BURGKUNSTADT

Kunst am Gymnasium Burgkunstadt: Tränen in Holz geschnitzt

Bei der Vorstellung der Skulptur „Flucht“: Sie ist in Zusammenarbeit mit einem afghanischen Geflüchteten entstanden und zeigt ein weinendes Auge, dessen Tränen einen Fluss bilden, durch das eine flüchtende Familie watet. Von links: Schulleiterin Lydia Münch, Künstler Ernst Müller... Foto: Gabriele Görlich

Was macht ein Künstler mit all seinen Kunstwerken, wenn er ihnen keinen adäquaten Platz bieten kann? Er sucht nach einem passenden Ort, an dem sie auch betrachtet werden können. Umso bedeutender ist dies bei Stücken, die nicht nur einen ästhetischen Wert besitzen, sondern auch wichtige Themen transportieren, wie die Exponate des Altenkunstadters Ernst Müller, der sich selbst als „Holzformer“ bezeichnet.

Er beschäftigte sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema „Flucht“. Diesen Titel trägt auch seine imposante Skulptur, die er dem Gymnasium Burgkunstadt als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat und die fortan in der Aula stehen wird, „um das Thema Flucht wachzuhalten“. Den Kontakt zwischen Schule und Künstler hat die Integrationslotsin des Landratsamtes Lichtenfels, Karin Pfeiffer, hergestellt, die auch bei der Vernissage zugegen war.

„Auch wenn uns das Geschehen in der Ukraine sehr nahegeht, sollten wir andere Kriege und Konflikte nicht aus den Augen verlieren.“
Ernst Müller, Holzformer

In Anwesenheit einiger Ehrengäste sowie der Schülerinnen und Schüler der Klassen 9d+ und 9e+ stellte Ernst Müller nach den Begrüßungsworten der Schulleiterin Lydia Münch seine Skulptur sowie einige seiner aus Holz gefertigten Reliefs vor, die in den nächsten Wochen in der Aula des Gymnasiums ausgestellt werden.

Bei „Chaos“ und „Zuflucht“ handelt es sich um zwei Werke, die thematisch eng miteinander verknüpft sind. Insbesondere Menschen, die aus Kriegsgebieten fliehen, hoffen auf einen Zufluchtsort. „Auch wenn uns das Geschehen in der Ukraine sehr nahegeht, sollten wir andere Kriege und Konflikte nicht aus den Augen verlieren.“ Ähnlich äußerte er sich bei den Ausführungen zu seinen „Boatpeople“, die in Anlehnung an das tragische Schicksal des ertrunkenen Flüchtlingskindes, das vor sieben Jahren um die Welt ging, entstanden ist.

Auch diese Bilder der über das Mittelmeer Flüchtenden sind im Moment aus den Medien verschwunden, doch täglich nehmen viele Menschen in der Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit und Frieden diesen lebensgefährlichen Weg auf sich. Passend dazu hat Ernst Müller die Reliefs „Flucht durch ein Meer aus Tränen“ und „Der Fliehende“ geschaffen, die symbolisch für das Leid aller Flüchtlinge stehen.

Massengrab tausender Syrerinnen und Syrer

Sein Werk „Aleppo“ soll den Kampf um die Stadt zeigen, die zur Ruine und zum Massengrab tausender Syrerinnen und Syrier und somit zum Symbol des blutigen Konflikts in Syrien geworden ist. Erst kürzlich ist „Why“ entstanden, die die immerwährende Frage nach dem Warum thematisiert. Ernst Müller ist nicht nur aufgrund seines Engagements im Café Dialog in Burgkunstadt in engem Kontakt mit Geflüchteten, sondern ist auch privat damit konfrontiert. So musste seine Eltern einst vor seiner Geburt aus Bosnien fliehen. Während seiner Arbeit an der Skulptur „Flucht“ fiel ihm auf, dass er unbewusst diese Geschichte verarbeitet hatte, als er erkannte, dass die Personenkonstellation seiner eigenen geflohenen Familie entsprach. Auch die aktuelle Situation mit Flüchtlingen aus der Ukraine erlebt er selbst hautnah, da er und seine Frau zwei ukrainischen Müttern und deren Kindern eine Wohnung zur Verfügung gestellt haben und ihnen bei sämtlichen bürokratischen Hürden tatkräftig unter die Arme greifen.

Berichte aus erster Hand

Sehr eindringliche Einblicke in die Problematik bot anschließend der Journalist und Fotograf Till Mayer, der auf seinen zahlreichen Reisen in Kriegsgebiete die Schicksale vieler Menschen mit seiner Kamera und seinen Interviews dokumentiert hat. Insbesondere die Ukraine, die er seit vielen Jahren bereist und dort auch viele Freundschaften geschlossen hat, ist dem OT-Redakteur ein Herzensprojekt. Dies wurde besonders deutlich, als er von einem guten Freund berichtete, dessen Eltern, die in Butscha bei Kiew gelebt hatten, er mit nach Lichtenfels genommen hatte, damit der Vater hier medizinisch versorgt werden konnte.

Doch obwohl die beiden sehr herzlich aufgenommen worden waren, war ihr Heimweh nach der Ukraine so groß, dass Mayer sie auf seiner nächsten Reise, von der er erst vor drei Wochen zurückkehrte, wieder zurückbrachte. Bald wird er sich erneut dorthin auf den Weg machen.

Eine bedrückende Stille nach der Flucht

Ernst Müller im Gespräch mit interessierten Schülern vor seinen Reliefs „Chaos“ und „Zuflucht“. Foto: Gabriele Görlich

Er berichtete in seinem Bildervortrag auch von einem Schullandheim im Westen der Ukraine, in dem erst kurz vorher rund 100 geflüchtete Kinder untergebracht worden waren. Von der bedrückenden Stille, die in der Einrichtung herrschte. Dem ernsten, erwachsen wirkenden Gesicht eines Mädchens sind die Schrecken des Erlebten deutlich anzusehen. „Die Folgen der Flucht sind tiefe seelische Wunden der Betroffenen, die oft ein Leben lang nicht heilen“, so Mayer. „Niemand verlässt seine Heimat leichtfertig, sondern hat dafür triftige Gründe.“ Die Auswirkungen der Flüchtlingsbewegung in der Ukraine sind deutlich sichtbar. In umkämpften Orten fliehen oft gerade die jüngeren Menschen. Seniorinnen und Senioren, denen die Flucht zu beschwerlich ist, bleiben oft zurück.

„Die Folgen der Flucht sind tiefe seelische Wunden der Betroffenen, die oft ein Leben lang nicht heilen. Niemand verlässt seine Heimat leichtfertig, sondern hat dafür triftige Gründe.“
Till Mayer, OT-Redakteur und Schulpate

„Doch trotz dieses so präsenten Leids ganz in unserer Nähe dürfen wir die anderen Kriege auf der Welt nicht vergessen“, mahnte der Journalist und leitete mit einem Foto, das einen Mann an Krücken zeigte, zu Afghanistan über. In diesem Land herrscht seit Jahrzehnten Krieg. Weitere Fotos von Geflüchteten aus der Zentralafrikanischen Republik und dem Irak folgten und machten den Schülern und allen anderen Anwesenden die schrecklichen Gründe für Flucht bewusst.

Willkommensklasse mit zehn ukrainischen Jugendlichen

Schulleiterin Münch bedankte sich herzlich für die Ausführungen des Künstlers und des Fotografen und berichtete von der Willkommensklasse am Gymnasium Burgkunstadt mit zehn ukrainischen Schülern, für die drei Lehrkräfte angestellt werden konnten, darunter eine Mutter, die selbst vor einigen Wochen mit ihren Kindern aus der Ukraine geflohen ist. Anschließend bot sich die Möglichkeit, die Exponate eingehend zu betrachten.

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