glocken

Nach der Verstaatlichung des Klosters Langheim mit der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen wechselten viele Glocken den Besitzer. Die im Jahre 1772 gegossene große Glocke hängt heute in der Stadtpfarrkirche in Lichtenfels und stammt vermutlich aus Vierzehnheiligen. Weitere Forschungen stehen noch aus. Im Ersten Weltkrieg wurden drei große Glocken beschlagnahmt und zerstört. Von der größten ist noch ein Bruchstück erhalten, das im Refektorium des Klosters aufbewahrt wird. Im Zweiten Weltkrieg wurden alle Glocken bis auf eine abgehängt. Drei konnten unversehrt wieder zurückgeführt werden. Die vorerst letzte Etappe in der Glockengeschichte war die Umhängung aller Glocken an verkröpfte Stahljoche im Jahre 1989.

Basilikaorganist und Glockensachverständiger Georg Hagel. Foto: Andreas Welz

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