LICHTENFELS/EBENSFELD/ALTENKUNSTADT

Geschichte vom Dachboden der Synagoge

Altenkunstadt: Geschichte vom Dachboden der Synagoge
Schriftenbündel, das in einer Genisa lagerte. Foto: red

Ein wenig bekanntes Kapitel jüdischer Geschichte in Franken schilderte die Volkskundlerin und Jiddistin Elisabeth Singer-Brehm aus Nabburg bei Online-Vortrag mit dem Titel „Geschichte vom Dachboden.“ Mehr als 250 Teilnehmer nutzten das Angebot des Colloquium Historicum Wirsbergens (CHW) Oberfranken.

„Der Saal ist wieder gut gefüllt“, scherzte der CHW-Bezirksvorsitzende Professor Günter Dippold bei seiner Begrüßung. Die Referentin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Genisa-Projekt Veitshöchheim.

„Alte jüdische Schriften durften nicht einfach weggeworfen werden“, erklärte Elisabeth Singer-Brehm. Unbrauchbar gewordene Bücher, Schriften oder Gegenstände dürfen nach jüdischen Religionsgesetzen nicht vernichtet werden, sondern müssen rituell bestattet werden. Das hebräische Wort „Genisa“ bezeichnet diese in der Synagoge einst hinterlegten Funde. In vielen jüdischen Gemeinden wurden in Synagogen und Bethäusern ein vermauerter Hohlraum auf ungenutzten Dachböden zur Aufbewahrung verbrauchter jüdischer liturgischer Schriften eingerichtet. Dort wurden nicht mehr lesbare Torarollen oder andere Texte, die man nicht mehr benutzte, abgelegt und damit rituell bestattet.

In Deutschland wurden 70 Ablagen verschiedensten Umfangs, Zustands und unterschiedlicher Beschaffenheit identifiziert, 38 davon in Franken. Die Schriften wurden in kleinen Bündeln zusammengeschnürt und in Dachbodeneinrichtungen „bestattet“, damit sie in den Himmel eingehen könnten. Der Begriff „Alter Schamott“ hänge damit zusammen.

Altenkunstadt: Geschichte vom Dachboden der Synagoge
Volkskundlerin und Jiddistin Elisabeth Singer-Brehm bei ihrem fachlich sehr visierten Vortrag über jüdische Geschichte u... Foto: Roland Dietz

Ältester Fund in der Altenkunstadter Synagoge stammt von 1566

Genisafunde ermöglichen einen Überblick über Literaturgeschichte, Lesegewohnheiten sowie Schreib- und Sprachverhalten der jüdischen Landgemeinden. Jüdische Gemeinschaften entstanden in Bayern meist in Franken ab 1820. Nach und nach errichteten sie Synagogen und Bethäuser, von denen viele in der Pogromnacht 1938 von den Nazis zerstört wurden. Damit verbrannten auch viele Schriften.

Derartige Funde wurden in Lichtenfels, Dormitz und Altenkunstadt gemacht. Bei der Renovierung der Synagoge in Altenkunstadt von1989 bis 1993 fand man auf dem Dachboden der ehemaligen Synagoge eine Genisa deren ältestes Fragment, ein in Venedig gedruckter Bibelkommentar, von 1566 stammt. Außerdem wurden Gebetsriemen, eine Thora-Rolle, Leichenschau-Protokolle, Wand- und Taschenkalender, Akten zur Schule und zur Armenkasse, Geschäfts-Korrespondenz, Rechnungsbücher und ein Kartenspiel gefunden. Sie wurden in 25 Kartons sortiert und digitalisiert und sind wie die Lichtenfelser Funde nach Veitshöchheim gebracht worden.

Altenkunstadt: Geschichte vom Dachboden der Synagoge
Teils in meterdicken Genisa-Bodenecken wurden schon in mehreren Synagogen Geschichtsschätze entdeckt. Foto: red

Bei Renovierungsarbeiten in der Synagoge in Veitshöchheim wurde eine beeindruckende Genisa gefunden, wie die Referentin berichtete. Reste von etwa 2500 bis 3000 Texten lagen auf dem Dachboden, darunter Fabeln, Legenden, Geschichtswerke, Novellen und kurze Prosa. Einen ebenfalls spektakulären Genisafund machte man 1992 in Reckendorf. Dass die 1727 errichtete Synagoge in der Pogromnacht 1938 kein Opfer der Flammen wurde, ist nur dem Mut einiger Reckendorfer zu verdanken. 70 Kartons mit Schriftenmaterial wurde sichergestellt. Die Untersuchung war eine teils komplizierte langwierige Arbeit wegen des schlechten Zustands der Fundstücke. Gebündelte Schriften waren oft nur noch einzelne Schnipsel.

Altenkunstadt: Geschichte vom Dachboden der Synagoge
Altes Schriftblatt aus einem Bündel. Foto: red

In Bayreuth wurden bei der Renovierung der Synagoge 2009 in Mauerhohlräumen unter den Bodendielen des Dachbodens unter Ziegelschutt uralte hebräische Schriften gefunden. Von Bibeln über Moralbücher zu verschiedenste Lebensformen für Mann und Frau bis zu jüdische Gebetsbüchern, Arztrezepten und Lottoscheinen reichten die Funde. Neben einem „Kindsbettzettel“ wurden auch Reiseberichte und sogar Erzählungen von Till Eulenspiegel und Märchen aus 1001 Nacht überliefert.

„Genisa-Depots sind wahre Fundgruben für die Forschung jüdischen Lebens, denn sie beschreiben in sich Kultur- und Alltagsgeschichte von jüdischen Gemeinden.“
Elisabeth Singer-Brehm, Volkskundlerin und Jiddistin

„Genisa-Depots sind wahre Fundgruben für die Forschung jüdischen Lebens, denn sie beschreiben in sich Kultur- und Alltagsgeschichte von jüdischen Gemeinden“, erklärte Elisabeth Singer-Brehm. Der Brauch wird auch heute noch gepflegt, doch werde er strenger ausgelegt und fast nur religiöse Schriften werden nun beispielsweise auf dem jüdischen Friedhof in Würzburg beigesetzt.

 

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