UNTERLEITERBACH

Vom Gasthof zum Wohnheim

In der Gemeinschaftsküche: Said Bakloro steht am Herd. Der 29-jährige Syrer ist einer der 45 Menschen, die momentan im W... Foto: Birgid Röder

Kaum ein Projekt der vergangenen Jahre bot so viel Gesprächsstoff wie die Umnutzung des ehemaligen Gasthofes Hennemann in ein Asylbewerberheim. Jetzt wohnen 45 Menschen unterschiedlichster Herkunft in dem Gebäude und hoffen auf eine zügige Entscheidung über die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung.

Bis auf eine Familie und ein Ehepaar sind vor allem junge Männer in Unterleiterbach untergebracht, in Zwei- oder Vierbettzimmern, eingerichtet mit Stockbetten, Spinden und einem Tisch, fast wie in einer Jugendherberge. Laut Empfehlung sollen in einem Zimmer pro Person sieben Quadratmeter zur Verfügung stehen. Das ist nicht viel.

Die Sanitärräume befinden sich auf dem Gang, Waschmaschinen und Trockenraum im Erdgeschoss. Dazu gibt es zwei Gemeinschaftsküchen und einen Aufenthaltsraum.

„Die Syrer kamen alle mit kurzen Hosen und Turnschuhen, sie sind auf die Witterung hier nicht vorbereitet.“
Carola Wieland Arbeiterwohlfahrt

Das Außergewöhnliche sind die Inhaber des Heimes: Fünf Unterleiterbacher und ein Zapfendorfer haben sich zusammengetan, das schon länger zum Verkauf stehende Anwesen erworben und in enger Absprache mit dem Landratsamt umgebaut. „Bevor wir den Verkauf besiegelten, haben wir in einer Informationsveranstaltung die Unterleiterbacher über unser Vorhaben aufgeklärt und die Alternative geschildert“, sagt Dieter Brückner, einer der Inhaber, dem Obermain-Tagblatt. Die Alternative wäre ein auswärtiger Investor gewesen, ohne jeglichen Bezug zum Dorf.

Die jetzige Lösung sehen die Beteiligten als die deutlich bessere. Abwechselnd schaut täglich einer der Eigentümer nach dem Rechten. Es gibt ein bis zweimal wöchentlich eine Sprechstunde. Drei „Hausmeister“ aus den Familien kümmern sich abwechselnd um die technischen Belange. Der ehemalige Saal dient als Lagerraum. Hier werden samstags Spenden verteilt, wie auf einem kleinen Basar. Mützen und Schals zum Beispiel, oder Winterschuhe, diese finden wirklich dankbare Abnehmer. „Die Syrer kamen alle mit kurzen Hosen und Turnschuhen, sie sind auf die Witterung hier nicht vorbereitet“, erklärt Carola Wieland von der Arbeiterwohlfahrt.

Sprachbarriere

Zwei große Wünsche haben die Asylbewerber: Deutschkurse und W-Lan. Die Sprachbarriere ist hoch, einige sprechen etwas Englisch. Mit Arabisch kommen sie in Zapfendorf nicht weit. Beim Arztbesuch stoßen sie schnell an ihre Grenzen, irgendwann kann man sich mit Händen und Füßen nicht mehr verständigen. Hier ist Land in Sicht. Die ehemalige Zapfendorfer Lehrerin Ursula Lunz hat vor Jahren bei Asylbewerbern in Lauf schon einmal Deutschkurse angeboten, sie ist auch in Unterleiterbach bereit, ihr Wissen weiterzugeben, braucht aber noch Unterstützung. „Im Team ist es viel einfacher“, sagt sie. Wer sich hier mit einbringen möchte, ist herzlich willkommen.

Beim Internetanschluss sind die Besitzer gefragt. Diese befürchten, dass „alles zusammenbricht“, wenn sich 20 Mann gleichzeitig einwählen. Auch die Rechtslage und Haftungsfrage wollen sie noch klären, bevor sie W-LAN installieren. „Internet ist für diese Menschen sehr wichtig, viele haben noch ihre Familie in ihrem Heimatland und können sie nur so erreichen“, erläutert Carola Wieland von der Arbeiterwohlfahrt. Auch das Verschicken von Dokumenten in die Krisengebiete sei auf diese Weise schneller und sicherer möglich als mit der Post. „Handys sind in Kriegsgebieten lebensnotwendig und nicht, wie bei uns, ein ,Luxusartikel'“, erklärt Wieland weiter. Festnetztelefone gebe es mangels Leitungen dort so gut wie nicht. Darum bringe fast jeder der Asylbewerber, der in Deutschland ankommt, zumindest ein Handy mit.

In der ehemaligen Gaststätten-Küche stehen jetzt vier Elektroherde, an denen die Heimbewohner ihre Mahlzeiten selbst zubereiten. Essenspakete gibt es nicht mehr. Zum Einkaufen laufen sie nach Zapfendorf. Oder sie fahren mit dem Fahrrad. „Wir brauchen noch Fahrradspenden, auch reparaturbedürftige, möglichst einfache Ausstattung, mit der Möglichkeit, Licht zu montieren“, sagt Helmut Miske, einer der „Hausmeister“. Die jungen Männer schrauben unter Anleitung gerne selbst mit und bringen die Räder wieder in Gang. So haben sie auch eine Beschäftigung.

Das ist eine weitere Herausforderung, gerade jetzt in der dunklen, kalten Jahreszeit. Arbeiten dürfen sie noch nicht, solange ihre Anträge laufen. „Vielleicht hat jemand eine Tischtennisplatte, die er abgeben würde, oder es steht irgendwo ein Kicker, der nicht mehr gebraucht wird“, appelliert Yvonne Brückner, die mit anderen Helfern versucht, den Flüchtlingen den Neustart zu erleichtern nach den oft schlimmen Erlebnissen in ihrer Heimat und auf der Flucht. Die Langeweile, das Grübeln kann bedrücken, wenn Menschen ohne Aufgabe so nahe zusammen untergebracht sind mit anderen, die ihnen fremd sind.

Manche kochen miteinander, andere spielen Karten. Keiner weiß, wie lange sie hier bleiben. „Zumindest die Verfahren der Syrer sollen zügig ablaufen, doch überall in den Ämtern ist zuwenig Personal, sie sind auf die momentane Situation nicht eingestellt, obwohl es schon seit einem Jahr bekannt ist“, sagt Wieland, die seit 12 Jahren in dem Gebiet tätig ist. Sie hat miterlebt, wie immer mehr Asylbewerberheime geschlossen und Stellen abgebaut wurden. Zwischen 2005 und 2007 gab es auch kaum Nachfrage, gerade ein Asylbewerber wurde in Bamberg anerkannt. Doch jetzt brenne es an mehr und mehr Orten.

„Im August 2014 wussten wir plötzlich nicht, wohin mit den Menschen, die aus Zirndorf zu uns kamen“, ergänzt Uta von Plettenberg, die zuständige Abteilungsleiterin vom Landratsamt. Inzwischen gebe es mehr Wohnungsangebote, doch oft nicht wirklich brauchbar.

Zurzeit sind rund 350 Asylbewerber im Landkreis Bamberg untergebracht. Es gibt sechs Heime, zwei weitere gehen in den nächsten Monaten in Betrieb. In Unterleiterbach sind 24 der 45 Bewohner Syrer. Dazu kommen fünf Georgier, und je zwei oder drei Personen aus dem Irak, dem Kosovo, aus Mazedonien, Aserbaidschan und Albanien. Das kann sich in der nächsten Zeit immer wieder ändern.

Die Eigentümer haben einen Einjahres-Vertrag mit dem Landratsamt, nachdem sie bis zu 50 Flüchtlinge unterbringen. Bis zu, je nach Bedarf. „Wir haben investiert und das war kein Betrag aus der Portokasse“, so Brückner. Den Aufwand in den Umbau und die „Betreuung“ hätten sie in etwa so eingeschätzt. Nur die Brandschutzvorschriften, von der Rettungstreppe bis zu Feuerschutztüren, die seien deutlich aufwändiger gewesen als gedacht. Geplant sei von der Eigentümerseite diese Nutzung für die kommenden drei Jahre.

Im Eingang hängt ein Schild, auf Englisch und Arabisch der Hinweis, die Nachtruhe einzuhalten und beim Heizen die Fenster zu schließen. Ein junger Mann wischt gerade den Flur. Die unterschiedlichen Nationen müssen miteinander klarkommen. „Wir haben bisher noch keine Probleme und wenn, sind wir vor Ort und können regulierend eingreifen“, sagt Miteigentümer Thomas Miske. Er unterstreicht die soziale Verpflichtung, die Deutschland habe. Wieland ergänzt: „In Jordanien leben zurzeit zwei Drittel Flüchtlinge, nur ein Drittel sind Einheimische, und das in einem wirtschaftlich kaum entwickelten Land. Dennoch ist dort keine Ablehnung der Hilfesuchenden zu spüren.“

„Zwei Wünsche haben fast alle: Deutschkurse und W-LAN.“
Dieter Brückner Miteigentümer

Die Gemeinde Zapfendorf ist kaum involviert. „Das Geld hättet ihr auch einstreichen können“, mit dieser Aussage wurde Bürgermeister Matthias Schneiderbanger oft konfrontiert. Dass die Gemeinde den Umbau und die nachfolgende Betreuung nicht zu dem Geld und in dem Zeitraum realisieren hätte können wie die jetzigen Eigentümer, werde dabei übersehen. Dazu komme noch das unternehmerische Risiko. Was, wenn in einem Jahr kein Bedarf mehr besteht?

„Wir leisten Amtshilfe und zahlen das Taschengeld aus“, so Schneiderbanger. 370 Euro erhält der Einzelne im Monat. Für Lebensmittel, Kleidung, Fahrkarten nach Bamberg zu den Ämtern, Fachärzten oder zur Arbeiterwohlfahrt. Hier erfahren die Flüchtlinge, was wie funktioniert, was sie dürfen und was nicht, hier bekommen sie „Deutschland erklärt“. Doch auch die AWO hat viel zu wenig Personal für den Ansturm. Wieland: „Es wurde zu spät bedacht, wie viele Krisenherde nahe bei Europa liegen, sodass ein Großteil der Flüchtlinge in Europa landet. Syrien oder die Ukraine sind nicht weit weg.“

Kaum Dolmetscher zu finden

Die psychologische Betreuung ist schwierig. Viele wollen in den ersten Monaten in Deutschland auch gar nicht an die Erlebnisse in ihrer Heimat erinnert werden und hoffen, in einem normalen Alltag Ruhe zu finden. Das Wichtigste für sie ist, sich in Sicherheit zu befinden. Wenn sie sich, nach Monaten, wenn sie Vertrauen gefasst haben, entschließen, ihr Trauma aufzuarbeiten, dann wartet die nächste Hürde: Es ist oft schwierig, einen Dolmetscher zu finden. „Die ehrenamtlichen Dolmetscher sind zurzeit mehr als ausgelastet“, so Wieland, die Pädagogik und Islamkunde studiert hat.

Ein bisschen Heimat

Die Tür geht auf. Eine Gruppe junger Männer kommt gerade von Erledigungen aus Bamberg zurück. Voller Freude packen sie ihren Einkauf aus: Sesampaste, getrocknete Spinatblätter, Bohnen, Gewürze. Gemeinsam beginnen sie zu kochen, die Küche wird für kurze Zeit ein wenig zur Heimat.

Benötigte Sachspenden

Gebraucht werden:

Winterschuhe für Herren ab Größe 40, lange Hosen, langärmlige T-Shirts, Winterjacken, Schals, Mützen;

Handtücher, Duschtücher, Taschen jeglicher Art, von der Stoff über die Reisetasche bis zum Rucksack, Decken, Kleiderbügel, Geschirr (außer Gläser und Krüge), Kaffee- und Thermoskannen,

Fahrräder, auch reparaturbedürftig,

Reisebetten für Babys;

Keine Möbel.

Terminvereinbarung zum Abliefern oder Abholen und weitere Informationen unter Tel. (09547)872298 (Dieter Brückner, bitte auch auf Anrufbeantworter sprechen).

Die Zimmer: Freundlich gestrichene Wände, Betten und Spinde sind Bundeswehrausstattung, stabil und zweckmäßig.

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