NEDENSDORF

Ein Bock im edlen Bierpokal

Das kleine Brauhaus in Nedensdorf. Hier wird der Weizenbock gebraut. Foto: Norbert Krines

Je näher der 23. April kommt, desto häufiger wird man diesen einen Satz, der den Kern des „Reinheitsgebots“ von 1516 ausmacht, hören: „Wir wöllen auch sonderlichen das füran allenthalben in unsern Stetten Märckthen unn auf dem Lannde zu kainem Pier merer stückh dann allain Gersten Hopfen unn wasser genommen unn gepraucht sölle werdn.“

Was heute vor allem künstliche Farbstoffe und Aromen im Bier ausschließt, diente ursprünglich einem ganz anderen Zweck: Die Verordnung der Herzöge Wilhelm IV und Ludwig X sollte vor allem Weizen und Roggen als Braugetreide fürs gemeine Volk verbieten und Hopfenbiere gegenüber den Grutbieren durchsetzen.

Unter „Grut“ verstand man eine Vielzahl an würzigen und bitteren Kräutern und Pflanzen, die in vielen Regionen zur Aromatisierung und Bitterung von Bier verwendet wurden. Darunter waren zum Beispiel Schafgarbe, Rosmarin, Mädesüß, Wacholder oder Wermut genauso wie auch Giftiges und Drogen wie Fliegenpilz oder Tollkirsche. Grutbier gab es vor allem in Norddeutschland, wo Hopfen schlecht wuchs. Im Süden, wo die hochrankende Pflanze aus der Familie der Hanfgewächse gedieh, setzte man dagegen voll und ganz auf Hopfenbiere.

Auch beim Getreide gab es mit Roggen und Weizen Alternativen zum Brauen. Aber als wichtige Brotgetreide durfte man sie nicht zum Bierbrauen „verschwenden“. Das untersagte das „Reinheitsgebot“ von 1516 zumindest dem Volk. Denn Weizenbiere waren nicht generell verboten – im Gegenteil. Weil Weizen- oder Weißbiere traditionell obergärig, also bei höheren Temperaturen, vergoren und das ganze Jahr über gebraut und ausgeschenkt werden können, war ein Weißbierprivileg eine echte Gelddruckmaschine.

Untergärige Gerstenbiere konnte und durfte man nämlich nur bei kalten Temperaturen brauen. 1520 verlieh der bayerische Herzog das Weißbierprivileg an die Familie von Degenberg, die es auch behielt, als 1567 Weißbier als „ein unnützes Getränk, das weder führe noch nähre, noch Kraft und Macht gäbe, sondern nur zum Trinken reize“ wieder verboten wurde. Als die Familie ausstarb, fiel das Recht zurück an den bayerischen Herzog, der nun mit dem Weißbiermonopol die eigene Kasse füllte.

So streng wie 1516 sieht man es mit dem Braugetreide heute freilich nicht mehr. Erlaubte das „alte Reinheitsgebot“ nur Gerste, sind mittlerweile alle Malzsorten zugelassen. Das weitaus ältere „Bamberger Reinheitsgebot“ von 1489, das wohl auch für die Städte und Gemeinden im Landkreis Lichtenfels galt, war da seiner Zeit deutlich voraus. Es sah nämlich damals schon vor, dass die Brauer „in solches Bier im Brauen und im Suden nichts mehr denn Malz, Hopfen und Wasser nehmen und brauchen“ sollten. Das Brauen mit Weizen war also nicht von vorneherein verboten und es lag auch nicht – wie in Bayern – ausschließlich in der Hand des Landesherren.

Als Anfang des 19. Jahrhunderts Franken an Bayern fiel und das kleine Brauhaus in Nedensdorf, die Brauerei Reblitz, gegründet wurde, war das herzoglich-bayerische Weißbiermonopol schon wieder aufgehoben. Weißbier wurde mit der Zeit immer unpopulärer. Bis zu den 1960ger Jahren sank der Weizenbierausstoß in Bayern auf unter drei Prozent! Heute ist es dagegen beliebt wie nie zuvor. Fast jedes zweite gebraute Bier in Südbayern ist ein Weizen. In Franken sind solche Biere dagegen eher Nischenprodukte – oder eben echte Spezialitäten, die entsprechend in Szene gesetzt werden. Wer zum Beispiel bei der Brauerei Reblitz den Weizenbock bestellt, den es seit fünf Jahren immer wieder vor Ostern gibt, bekommt statt eines Weizenglases einen edlen Bierpokal. Der mag im ersten Moment irritieren, doch die geschwungene Form, die an ein Rotweinglas erinnert, stellt die Aromen dieses Spezialbiers noch deutlicher heraus, als es ein einfaches Weizenglas könnte.

Da wäre das volle Aroma nach reifen Bananen zum Beispiel, für das die obergärige Hefe verantwortlich ist. Das findet sich auch im vollmundigen Trunk wieder. Dieses seidige, fast schon samtige Mundgefühl kommt übrigens vom Weizenmalz-Anteil. Und der muss in Bayern bei einem Weizenbier mindestens 50 Prozent betragen. Mit seinem ausgewogenen und eleganten Weizenbock muss Thomas Reblitz den Vergleich zu seinen südbayerischen Brauerkollegen nicht scheuen. In einem treffen sich der Reblitz Weizenbock und seine Urahnen aus dem 17. Jahrhundert jedoch wieder: Am besten genießt man das obergärige Bier frisch. Wer das verpasst, kann sich ab dem 18. März mit einem Roggenbier trösten.

Nur mit dem attraktiven Werbespruch „Gebraut nach dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516“ sollten sich Weizen- und Roggenbiere ausgerechnet seit diesem Jahr nicht mehr schmücken. Ende Februar 2016 haben nämlich die Verbraucherzentrale Baden Württemberg und die Weißbierbrauerei Erdinger einen lange schwelenden Streit beigelegt. Erdinger muss ab 31. Juli 2016 auf die prominente Jahreszahl verzichten. Der Beliebtheit dieser Biersorte wird es kaum Abbruch tun.

In der nächsten Folge geht es um die Frage, wo es in Franken eigentlich die meisten Brauereien gibt.

Mit seinem ausgewogenen und eleganten Weizenbock muss Thomas Reblitz den Vergleich zu seinen südbayerischen Brauerkolleg...

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