ALTENKUNSTADT

Theater Altenkunstadt: Einen Tag vor der Premiere abgesagt

Zu einem bedeutenden Kulturträger der Gemeinde Altenkunstadt hat sich die Theatergruppe des Radfahrvereins Concordia entwickelt. Mit vergnüglichen Lustspielen begeistert sie seit 107 Jahren Menschen aller Altersgruppen. Foto: Bernd Kleinert

In den 107 Jahren ihres Bestehens hat die Theatergruppe des Radfahrvereins Concordia nicht nur Erfolge gefeiert. Kriege, sinkende Besucherzahlen und Schauspielermangel sorgten immer wieder auch für Zwangspausen. Doch stets gelang es den Akteuren, die Krisen zu meistern und einen Neustart zu wagen. Dass aber ein Virus quasi im letzten Moment ein Theaterprojekt vereitelt, ist ein Novum in der traditionsreichen Geschichte der Laienspielschar.

„Mein Hof und dein Hof“ hieß das Stück, das die Akteure im März viermal aufführen wollten. Doch dann kamen Covid-19 und die von der bayerischen Staatsregierung erlassenen Zwangsverordnungen. „Monatelang haben wir gelernt und geprobt, und einen Tag vor der Premiere mussten wir alles absagen“, bedauert Ensembleleiterin Petra Maile. Ein alles andere als erfreuliches Ereignis, das vermutlich gerade deswegen in die Geschichte des Radfahrvereins eingehen wird.

„Monatelang haben wir gelernt und geprobt, und einen Tag vor der Premiere mussten wir alles absagen.“
Petra Maile, Ensembleleiterin

Die Gründung der RVC-Theatergruppe und erste öffentliche Auftritte datiert die Vereinschronik in das Jahr 1913. Einen großen Aufschwung erlebte die „Schauspielerei“ der Radsportfreunde, als 1925 gemeinsam mit dem katholischen Männerverein Casino eine Theaterbühne angeschafft wurde. Da die „Mattscheibe“ damals noch Zukunftsmusik war, bildeten die Aufführungen der Concorden durchweg einsame Höhepunkte im gesellschaftlich-kulturellen Leben der Altenkunstadter.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 zog einen vorläufigen Schlussstrich unter die Vereinsarbeit und damit auch unter das Laienspiel. 1946 machte sich ein Dutzend junger Männer daran, den RV Concordia wieder aufzubauen. Die Theaterdarbietungen erfreuten sich in der Nachkriegszeit in der Bevölkerung großer Beliebtheit. Bis heute unvergessen ist eine Benefizvorstellung im Jahr 1973. Der Erlös kam einem ehemaligen aktiven Mitglied zugute, das nach einem tragischen Unfall an den Rollstuhl gefesselt war.

Gesellschaftlicher Wandel und das Fernsehen

Im gleichen Jahr begann für die Theatergruppe allerdings erneut eine längere Zwangspause. Erst 1977 wurden die Laienspielaktivitäten fortgesetzt. Anstelle des Saals im Obergeschoss der Gaststätte „Preußla“ stand nun die geräumige Turnhalle der Grundschule zur Verfügung. Regelmäßig im Frühjahr und im Herbst traten die Laiendarsteller mit jeweils zwei Abend- und einer Familienvorstellung an einem Wochenende an die Öffentlichkeit. Auch für die Weihnachtsfeier der Concorden studierten sie stets ein kleines Stück ein.

Gesellschaftlicher Wandel, umfangreiche Unterhaltungsangebote im Fernsehen und nicht zuletzt neue Medien wie das Privatfernsehen wurden für die RVC-Theatergruppe zur harten Bewährungsprobe. Binnen weniger Jahre ging der Besuch der Aufführungen stark zurück. Wegen des nachlassenden Publikumsinteresses studierten die Amateur-Schauspieler pro Jahr nur noch ein Stück ein und die Zahl der Vorstellungen wurde auf zwei reduziert. Erschwerend kam hinzu, dass das Ensemble zahlenmäßig schrumpfte. Manche Akteure mussten zum „Bund“, andere verließen Altenkunstadt oder hatten aus beruflichen Gründen keine Zeit mehr.

Werbung in der Altenkunstadter Hauptschule hat Erfolg

Seit 2008 leitet Petra Maile (re.), hier als tyrannische Bäuerin Agnes, das Laienspielensemble der Altenkunstadter Conco... Foto: Bernd Kleinert

Im Frühjahr 1988 hob sich für das Ensemble der Vorhang zum letzten Mal. „Was haben wir nicht alles unternommen, um die Gruppe wiederzubeleben. Aber leider ohne Erfolg“, erinnert sich RVC-Vorsitzender Hans-Werner Schuster, der selbst bei vielen Vorstellungen auf der Bühne stand. Die Concorden wollten schon endgültig kapitulieren, als der Vereins-Chef im Herbst 1990 einen letzten Versuch unternahm. Mit Genehmigung des damaligen Rektors Hermann Grimme besuchte er die oberen Klassen der Altenkunstadter Hauptschule und versuchte, bei den Schülerinnen und Schülern Interesse für das Theaterspiel zu wecken. Ein Einsatz, der sich lohnen sollte.

„Ich hätte nie gedacht, dass gleich so viele Jugendliche in unserer Laienspielgruppe mitmachen wollen“, freut sich Schuster noch im Nachhinein. Am 3. März 1991 war es dann soweit: Mit der Komödie „Sebastian erbt Millionen“ von Charles Gerard feierte das Theaterensemble des Radfahrvereins ein glanzvolles Comeback. Vom Zuspruch des Publikums ermutigt, erhöhte man die Zahl der Vorstellungen von Jahr zu Jahr. Stücke wie „Im Pfarrhaus ist die Hölle los“, „Der gestohlene Stinkerkäs?“ und „Die Pantoffelhelden“ wurden zu Riesenerfolgen.

Lob aus berufenem Munde für Pfarrhaus-Spuk

Mit Fritz Kremer, Hans Friedlein, Andreas Rebhan und Robert Giel hatte die Truppe in den 107 Jahren ihres Bestehens durchweg tüchtige Leiter. Seit November 2008 steht mit Petra Maile erstmals eine Frau an der Spitze des Theaterensembles. Ihr Debüt gab sie im März 2009 mit dem Lustspiel „Viele Grüße aus Mallorca“. Maile führte dabei nicht nur Regie, sondern war als temperamentvolle Hausmagd Anna auch in einer Hauptrolle zu sehen.

Selbst im „fortgeschrittenen Alter“ ist die Theatergruppe noch immer für eine Überraschung gut. Das bewiesen die Akteure mit den Stücken „Mordkomplott am Huber-Hof“ (2010) und „Spuk im Pfarrhaus“ (2011). „Zwei mit einem Augenzwinkern zu genießende Abstecher in das Krimi- und Gruselgenre, bei denen die Lachmuskeln nicht zur Ruhe kamen“, erzählt Maile. Für ihren Pfarrhaus-Spuk bekamen die Schauspieler obendrein ein Kompliment aus berufenem Munde. „Bei der Schlussvorstellung saß auch der Autor der Komödie, Erich Koch, im Publikum. Und offensichtlich gefiel ihm unsere Interpretation seines Stücks, denn er sparte hinterher nicht mit Lob“, erinnert sich die Ensembleleiterin.

Noch Hoffnung für die Aufführung „Mein Hof und dein Hof“

Ob und wann die Theatergruppe das dem Coronavirus zum Opfer gefallene Lustspiel „Mein Hof und dein Hof“ der Öffentlichkeit präsentieren kann, steht im Moment noch in den Sternen. „Es wäre doch schade, wenn die ganze Arbeit umsonst gewesen wäre“, meint Petra Maile und spricht damit sicher auch vielen Theaterfreunden aus dem Herzen.

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