OBERLEITERBACH

Beeindruckt von der „Cooperativa“

Wahlweise mit Pellets oder Hackschnitzeln: Aus der Heizzentrale heraus werden 35 Energiegenossen mit Nahwärme versorgt. ... Foto: markus drossel

Teotónio Júlio Tomas António Pio ist sichtlich beindruckt. „Ich bin begeistert von dem, was ich hier gesehen habe“, sagt der Mosambikaner auf Portugiesisch. Knapp 8000 Kilometer fernab der Heimat in Südostafrika sucht der Leiter der Abteilung für Energie der Provinz Sofala auf Einladung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums Ideen für die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes. Im 240-Seelen-Ort Oberleiterbach hat er in den vergangenen Stunden viele wertvolle Anregungen bekommen, die er sorgsam verinnerlicht hat. „Die ländliche Region hier, fernab von großen Städten, lässt sich sehr gut mit der in Mosambik vergleichen. Wir haben in unserem Land viel Biomasse, die aber leider noch nicht genutzt wird.“ Im oberfränkischen Bioenergiedorf ist das anders.

Es ist die „Insellösung“, die Teotónio Júlio Tomas António Pio so begeistert. Damit ist er nicht alleine: Auch seine Begleiter aus Mosambik und die Vertreter aus Angola sind sehr angetan, lauschen aufmerksam den Worten von Diplom-Geograph Frank Hoffmann, Projektmanager Bioenergiedörfer bei „Energievision Franken“. Seit Oktober 2013 versorgt ein Nahwärmenetz 35 der 60 Haushalte in Oberleiterbach mit Wärme. Dazu wurden 2530 Meter Leitungsnetz im Dorf verlegt. Dorferneuerung sei Dank, ging das relativ einfach vonstatten. Es habe viele Hürden zu nehmen gegeben, betont Hoffmann. Einer Gruppe von umtriebigen Oberleiterbachern aber sei es zu verdanken gewesen, dass das Projekt trotz allem umgesetzt wurde. Von der ersten Idee 2008 seien aber viele Jahre ins Land gegangen. Letztlich entstand ein Vorzeigeprojekt, das mit 40 Prozent gefördert wurde.

Zwei Zentren habe das Dorfwärmenetz in Oberleiterbach, so der Planer. Zum einen die von dem örtlichen Landwirtsbetrieb Schmuck betriebene Biogasanlage am Ortsrand Richtung Kleukheim, die hauptsächlich Strom produziere und die Wärme, die dabei entstehe und sonst ungenutzt entweichen würde, ins Heizungsnetz einspeise. Zum anderen gebe es eine Heizzentrale im Ort, die Spitzenlasten im Winter durch Verbrennung von Hackschnitzeln oder Pellets abfangen solle, aber so groß konzipiert sei, dass das Bundesgolddorf auch komplett mit Wärme versorgt werden könne, solle es zu einer Störung in der Biogasanlage kommen. Für die Umsetzung wurde die Energiegenossenschaft Oberleiterbach (Portugisisch: Cooperativa) gegründet, deren Mitglieder ihre eigenen Kunden sind. Mit 8,5 Cent pro Kilowatt liege der Preis für die Anschlussnehmer bei knapp zwei Dritteln von dem von Wärme aus Erdöl.

„Es ist wirklich interessant zu sehen, was ein Dorf aus Eigeninitiative – mit Unterstützung – schaffen kann“, lobt José Karymba aus Angola. Er ist einflussreicher Berater der Politik in Luanda, der Hauptstadt – und genau die will er auffordern, sich ein Beispiel an Oberleiterbach zu nehmen. „Wir haben in Angola viele abgelegene Regionen, für die es ein staatliches Programm zur ländlichen Entwicklung gibt“, erklärt er. „Vor allem für Wasserversorgung und Elektrifizierung. Diese Insellösung hier ist beeindruckend.“

Die Mosambikaner und Angolaner haben viele Fragen an Energiefachmann Frank Hoffmann, der ihnen die regenerativen Energieformen in Deutschland im Allgemeinen und die Projekte in Franken im Speziellen vorstellt. Diese Arten der Energiegewinnung werden in ihren Heimatländern noch wenig beachtet. Umso mehr sind die Vertreter aus Wirtschaft und Verwaltung an den technischen Details interessiert.

Nach einem Kurzvortrag im Gemeinschaftshaus geht es zur Besichtigung vor Ort. Veronika Schmuck erklärt der Delegation an der Biogasanlage, wie aus beispielsweise Mais, Gras und Gülle Strom und Wärme werden. „Unsere Anlage produziert 360 Kilowatt Wärme und 250 Kilowatt elektrische Energie“, sagt sie auf Fränkisch. Die Dolmetscherin übersetzt ins Portugiesische – und die Besucher sind aufmerksam und nicken zustimmend. Danach geht es zur Heizzentrale im Ortskern, wo Reiner Zapf-Willmer von der Energiegenossenschaft Oberleiterbach Rede und Antwort steht. Er macht deutlich, dass das Projekt zukunftsorientiert ist: Sollten weitere Häuser in Oberleiterbach gebaut werden, können weitere Energiegenossen aufgenommen und versorgt werden.

Immer wieder kommen Fragen nach den Kosten. Insgesamt seien 1,29 Millionen Euro für die Dorfheizung verbaut worden, erfahren sie. „Das sind schon sehr hohe Anfangsinvestitionen“, findet Teotónio Júlio Tomas António Pio. Aber: „Die Idee mit der Kooperative ist sehr gut.“ Diese würde er auch gerne in Mosambik umsetze. Denn nur so, in der Gemeinschaft, klappte es in Oberleiterbach. „Erst durch die Bürger wurde es wirtschaftlich“, sagt Projektmanager Frank Hoffmann.

Fünf Tage sind die Gäste aus Mosambik und Angola im ganzen Freistaat unterwegs. In Bamberg beispielsweise besichtigten sie das Fluss-Wasserkraftwerk und den Holzvergaser am Hallenbad „bambados“. Eingeladen hat das Bayerische Wirtschaftsministerium, für die Umsetzung sind die Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) gGmbH zuständig.

Die Delegation bedankt sich herzlich für den eindrucksvollen Besuch in Oberleiterbach. „Muito obrigado.“ Dann steigen sie in ihren Bus gen Hof, mit vielen Ideen, Visionen, Notizen und Fotos im Gepäck.

An der Biogasanlage: Veronika Schmuck (re.) erläutert der Delegation aus Mosambik und Angola, wie in Oberleiterbach aus ...

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