BURGKUNSTADT

Wie Patrick Boos die Baur-Gruppe auf Rekordkurs gebracht hat

Zwei Jahre lang hatte Patrick Boos (li.) das Steuer bei der Baur-Gruppe in der Hand. Jetzt wechselt er zu Witt nach Weiden. Als Vorsitzender der Geschäftsführung hatte er vor zwei Jahren Albert Klein (2. v. li.) abgelöst. Ihm zur Seite stehen Hans-Christian Müller (3. v. li.) und... Foto: Archiv-Gerda Völk

Von Umsatzrekord zu Umsatzrekord ist die Baur-Gruppe mit Patrick Boos am Steuer gesegelt. Nach zwölf Prozent Wachstum im vergangenen Geschäftsjahr, verzeichnete die Halbjahresbilanz heuer mit rund 550 Millionen Euro sogar ein Plus von 19 Prozent und zum Jahresende wird voraussichtlich die Umsatzmilliarde erreicht werden. Ein perfekt getrimmtes Schiff, dessen Mannschaft den Rückenwind der Corona-Pandemie für den Onlinehandel genutzt hat, übergibt der passionierte Segler an seinen Nachfolger Stephan Elsner am 1. November. Patrick Boos wird zum Jahresbeginn den Vorsitz der Geschäftsführung der Witt-Gruppe in Weiden übernehmen, wie berichtet. Als Grundlage seines Erfolgs bei Baur nennt er den „konsequenten Kulturwandel“ im Unternehmen.

„Echt, was machst Du denn da?“, hätten ihn Freunde gefragt, als er 2017 als Geschäftsführer für Marke und Vertrieb zu Baur wechselte, berichtet der 54-Jährige. „Ich wollte die Transformation eines großen Unternehmens mitgestalten.“ Das sei bei einem 100 Jahre alten Traditionshaus mit Mitarbeitern, die zum Teil bis zu 40 Jahre im Haus sind, besonders spannend gewesen. Dank des guten Teamgeistes und der Unterstützung der Konzern-Mutter Otto Group sei dies gelungen.

Im Lockdown haben mehr Menschen bei Baur bestellt und sind geblieben

Eine Modenschau zum traditionelle Baur-Neujahrsempfang führte Patrick Boos ein. Weiße Rosenan überreichte er den Mitarbe... Foto: Gerhard Herrmann

Bei den Umsatzrekorden der vergangenen beiden Jahre habe die Baur-Gruppe auch von der Corona-Pandemie profitiert. „Mehr Menschen haben im Lockdown bei uns bestellt, haben gute Kauferfahrungen gemacht und sind geblieben“, erklärt Boos. „Aber wenn man die Segel falsch setzt, hilft auch der Rückenwind nicht.“ Obwohl fast alle Mitarbeiter in der Verwaltung im Home-Office waren, sei der Betrieb vom ersten Tag an gelaufen – manches sogar schneller als vorher.

Die Voraussetzungen dafür seien durch den „Kulturwandel“ der vergangenen Jahre geschaffen worden, dem Boos sich mit rund 30 Prozent seiner Arbeitszeit widmete. Unterstützt wurde er dabei von einem siebenköpfigen Team, das die Ziele ehrenamtlich neben den eigentlichen Augaben mitentwickelte. „Dazu gehört es, Führung neu zu denken, Hierarchien abzubauen, mehr mit den Mitarbeitern zu arbeiten, auf Feed-Back zu setzen, Kritik zuzulassen und nicht zu denken, man sei schlauer als die Mitarbeiter“, betont Boos.

„Ich kann bei der Technik noch so viel machen, wenn die Leute nicht mitgehen, hilft es nichts. Sie müssen merken, es geht besser, wenn sich etwas ändert.“
Patrick Boos, Vorsitzender der Baur-Geschäftsführung

Er glaube, dass der Kulturwandel bei Baur auch der Dreh- und Angelpunkt des digitalen Wandels ist. Wichtig sei es vor allem, den Angestellten die Angst vor der Veränderung zu nehmen: „Ich kann bei der Technik noch so viel machen, wenn die Leute nicht mitgehen, hilft es nichts. Sie müssen merken, es geht besser, wenn sich etwas ändert.“ Denkanstöße gaben auch räumliche Neuerungen wie Coworking Spaces in der Weismainer Verwaltung oder der Trend zum Homeoffice, der dem Unternehmen in der Pandemie zugute kam. Zu diesem neuen Bewusstsein sei der Umbau der digitalen Technologien nach den Bedürfnissen des modernen Onlinehandels und seiner besonderen Wettbewerbssituation gekommen.

Der Bereich Home wird zum Zugpferd

Arbeiten in Lounge-Atmosphäre: Baur-Geschäftsführer Patrick Boos (li.) im lockeren Gespräch mit Mitarbeitern im Coworkin... Foto: Coworking Space

Gerade in Zeiten der Pandemie mit dem Rückzug der Menschen ins Private haben sich auch die Schwerpunkte des Sortiments verschoben. Waren traditionell Schuhe und Mode im Mittelpunkt gestanden, wird der Bereich „Home“ mit Möbeln und Wohnassecoires zunehmend zum Zugpferd. „Zur operativen Exzellenz gehört es, diese Trends frühzeitig zu erkennen und durch Marketing und Service weiter auszubauen“, erklärt Boos. Das bedeute nicht, dass die Mode bei Baur künftig eine geringere Rolle spiele, sondern sei der Marktsituation geschuldet, da niemand sich gegen „category killer“ (marktbeherrschende Unternehmen) wie Zalando durchsetzen könnten. Im Wohnbereich dagegen setze Baur mit Qualität, Service und Marketing Maßstäbe.

Ein Wermutstropfen ist der Wissenschaftscampus, der in der Region viele Hoffnungen geweckt hat und mangels Perspektiven geschlossen werden soll. „Es gibt aktuell noch nicht die Möglichkeit, Universitäten und Unternehmen in der Region auf einer gemeinsamen Plattform zusammenzubringen“, bedauert Boos. Zwar wurden einige Labor-Projekte, etwa für Virtual Reality, und Informationsveranstaltungen in Burgkunstadt angestoßen, doch sei es schwierig gewesen, Partner aus der Wirtschaft zu überzeugen und einen rechtlichen Rahmen für die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern zu finden. „Letzlich hat eine Person gefehlt, die für das Projekt brennt und alle Widerstände überwindet“, so Boos.

Erhöhung des Mindestlohns für die Logistikbranche eine Belastung

Traditionen wie die Bescherung im Kathi-Baur-Altenheim verband Patrick Boos (re.) mit einem neuen Führungsstil. Foto: Dieter Radziej

Um das Wachstum zu bewältigen, wurden im vergangenen Jahr 319 neue Mitarbeiter eingestellt und heuer kamen weitere 222 hinzu. Das sind vor allem Stellen in der Logistik. Angesichts der niedrigen Arbeitslosigkeit sei es nicht einfach, Personal zu finden, daher greife Baur auch mal zu unkonventionellen Methoden wie Plakaten an Laternenmasten. Der gute Name Baur sei auch hilfreich, doch zum Teil müsse in Spitzenzeiten auch auf Leiharbeiter und Kräfte aus Tschechien und Polen zurückgegriffen werden. Wegen der geringen Verdienstspanne in der Logistik bestehe wenig Spielraum für Lohnerhöhungen, bedauert Boos. Daher sieht er auch die Ankündigung des voraussichtlichen Bundeskanzlers Olaf Scholz, den Mindestlohn auf zwölf Euro zu erhöhen, als „Herausforderung für die Branche.“ Da diese zusätzlichen Kosten kaum an die Kunden weitergeben werden könnten, hofft er, dass die Erhöhung in mehreren Schritten gestaffelt wird.

Bei seinen Wünschen an die neue Bundesregierung steht die Digitalisierung ganz oben und eine Transformation in den Bereichen Klimaschutz und Rentensystem. Wichtig sei es, dass die Unternehmen schnell Klarheit bekommen, was die Regierung ändern wolle. Und ein großer Wunsch ist das Ende der Benachteiligung gegenüber amerikanischen oder chinesischen Unternehmen: „Es ist schwer zu ertragen, dass US-Firmen in Deutschland so gut wie keine Steuern zahlen und die Chinesen durch lasche Zollkontrollen Vorteile erhalten.“

Die Menschen bei Baur wird er vermissen und das fränkische Bier

Gerne hätte Patrick Boos den großen Technologieumbruch, den er angestoßen hat, noch begleitet. Doch der Reiz der neuen Aufgabe bei Witt, wo er ebenfalls den „Kulturwandel“ in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit stellen will, überwiegt das Bedauern. „Am meisten vermissen werde ich die Menschen bei Baur, die sich mit einer solchen Hingabe für das Unternehmen einsetzen: Wenn's eng wird stehen alle zusammen.“

Auch den Blick aus seiner Wohnung ins Kleinziegenfelder Tal werde er vermissen und das fränkische Bier. Eine Redewendung wird er wohl mitnehmen, die ihm als Berliner typisch für Franken erscheint: „A weng.“ Viel Zeit zum Abschiednehmen bleibt nicht, denn am 15. November wird er bereits in Weiden erwartet, um sich einzuarbeiten.

Die Baur-Gruppe

Die Baur-Gruppe mit Sitz in Burgkunstadt, eine Tochter der Otto Group, konzentriert sich auf den Online-Handel und Dienstleistungen. Kernunternehmen ist Baur mit dem Online-Shop baur.de. Zudem verantwortet die österreichische Tochter Unito Marken wie Universal, Otto Österreich, Quelle in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie Ackermann. Zum Geschäftsfeld Dienstleistungenzählen BFS Baur Fulfillment Solutions, der Logistikdienstleister 2. HTS sowie der E-Commerce-Dienstleister empiriecom.

Die Baur-Gruppe hat im Geschäftsjahr 2020/2021 (bis Februar) einen Umsatz von rund 993 Millionen Euro erwirtschaft. Im laufenden Geschäftsjahr 2021/22 legte Baur eine Halbjahresbilanz von 550 Millionen Euro vor (plus 19 Prozent).

Die Zahl der Beschäftigten stieg um 222 auf 4861 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

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