BAD STAFFELSTEIN

Altstadtfest Bad Staffelstein: Hexen, Trickser, Kettenhemden

Mittelalterlicher Zauberer und doch im Magischen Zirkel: Friedrich Ulshöfer alias Zauber-Fritze alias „Zaubler und Gaukerer.“ Foto: Markus Häggberg

Das Altstadtfest ist sehr ans Mittelalter angelehnt. Man sieht Kostüme und Waffen, hört Sackpfeifen und Trommeln, und man erlebt alte Handwerkskunst, Tänze und Hexen. Zeit also, mal Menschen zu begegnen, die so ein Fest überhaupt erst lebendig machen.

Klaus Schmidt ist in den Bayerischen Staatsforsten beschäftigt. Unweit zweier zum Verkauf stehender Kutschen ist er auf dem Rathausplatz damit befasst, aus einem Stamm eine Art überdimensionales Vierkantholz zu machen. Die Technik dazu ist keltisch und das Werkzeug auch.

Eine Technik aus dem vierten Jahrhundert vor Christus

„Holz ist schon immer mein Material“, sagt er, der jede Menge Zuschauer hat. Sein Werkzeug ist spannend und das ihm zugrunde liegende Prinzip seit dem vierten Jahrhundert vor Christus klug und gut. Denn seine Äxte und Beile haben eine Tülle, in welche die Stiele gesteckt werden. „Das ist eine keltische Tüllenaxt – es federt (beim Zuschlagen, aber es mindert das Prellen. Das Prinzip gibt es heute noch bei modernen Werkzeugen“, weiß der Mann zu dem zu sagen, was an diesem Prinzip werkzeug- und gelenkschonend ist. Gott allein weiß, wie oft er an diesem Tag zu alledem befragt wird.

Ines Rottenbach hat so etwas wie eine Lust am Hässlichen. Und das, obwohl die Frau sich auch als Marylin Monroe zu geben weiß. Allerdings nicht hier am Altstadtfest, hier gewiss nicht.

Lisa Junge lächelt, auch wenn der Boden noch so glatt ist. Souverän tanzte sie Mittelalter, Orient und Lebensfreude. Foto: Markus Häggberg

Denn hier ist sie eine Hexe mit ungesundem Teint, einer riesigen Nase und schlechtem Benehmen. Sieht man ihr bei ihrem Treiben zu, dann sieht das so aus: Sie hat einen Hexenbesen, streunt mit ihm ums Rathaus, wischt mit ihm den Menschen über die Schuhe, pufft ihnen mit ihm in den Hintern oder fuchtelt mit ihm über und an den Köpfen der Passanten herum.

Die Lust am Hässlichen für sich entdeckt

Schon mal aus Versehen dabei eine Perücke oder ein Toupet vom Kopf geholt? „Das ist noch nicht vorgekommen, aber das würde ich selber aufsetzen“, sagt die schlagfertige Frau, die eine alljährliche Begleiterscheinung des Altstadtfests ist.

Lust am Hässlichen? „Naja, es macht Spaß, jemand anderes zu sein und als Hexe muss man sich nicht benehmen“, erklärt sie den Reiz ihres Tuns. Wenn sie so durch die Zuschauer streift, dann, so schätzt sie, legt sie dabei pro Tag gut und gerne zehn Kilometer zurück. Aber alles, so sichert sie zu, sei letztlich „nur eine Rolle“.

Jetzt zieht sie weiter. Es ist Samstagnachmittag. 14.45 Uhr: Regen setzt ein.

Klaus Schmidt hatte einen lieben langen Tag zu tun, mit keltischem Werkzeug und keltischer Technik einen Stamm zu behaue... Foto: Markus Häggberg

15.05 Uhr und der Regen nimmt zu. 15.15 Uhr: Sackpfeifen, Flöten, eine große Trommel und zwei Fragen tauchen auf: „Bad Staffelstein, wo seid ihr? Bin ich hier im Altenheim?“ Der das von der Rathausbühne den Menschen zuruft, ist der Sänger der Musikgruppe „Vogelfrei“. Was er und seine vierköpfige Kombo leisten, ist erstaunlich.

Nicht nur, dass sie die Musik jener Zeit auferstehen lassen, sie gewanden auch moderne Lieder mit den Klängen von einst ein. Sie tun es laut Plan noch viermal an diesem Tag und sie tun es so, dass sie ihre Zuhörer in den Bann schlagen. Regen hin oder her.

Doch der Regen setzt auch einem Zaubler und Gaukerer zu. Das ist zwar alles andere als gutes Deutsch, aber der Mann nennt sich launig so und auf seiner Visitenkarte steht, er sei als Zaubler und Gaukerer „der erste und einzige“.

Täuschen und Tricksen mit dem Zauber-Fritze

Das nämlich, was Friedrich Ulshöfer alias Zauber-Fritze umtreibt, ist die Manipulation, das Tricksen und Täuschen, das, wofür man in weniger aufgeklärten Zeiten mit Hexerei in Zusammenhang gebracht und aufgeknüpft wurde. So steht er da, der pensionierte Lehrer aus dem Main-Tauber-Kreis, lässt sich Schnüre durch die Nase ziehen und verblüfft sein Publikum mit einer „Maschine“, die aus einem Stab und vier an Schnüren befindlichen bunten Bommeln besteht.

Nun möchte man als Publikum an die Ordnung der Dinge glauben, aber dieser „Maschine“ scheint das ziemlich schnuppe zu sein. Egal an welchem Bommel Zauber-Fritze auch zieht, am Ende scheint das Ding ein Eigenleben zu besitzen und kein Effekt ist vorhersehbar.

Ines Rottenbach zeigte sich auf dem Bad Staffelsteiner Altstadtfest zeigt sich die Frau hexenhaft und doch als Hingucker... Foto: Markus Häggberg

Begonnen habe er, so der Mann, als Bühnen- und Solozauberer, „aber man entwickelt sich ja weiter und vor 35 Jahren kam der Gaukler durch“. Doch wie gerät man an die Tricks des Mittelalters. „Durch Faksimileausgaben alter Zauberbücher mit Beschreibungen und Zeichnungen“, so der Zaubler und Gaukerer über den von ihm betriebenen Rechercheaufwand zum Können seiner Kollegen aus all den vorvergangenen Jahrhunderten.

Altstadtfest Bad Staffelstein: Hexen, Trickser, Kettenhemden
Huebnotix-Lead-Sänger Andi Hüebner in einem expressiven Moment. Das Quartett liebt es, ihren musikalischen Helden spiele... Foto: Makus Häggberg

Drei Auftritte stehen ihm bis zum Abend bevor und sie werden 20, 25 Minuten währen. Das Besondere daran: „Ich habe kein festes Programm, keinen festen Ablauf. Ich gucke, wie die Leute reagieren.“ Er selbst ist eines von 3000 Mitgliedern im Magischen Zirkel, so mit Aufnahmeprüfung und allem Pipapo. Als Gaukler und Zauberer mit Schwerpunkt Mittelalter, da ist er sich sicher, dürfte er einer der wenigen Zirkelmitglieder sein. Oder zumindest eine Seltenheit. Auch er ist zum wiederholten Male vor Ort und hält das oberfränkische Publikum für etwas sperrig, nicht leicht zugänglich. Woran das aus seiner Sicht liegt? „Am Oberfranken!“

Ein Heer lagert im Stadtgraben

Ein Heerlager? Ja. Es liegt etwas außerhalb im Stadtgraben und ist Adresse des Fahrend' Leut' e.V., eines Dutzend Hobbyisten mit Interesse für mittelalterliche Waffen, Wehrtechnik und dazugehöriger Lebensart. Ein kleiner Junge ist hier zu finden, blond, blauäugig und seinen Vorsitzenden Tobias Moltmann interviewend: „Woher weißt du, dass das große Kettenhemd 30.000 Ringe hat?“ Moltmann erklärt ihm, dass es dazu allerlei historische Quellen gibt. In einem der Zelte köchelt dazu über offener Flamme ein Topf mit Linsen und Karotten. Tomaten und Kartoffeln gab es im Mittelalter hier ja noch nicht.

Altstadtfest Bad Staffelstein: Hexen, Trickser, Kettenhemden
Spontanität und Lebenslust traf man auf der Straße und vor den Bühnen an. Foto: Makus Häggberg

Lisa tanzt. Lisa tanzt sehr schön und dass die Bühne durch den Regen rutschig geworden ist, kann ihrem Lächeln nichts anhaben. Es ist kein aufgesetztes Lächeln, das ihren andalusischen Tanz, jeden Hüftschwung, die ausladenden Schritte und das mitunter Ballethafte daran begleitet. Man sieht ihr keine Mühen an und jetzt tut Lisa Junge, die angehende Hörgeräteakustikmeisterin ist, etwas, das sie einschätzen können muss: sie schlittert auf den glatten Flächen der Bühne entlang und lässt das zum Rhythmus der Musik wie einen Teil der Choreographie aussehen.

Das Publikum lächelt auch. Was Tanz ihr bedeutet fasst die junge Frau so zusammen: „Es ist mein Ding, ich mache das total gerne, es ist meine kreative Erfüllung.“ Wer auch gerne lächelt und zum Juxen neigt, ist Jörg Kowalski. „Der schwarze Schorsch“, wie sich der Hannoveraner nennt, ist auch Söldner, ist Vogt, ist Gaukler. Aber hier, als Teil des mittelalterlichen Handwerkermarkts um das Rathaus, ist der Mann Bader. Einen Bottich mit 1000 Liter Fassungsvermögen hat er aufgebaut. Es passen sechs Personen rein. „Es kommen gerne Menschen mit Arthrose“, erklärt er und erzählt, dass eine Verweildauer eines Badeaufenthalts bei 45 Minuten liegt.

Altstadtfest Bad Staffelstein: Hexen, Trickser, Kettenhemden
Ein lauer Abend sorgte für volle Gassen und Straßen. Und dafür, dass es Publikum von einer Bühne zur nächsten zog. Foto: Markus Häggberg

Und bei ca. 36 Grad. Und dann wird es noch interessanter, denn er erklärt, was es mit der Esels- bzw. Kuhmilch auf sich hat. Pflegend? Revitalisierend? Rekreierend? Auch. Aber vor allem trübt Milch das Wasser so ein, dass man zehn Zentimeter unter der Wasseroberfläche schon nichts mehr sieht. So habe Cleopatra badend Konferenzen und Empfänge abhalten können.

Man lernt nie aus. Später am Abend wird eine Tänzerinnengruppe beim Bader im Bottich sein. Mit Milch im Wasser und durch Vorhänge vor den Augen der Passanten verborgen.

Ein Auge auf seine Badegäste hatte Bader Jörg Kowalski. Er schwört auch auf Badezusätze. Vor allem auf Milch. Foto: Markus Häggberg
Gaukler und Zauberer Friedrich Ulshöfer musste man nicht alles aus der Nase ziehen. Was er an seinem Tun so mag, erzählt... Foto: Markus Häggberg
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Marcel Schürtz (8) hat da noch eine Frage zum Kettenhemd. Tobias Moltmann hat dazu die passende Antwort. Foto: Markus Häggberg
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Spontanität und Lebenslust traf man auf der Straße und vor den Bühnen an. Foto: Makus Häggberg
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Im Mittelalter gab es noch keine Ampeln. Das erklärt vermutlich, weshalb sie abgehängt waren. Weshalb sie dennoch funkti... Foto: Markus Häggberg
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Davon, dass sie schon durch eine musikalische beginnende Nacht gezogen wurde, bekam die kleine Ida nichts mehr mit. Foto: Makus Häggberg
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Marcel Schürtz (8) hat da noch eine Frage zum Kettenhemd. Tobias Moltmann hat dazu die passende Antwort. Foto: Markus Häggberg
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„Wollen Sie mit Äxten werfen?“, scheint Tobias Moltmann sein Gegenüber hier zu fragen. Das Gegenüber warf tatsächlich un... Foto: Markus Häggberg
Auch ein schönes Motiv: Kutsche mit Rathaus bei Festtag. Foto: Markus Häggberg

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