WEISMAIN

Till von Weismain: Fastnacht im Eimer

Bei den Mombacher Bohnebeiteln in Mainz trat Franz Besold voriges Jahr als Kellerassel auf. Heuer schickte er ihnen ein Video, aufgenommen in seinem Keller. Die Botschaft: „Ich wär jetzt lieber bei euch!“. Foto: Annette Körber

Nein, der Fasching fällt nicht aus. „Das ist wie Ostern oder Weihnachten“, vergleicht Franz Besold: Das findet ja auch trotz Corona statt. Nur anders halt als sonst. Deswegen haben er und seine Frau Barbara eine große, bunt beschriebene Leinwand an die Hauswand ihres Cafés in Weismain gehängt. „Kaulhaazia Helau“, steht darauf. Und darunter: „Auch wenn Corona Ärger macht, ist dennoch heuer Fasenacht.“ Die Fenster sind bunt dekoriert, und aus den Weihnachtsbäumchen vor der Tür sind Faschingsbäumchen geworden.

„Die Weismainer nehmen Anteil, sie fragen uns: Was macht ihr jetzt ohne Fasching?“, erzählt Barbara Besold. Und auch von anderswo kommt Wertschätzung und Unterstützung: von der Pfarrei Altenkunstadt, von der Knorrhalla Oberdürrbach, aus Erlabrunn, von den Carnevalfreunden Zellerau und den Mombacher Bohnebeiteln. „Das hat uns sehr berührt“, sagt Franz Besold.

Über 30 Faschingsauftritte vor einem Jahr

Normalerweise wäre das Ehepaar jetzt auf Achse. Franz Besold steht ja nicht nur als „Till von Weismain“ in der Bütt'. 2020 trat er beim Faschingsauftakt des Fördervereins Fastnachtsverband in Schopfloch auf, bei den Allersberger Flecklashexen, bei der Inthronisation des Nürnberger Prinzenpaares im Maritim Hotel in Nürnberg, bei der Weiber- und Abendsitzung der Carnevalfreunde Zellerau, bei der Fernsehfaschings-Gala von TV Mainfranken und zwölfmal bei den Mombacher Bohnebeiteln in Mainz. Er nahm am Rosenmontagszug und am Schißmellezug in Mainz teil.

Ein starkes Team: Auch wenn das Café geschlossen ist und der Till von Weismain nicht in die Bütt steigen kann, lassen si... Foto: Annette Körber

Über 30 Auftritte zählte Barbara Besold, die immer dabei ist. Als seine Managerin sozusagen, die seine Termine koordiniert und die Fahrten organisiert, und als seine größte Kritikerin, die stundenlang mit ihm seine Auftritte durchgeht und an Betonungen und Sprechpausen feilt. Wenn die beiden so erzählen, fragt man sich, wann sie in der närrischen Zeit eigentlich schlafen. Franz Besold zuckt mit den Schultern: „Das ist unser Lebensgefühl.“

„Mir fehlt nicht die Bühne. Was ich sagen will, bring' ich schon an den Mann.“
Franz Besold, Till von Weismain

Und heuer? Angesichts einer Pandemie, die Faschingsumzüge und Prunksitzungen unmöglich macht, zehren die beiden von den Erinnerungen. „Wir sind unendlich dankbar dafür, was wir im vergangenen Jahr erleben durften“, sagt Franz Besold.

Im Sommer, als die Inzidenzzahlen niedrig waren, hat das Ehepaar gedacht, da geht noch was. Sie haben für Weismain eine „Fastnacht to go“ geplant, mit 15 Stationen in der Stadt, an denen die Vereine etwas hätten aufbauen können und die jeder selbst hätte erlaufen können. Sie selbst hätten eine Luftschlangenmaschine aufgebaut, einen Zauberspiegel und einen „Sch-impfstoff“: Da hätten sie eine Leinwand gespannt, auf die jeder hätte schreiben können, was ihm gerade stinkt. Für die Kinder wollten sie einen Mal- und Reimwettbewerb organisieren, und auch die Stadt hätte geschmückt werden sollen.

Steigende Infektionszahlen machen die „Fastnacht to go“ zunichte

Es war schon alles mit der Stadt und dem Fastnachtskomitee abgesprochen. Aber dann stiegen die Infektionszahlen. Nach und nach wurden die Pläne wieder begraben. „Wir wollen uns genau an die Regeln halten“, betont Franz Besold: „weil die Gesundheit das Wichtigste ist.“

Dafür gibt's jetzt „Fasching im Eimer“. Barbara Besold hebt einen Eimer hoch, zeigt den Inhalt: zwei Bierflaschen, Pralinen, Luftschlangen, Hütchen, Konfetti zum Vernaschen, eine Tröte und einen Faschingsorden. Der ist rund und zum Drehen. Schaut man auf 2021, so sieht man eine griesgrämige Frau. Dreht man diese auf den Kopf, so dass 2022 unten steht, so schaut einen eine Prinzessin an. Der Orden steht für die Hoffnung, dass der Fasching nächstes Jahr wieder gefeiert werden kann. Er dürfte bis dahin allerdings kaum überleben: Er ist aus Schokolade. Die Eimer wollen sie nächste Woche an die Türen des Weismainer Fastnachtskomitees hängen.

Das Zwischenmenschliche und die Lebensfreude fehlen

Wer will, kann Franz Besold auf Facebook und Youtube sehen. „Mir fehlt nicht die Bühne. Was ich sagen will, bring' ich schon an den Mann“, erklärt der Fastnachter. Neben den sozialen Medien nutzt er dafür natürlich die klassischen. Auch heuer wird er als Till lokale Begebenheiten auf die Schippe nehmen, und das Obermain-Tagblatt wird seine Rede am Faschingswochenende veröffentlichen. Nein, was ihm fehlt, das ist das Zwischenmenschliche: „Dass man die Leute alle wieder trifft, sich auch mal in den Arm nimmt, die Lebensfreude. Das kann das Telefon nicht ersetzen.“

2021 zeigt der Faschingsorden eine griesgrämige Frau. 2022 dreht man ihn herum - und sieht eine Prinzessin. Foto: Annette Körber

Aber zumindest hilft es, den Kontakt zu halten. Gerade hat er mit dem Mainzer Karnevalspräsidenten telefoniert, kürzlich hatte er Bernhard Schlereth, dem ehemaligen Präsidenten des Fastnachts-Verbands Franken, am Hörer. Über die Jahre ist ein riesiges Netzwerk entstanden, auf das die Besolds stolz sind. Und so drehen sie jetzt Filmchen als Grußbotschaften, die sie nach Mainz und Würzburg schicken, und schließen sich über Facebook mit Bekannten in Berlin, Wittlich oder Köln kurz.

Das bedeutet dann auch mal einen Austausch spät in der Nacht. Denn wenn es keine Live-Veranstaltungen gibt, dann sitzen die Narren eben abends im bunt dekorierten Wohnzimmer vor dem Fernseher und sehen die Übertragungen von „Mainz bleibt Mainz“, „Hessen lacht zur Fassenacht“ und wie die Sendungen alle heißen. Kostümiert und geschminkt, versteht sich.

Mit Bocksbeutel und Häppchen die „Närrische Weinprobe“ genossen

Zur „Närrischen Weinprobe“ aus Mainfranken haben die Besolds sich einen Bocksbeutel aufgemacht und ein paar Häppchen gerichtet – so, wie sie sie vor Ort bekommen hätten. Franz Besold hat sich als Winzer verkleidet, Barbara Besold als Weinbergschnecke. Im Gegensatz zum Weinkeller ist auf dem Sofa für das Schneckenhaus ja genug Platz. Für die Fränkische Fastnacht, die am Freitag gesendet wurde, hatten sie eine Kiste mit dem Fastnachtsschoppen bestellt und die Flaschen ihren Freunden in den Karnevalshochburgen geschickt, damit diese sie zur Sendung genießen konnten.

Nach dem letzten Tusch werden am Telefon die Auftritte besprochen. So, wie sie es vor Ort tun würden, wenn auch nicht ganz so lange: „Man sitzt nach den Sitzungen noch bis 3, 4 Uhr zusammen und hat seinen Spaß“, erklärt Franz Besold.

Nein, der Fasching fällt nicht aus, sagen die Besolds, er wird nur anders. Deshalb haben sie diesen fröhlichen Mutmacher... Foto: Annette Körber

Die vielen Bekannten unterstützen in der Krise

Die Kontakte, die im Fasching entstanden sind, helfen den beiden auch im Lockdown, wenn das Café geschlossen ist und die Gästezimmer leer bleiben. „Es gibt so viele Leute, die uns unterstützen, jetzt und im vorigen Frühling“, sagt Barbara Besold. Die Familie, die Weismainer, aber auch die zahlreichen Bekannten in ganz Deutschland. „Am Anfang war's schon gruselig, wenn nur 70 Euro in der Kasse waren. Wenn man dann noch gefragt wurde, wie es einem geht, dann musste man schon aufpassen, dass man im Laden nicht zu weinen anfängt“, erinnert sie sich.

Ostern näherte sich, Konditor Besold hatte schon angefangen, Schokoladeneier und -hasen zu produzieren, – und dann durfte niemand mehr aus dem Haus. Aber dann riefen Bekannte aus Würzburg an und ließen sich süße Osterpakete für ihre Kinder schicken. Franz Besold lächelt. „Da ging's gar nicht so sehr ums Geld, sondern ums Gefühl, dass die Leute füreinander da sind.“

„Man weiß wieder mehr zu schätzen, was man sonst für selbstverständlich hielt. Das ist doch auch was Positives.“
Barbara Besold, Gastronomin

Heute sagen die beiden, dass sie ihren Weg gefunden haben in dieser Krise. Dass zurzeit nur ein Kunde im Laden sein kann, bedeutet weniger Stress, mehr Zeit für den einzelnen. Die Besolds haben mehr Freizeit, und das genießen sie auch. Ein bisschen davon wollen sie sich bewahren für die Zeit nach Corona. Aber auch einiges, was sie neu ausprobiert haben, weiterverfolgen. Den Eisbecher to go etwa, der im Sommer so gut ankam. Oder der Marktplatz-Schoppen, der die Nachbarschaft zusammenbrachte. „Man weiß wieder mehr zu schätzen, was man sonst für selbstverständlich hielt. Das ist doch auch was Positives.“

Mit dieser Einstellung erleben sie nun auch die närrischen Tage dieses Corona-Jahres 2021. „Wir machen's halt heuer anders und freuen uns über das, was geht – und aufs nächste Jahr.“

 

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