BAD STAFFELSTEIN

Im Fuchsgang und mit Eulenblick

Wacklige Angelegenheit: Wieviele Kinder passen auf einen Baumstumpf? Foto: Adriane Lochner

Stolz zeigt die neunjährige Lucia Krappmann aus Uetzing ihr Naturtagebuch: Schmetterlinge, Käfer, Frösche oder Blätter – alles was sie im Wald sieht, malt sie ab. Die Tiere und Pflanzen schlägt sie in Büchern nach und schreibt unter jede Zeichnung den dazugehörigen Namen. Wildnispädagogin Sabine Simeoni sagt: „Durch Erfahrung lernen die Kinder am besten. Sie haben ein Erfolgserlebnis, wenn sie selbst auf die Antworten kommen. Das weckt die Begeisterung, und das Wissen bleibt länger hängen.“

Diese Lehrmethode heißt „Coyote Teaching“ und stammt von den amerikanischen Ureinwohnern. Es geht darum, spielerisch zu lernen, den eigenen Verstand zu gebrauchen und neue Lösungen zu finden.

Alle zwei Wochen trifft sich Simeoni mit ihrer Waldläuferbande in Wolfsdorf bei Bad Staffelstein. Vom Basislager aus ziehen sie gemeinsam los in den Wald. Nach dem Vorbild der alten Naturvölker sollen die sechs- bis neunjährigen Mädchen und Jungen lernen, ihre Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen.

„Wenn ihr euch auf das gesamte Blickfeld konzentriert, seht ihr mehr. Zum Beispiel, wenn sich seitlich etwas im Gebüsch bewegt.“

Sabine Simeoni,

Wildnispädagogin

Bevor die Wanderung beginnt, übt die Pädagogin mit den Kindern den Eulenblick: Sie breiten ihre Arme aus, gerade soweit, dass sie ihre Fingerspitzen noch in den Augenwinkeln erkennen können. „Wenn ihr euch auf das gesamte Blickfeld konzentriert, seht ihr mehr. Zum Beispiel, wenn sich seitlich etwas im Gebüsch bewegt“, sagt Wildnispädagogin Simeoni. Mit dem Eulenblick will sie den Kindern eine andere Sichtweise beibringen, weg vom gewohnten Tunnelblick stur nach vorn.

Um Tiere und Pflanzen zu beobachten und in sie in ihrem Naturtagebuch festzuhalten, verteilen sich die Kinder im Wald. Jeder sucht sich einen abgelegenen Sitzplatz. Dann wird es still, Vögel zwitschern, das Laub raschelt und Stifte kritzeln leise auf Papier. „Die Kinder sollen lernen, wie schön es ist, draußen zu sitzen und Ruhe zu finden. Das ist eine Art Meditation, von der sie auch später im Erwachsenenleben profitieren.“

Der Pädagogin zufolge ist es enorm wichtig für Kinder, einen Rückzugsort zu haben. Gerade das Sitzplatz-Ritual nehmen sie sehr gut an, immer länger wollen sie an ihrem Ruheplatz bleiben. „Manche Eltern sagen mir, ihre Kinder hätten eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Davon merke ich hier im Wald nichts“, sagt Simeoni.

Wenn die Zeit um ist, gibt die Pädagogin das Signal zum Versammeln: „Hu hu“, ruft sie wie die Eule. Zusammen mit der Pädagogin sitzen die Kinder nun im Kreis und erzählen, was sie gesehen und gehört haben. Reden darf nur, wer den Redestab in der Hand hält, alle anderen hören zu. Simeoni sagt: „Das ist eine uralte Kommunikationsform der Naturvölker. So lernen die Kinder, dass es hier keine hierarchischen Strukturen gibt und wir uns alle gegenseitig respektieren.“

Diese Methode schule das Selbstbewusstsein und helfe vor allem schüchternen Kindern, mehr aus sich herauszugehen. Den anderen ausreden zu lassen und selbst gehört zu werden sei eine wichtige Erfahrung für das Alltagsleben.

Kindern fehlt heutzutage der Zugang zur Natur. Das ist der gelernten Erzieherin während ihrer Arbeit in Kindergärten und Jugendgruppen immer wieder aufgefallen. „Die Menschen suchen mittlerweile wieder nach ihren Wurzeln. Das wollen sie auch für ihre Kinder“, sagt Wildnispädagogin Simeoni, die selbst auf dem Land aufgewachsen ist, in Reundorf bei Lichtenfels. Mit ihrem Großvater hat sie viel Zeit in der Natur verbracht und die Erlebnisse sehr genossen. Dieses Gefühl wollte sie auch ihren Schützlingen nahebringen und hat Zusatzausbildungen gemacht, erst Wildnispädagogik in Österreich, dann Waldpädagogik an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Mühldorf am Inn.

Die heute 45-Jährige ist seither jedes Jahr in verschiedenen Wildnisschulen in Deutschland und Österreich unterwegs, um dort auszuhelfen und neue Ideen zu sammeln. Vor einigen Jahren ist sie zusammen mit ihrem Mann, ebenfalls ein Wildnispädagoge, auf die Idee gekommen, die eigene Schule „Naturbegegnungen“ zu eröffnen. „Wir haben immer nebenher Kurse gegeben, Bogenbau unterrichtet oder einen Mädchenkreis organisiert. Daher schien es irgendwann naheliegend, unser Programm auszudehnen“, sagt Simeoni.

Auf ihren Wanderungen überrascht es sie oft, wie schwierig es für manche Kinder ist, sich im Gelände zu bewegen, auf Schotterwegen zu laufen, über Äste zu steigen oder über Hindernisse zu klettern. Solche Fähigkeiten will sie ihren Waldläufern beibringen, ohne Zwänge oder Leistungsdruck.

„Die Kinder sollen lernen, wie schön es ist, draußen zu sitzen und Ruhe zu finden. Das ist eine Art Meditation, von der sie auch später im Erwachsenenleben profitieren.“
Sabine Simeoni

Bei den Spaziergängen durch den Wald achtet sie darauf, dass die Kinder sich frei entfalten können. „Ich habe schon einen Plan, was wir jedes Mal machen werden, aber vieles ergibt sich aus der Situation“, sagt Simeoni. Zum Beispiel begeistern sich die Kinder für einen kleinen Bach. Ein Junge hat die Idee, eine Brücke zu bauen, die anderen steigen sofort ein. Gemeinsam tragen sie dicke Äste und kleine Baumstämme zusammen und legen sie über das Rinnsal. Simeoni gibt keine Anweisungen, beobachtet die Kinder und greift nur ein, wenn es gefährlich wird, etwa, wenn einer versucht, auf einen Jägersitz zu klettern.

Auch Pfadfinder-Fähigkeiten bringt die Wildnispädagogin ihren Waldläufern bei. Die Lektion beginnt mit der Frage: „Spielen wir ein Spiel?“ Dagegen gibt es keine Einwände. Das Spiel nennt sich Fuchs und Hase. Dabei sollen die Kinder den Fuchsgang lernen, ein anderes Wort für Anschleichen. Ein Kind spielt den Hasen und sitzt mit verbundenen Augen in der Mitte. Die anderen Kinder werden still und eines nach dem anderen versucht sich heranzuschleichen. Hört der Hase den Fuchs und zeigt in seine Richtung, hat der Fuchs verloren und der Nächste ist dran.

Zurück im Basislager gibt es Brotzeit, warmen Tee und Geschichten am Lagerfeuer. Dort, in dem eingezäunten Gelände mit dem Bauwagen und der Feuerstelle, finden neben den Waldläufern noch andere Kurse statt, zum Beispiel Kräuterwerkstadt, Frauenkreis oder Bogenschießen. Daneben gibt es Naturmentoring nur für Mädchen, Wildniswochen für Erwachsene oder individuellen Unterricht zum Arbeiten mit Naturmaterialien für jeden, der Interesse hat.

Mehr Informationen zu den Waldläufern gibt auf www.simeoni.de.