Leserforum: Genau überlegen, wem Sie ein „Durchhalten“ zurufen

Zum Leserbrief „Versuchen wir durchzuhalten, statt uns gegenseitig zu beschuldigen" (OT vom 18.2.2021) erhielt die Redaktion folgende Zuschrift:
Symbolbild - Computerkriminalität
Leserbriefe zu aktuellen Themen aus dem Obermain-Tagblatt können per Mail an redaktion@obermain.de geschickt werden. Foto: Jochen Lübke

Durchhalten? Achten Sie darauf, wem Sie das sagen.

Seit einem Jahr leben wir in einer weltweiten Pandemie. Wenn wirklich diese chinesische Fledermaus daran schuld ist, ist sie nicht mehr zu belangen, denn sie ist tot. Und selbst Charles Dickens würde die momentanen gesellschaftlichen Belange und Sorgen nicht als „Schlechte Laune, die ansteckt“ bezeichnen.

Unser Leben ist grundlegend auf den Kopf gestellt und ich kenne viele Menschen, denen mit Durchhalte- , Kopf-hoch- und Ohren-steif-halten-Parolen nicht geholfen ist. Ganz im Gegenteil!

Meiner (zum zweiten. Mal) an Krebs erkrankten Freundin wird seit Monaten eine (Lebens-) wichtige Operation permanent verschoben. Grund: steigende Inzidenzwerte, Lockdown, Corona Prioritäten etc. Durchhalten?

Kinder bzw. junge Erwachsene die meiner Meinung nach begründete Zukunftsängste haben. Durchhalten?

Selbstständige Freunde von mir werden ihren Laden nicht mehr öffnen! Aber bis diese Entscheidung fiel, haben sie durchgehalten.

Systemrelevante Berufe haben durchgehalten. Ihnen wurde ja im letzten Frühjahr applaudiert und über eventuelle Lohnerhöhungen spricht keiner mehr.

Im Film „Titanic“ war es Rose (Kate Winslet) auf der Holztür, die Jack (Leonardo de Caprio) im 6 Grad kalten Atlantik bat, durchzuhalten. Wie wir alle wissen, starb er! Sind es nicht immer gewissermaßen die Privilegierten, die bitten, „Durchzuhalten“?

Persönlich stehe ich seit einem Jahr gefühlt täglich neuen Situationen gegenüber. Bis jetzt haben wir sie auch relativ gut gemeistert. Von einem Alltag kann man noch lange nicht sprechen, wenn man berufstätig ist und zwei Kinder in der Schule hat (Quarantäne, Distanzunterricht, Kurzarbeit ...).

Daran wird sich auch in absehbare Zeit nichts ändern. Sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen, kostet Kraft und ich bin dankbar, Freunde, Familie, Arbeit und Freizeitaktivitäten zu haben, die mir einen guten Ausgleich geben.

Fakt ist: die Corona-Pandemie ist eine weltweite Katastrophe, unter der alle leiden. Familiendramen, Isolation, gesundheitliche Vernachlässigung, wirtschaftlicher Ruin, Suizide … – die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden. Mein Appell an jeden, überlegen Sie sich genau, wem Sie das nächste Mal ein „Durchhalten“ zurufen.

Sandra Kraus Burgkunstadt

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