ALTENKUNSTADT

Neue Broschüre zum jüdischen Leben in Altenkunstadt

Neue Broschüre zum jüdischen Leben in Altenkunstadt
Viele Gebäude wie das Seligsberg-Mack-Haus, erinnern an die jüdischen Mitbürger von Altenkunstadt. Foto: Dieter Radziej

An die einst blühende Geschichte jüdischen Lebens erinnern viele Gebäude und Straßennamen in Altenkunstadt. Unter dem Titel „Sichtbare Erinnerung“ hat Inge Goebel diese Spuren zusammengetragen und erläutert. Die Broschüre, die die Gemeinde Altenkunstadt herausgibt, wurde jetzt im Kulturraum der ehemaligen Synagoge vorgestellt.

„Wenn derzeit die 1700 Jahre des jüdischen Lebens in Deutschland in einer besonderen Weise gewürdigt werden, darf dabei auch nicht vergessen werden, dass 700 Jahre des jüdischen Lebens in Altenkunstadt ein wesentlicher Teil dieser Geschichte sind“, sagte Bürgermeister Robert Hümmer. An Straßennamen und vielen Häusern lasse sich ablesen, dass einstmals jüdischen Mitbürger das Erscheinungsbild Altenkunstadts in einem entscheidenden Maße mitgeprägt haben. Das gelte auch für deren unternehmerische Tätigkeiten, womit sie einen wesentlichen Grundstein für die Modernisierung der Gemeinde Altenkunstadt gelegt haben. Das habe der Kommune einen wachsenden Wohlstand beschert.

„An Straßennamen und vielen Häusern lässt sich ablesen, dass einstmals jüdische Mitbürger das Erscheinungsbild Altenkunstadts in einem entscheidenden Maße mitgeprägt haben.“
Robert Hümmer, Bürgermeister

Wichtig sei auch das gesellschaftliches Engagement der jüdischen Bürger gewesen, die maßgeblich zum Gemeinschaftsleben im Ort beitrugen, etwa in der Feuerwehr oder dem Schützenverein. Viele der erhaltenen jüdischen Bauwerke gäben der Gemeinde wichtige Impulse bei der anstehenden Umsetzung ihres innerstädtischen Entwicklungkonzepts.

Neue Broschüre zum jüdischen Leben in Altenkunstadt
Die Synagoge aus dem Jahre 1726 war mehr als 200 Jahre lang der religiöse Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde von Alten... Foto: Dieter Radziej

Hümmer dankte Inge Goebel, die diese Broschüre konzipiert hat. Auch wenn es um geschichtliche Belange und die ehemalige Synagoge mit der Dauerausstellung gehe, sei die gemeindliche Archivpflegerin eine kompetenten Ansprechpartnerin.

Die Broschüre erinnert auch an den allzu früh verstorbenen Ehrenbürger Josef Motschmann, der die wichtigen Bereiche der Gemeinde charakterisiert hatte, wie das „Schaumbergviertel“, wo die Strössendorfer Schlossbesitzerfamilie Namensgeber war, das „Langheimer Viertel“, das mit dem Kloster Langheim verbunden war, und das „Marschalkviertel“, genannt nach den Marschalken von Ebneth. Deutlich wird die Entwicklung des einst landwirtschaftlich geprägten Dorfs durch tüchtige Handwerker.

Neue Broschüre zum jüdischen Leben in Altenkunstadt
„Sichtbare Erinnerung“ lautet der Titel der Broschüre, die Inge Goebel (Mitte) über das jüdische Leben in Altenkunstadt ... Foto: Dieter Radziej

Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurden nicht nur Fachwerkhäuser errichtet, sondern auch zunehmend Gebäude aus Stein. Diese Entwicklung ging vor allem auf die wohlhabenderen Juden zurück, die durch ihre Handelstätigkeit viele Anregungen und einen neuen Baustil mit nach Altenkunstadt brachten. Als Beispiele dafür nannte Inge Goebel das Herrenhaus des Abtes von Langheim, das Wohnhaus Rechtsanwalt-Krauß-Straße 14 und das eindrucksvolle klassizistische Wohnhaus des jüdischen Textilgroßhändlers Alexander Mack (Theodor-Heuss-Straße 25), das 1832 erbaut wurde. Da früher nur eine Familie in einem Haus wohnen durfte, sind einige jüdische Häuser noch daran zu erkennen, dass sie über zwei Haustüren verfügen, sodass zwei Familien sie „nach der offiziellen Genehmigung des Bischofs“ nutzen durften.

Auch Straßennamen wie „An der Haschenbrücke“ erinnern an diese Epoche. Er erinnert an den letzten jüdischen Metzger Hirsch Ehrenberger, den die Einwohner „Hasch“ nannten. Damals hatten Christen und Juden jeweils ihre eigenen Metzger. Trotz der vielfach engen Bebauung im Ortskern lebten Christen und Juden – manchmal sogar im selben Haus – weitgehend konfliktfrei und einvernehmlich nebeneinander.

Zentrum des jüdischen Lebens war der Judenhof mit der 1726 errichteten Synagoge, die Jahrhunderte ein religiöser Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde von Altenkunstadt war. Jetzt ist sie eine Begegnungs-, Kultur- und Gedenkstätte. Eine Dauerausstellung auf der Empore gibt sehenswerte Einblicke in die 700-jährige Gesichte der Juden in Altenkunstadt. Sie kann nach Anmeldung in der Gemeindeverwaltung besichtigt werden; interaktive Führungen sind ebenfalls möglich.

Eine Schuhfabrik, eine Spinn- und Tuchfabrik und Essigproduzenten

Besonders geht Inge Goebel in der Broschüre auf die Wirtschaftsgeschichte ein. Sie erwähnt die einstige Schuhfabrik Pretzfelder & Riesinger ebenso wie die Spinn- und Tuchfabrik von Leopold Hofmann oder die Brüder Lindner aus Altenkunstadt, die später in Burgkunstadt eine Essig-, Senf- und Likörfabrik betrieben.

Neue Broschüre zum jüdischen Leben in Altenkunstadt
Die beiden Haustüren dieses Hauses in der Klosterstraße erinnern, daran, dass hier einst zwei jüdische Familien lebten.... Foto: Dieter Radziej

Auch Ehrenbürger Otto Schuhmann würdigte das Werk von Inge Goebel. Sie habe die Geschichte von Altenkunstadt, deren wesentlicher Teil viele Jahrhunderte auch das jüdische Leben war, hervorragend aufgearbeitet. Anhand der Geschichte von ortsbildprägenden Gebäuden habe sie die Heimatverbundenheit der Einwohner und die Entwicklung von Altenkunstadt zu einem regelrechten „Stadt-Dorf“ eindrucksvoll beschrieben. „So habe ich Altenkunstadt noch nicht gesehen“, betonte Schuhmann.

Die Broschüre ist ab sofort in der ehemaligen Synagoge und im Rathaus erhältlich. Zudem wird sie mit dem nächsten Amtsblatt an alle Haushalte kostenlos verteilt.

 

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