BAIERSDORF

Konzertpremiere für Udo Langer bei drei Grad

Konzertpremiere für Udo Langer bei drei Grad
Der Musiker im Kofferraum: Drei Grad plus, ein völlig anderer Sitzkomfort und eine gänzlich andere Konzerterfahrung für Udo Langer bei seinem Konzert. Foto: Markus Häggberg

Udo Langer bringt die Sache etwas eigenwillig auf den Punkt. Auf neun Punkte sogar, sobald er aufzählt. So gab es vor Beginn keinen Soundcheck, die Temperaturen lagen bei diesem Open-Air bei nur drei Grad und dadurch, dass er auch noch im eigenen Kofferraum saß, kam er mit dem Fuß nur schwer an das Pianopedal. Ganz zu schweigen von den sechs weiteren Unwägbarkeiten. Aber Langer hatte Gartenkonzerte angeboten, wie berichtete, und wer A sagt, muss auch B singen. Impressionen von einem Parkplatzkonzert in Corona-Zeiten und Improvisation nach Noten.

Graue Wolken verdunkeln am Samstagabend den Himmel über dem Parkplatz des Hotels „Fränkischer Hof“ in Baiersdorf. Es ist frisch und Udo Langer betätigt sich als Bühnenbauer. Gewissermaßen. Vor einigen Wochen kam er auf die Idee, Konzerte im Freien anzubieten, dort, wo man Abstand zueinander und somit auch zu Corona halten kann. Zwar dachte er dabei primär an Gärten, aber offensichtlich macht er bei Parkplätzen keine Ausnahme. Das liegt an seiner Freundin Simone Seidel. Die „Singende Wirtin“ vom Hotel „Fränkischer Hof“ las im Obermain-Tagblatt von seinem Plan und beschloss, Langer für einen Samstagabend zu buchen. Schließlich stehen einige Wohnwagen auf dem Parkplatz des Hotels.

Die „Singende Wirtin“ serviert das Menü und Udo Langer spielt dazu

Konzertpremiere für Udo Langer bei drei Grad
Sekt, Abstand und Wohnmobile: Trotz aller Distanz war das Parkplatzkonzert eine erfreuliche Angelegenheit. Foto: Markus Häggberg

Wenn also Simone Seidel Essen in die Wohnwagen serviert, dann könnte Udo Langer ja auch für eine gute Stunde ein Potpourri aus seinem musikalischen Werk servieren. Ein Schmankerl zum Schmankerl quasi. Das war die Idee. Darum, schleppt Langer am Samstagabend zwei Sonnenschirme an und platziert sie links und rechts des aufgeklappten Kofferraums, der so als eine Art Baldachin fungiert. Das Keyboard, das der Burgkunstadter vor sich aufbaut, wird mit Akkus gespeist, denn an Strom ist hier nicht so leicht zu denken.

Es dauert noch rund eine Stunde bis zum Konzertbeginn und so kommt Langer auf Unwägbarkeit Nummer vier zu sprechen: „Die wissen überhaupt nix davon und glauben vielleicht, sie kriegen bajuwarische Folklore zu hören“, sagt der mehrfache Gewinner des Deutschen Rock-, und Pop-Preises über den Umstand, dass er zwar in Oberfranken ein Begriff ist, aber kaum für die Camper aus Fulda oder Gersfeld. Wie fühlt sich das an, vor Publikum zu spielen, das keine Ahnung von dem hat, was man selbst so tut? „Du kannst nur schauen, ob es dir gelingt, aufgrund deiner Erfahrung das Beste daraus zu machen und für jeden musikalisch was zu bieten“, erklärt Langer. Er sortiert seine Liedtexte, reibt sich die Finger, um sie zu wärmen und harrt der Dinge, die da kommen.

Das Konzert beginnt mit Verspätung, weil zwei Gäste sich im Wald verirren

Konzertpremiere für Udo Langer bei drei Grad
Ein spontanes Tänzchen wagten zwei Passanten aus der Umgebung. Foto: Markus Häggberg

Immerhin fällt Langer auf. Eine Freundesgruppe aus Fulda und Gersfeld steht mit ihren beiden rollenden Wohnzimmern auf dem Parkplatz. Im Inneren ihrer Wohnwagen wird jetzt der Tisch für das Abendessen gedeckt, das später aus der Küche des Hotels kommen wird. Dazu läuft auf großen Bildschirmen die Live-Übertragung der Beerdigung von Prinz Philip aus London. Moderne Zeiten, moderne Wohnwagen.

Kurz vor Konzertbeginn fragt sich der Musiker, ob denn alle Konzertbesucher vollzählig sind und ob die Passagiere der Wohnwagen wohl bereit für das Hörerlebnis sind. Simone Seidel kündigt an, dass sich das Konzert verzögert: „Denn die anderen Gäste kommen später, die haben sich im Wald verlaufen“. Allgemeine Erheiterung. Langer selbst ist ob der zeitlichen Verzögerung nicht gram. Er scheint das eigenwillige Ambiente, die Merkwürdigkeit von Ort und Umständen irgendwie zu genießen. Immerhin: „In 40 Jahren Musikmachen habe ich so etwas noch nicht erlebt“, sagt er unterm Kofferraumdeckel sitzend und über die Corona-Pandemie sinnierend.

Das Lied vom Sommer für die Sommers aus dem Odenwald

Irgendwann finden sich auch die verirrten Gäste ein. Das Parkplatzkonzert kann beginnen und die Gäste dürfen aufatmen: keine bayerische Volksmusik, kein Akkordeonspieler in Krachlederner und Gamsbart. Stattdessen: melodischer Pop mit einer freundlich-flehentlichen Note. „Erzähl' mir vom Sommer“, so der Titel des ersten Songs. Dann stellt sich kurioserweise heraus: die Sommers sind auch da. Es ist ein Ehepaar aus Neustadt, angereist in einem Wohnwagen, das ein Kennzeichen aus dem Odenwaldkreis trägt.

Konzertpremiere für Udo Langer bei drei Grad
Ihren Wohnwagen-Logenplatz beim Konzert genoss Martina Biehn sichtlich. Foto: Markus Häggberg

Martina Biehn schaut aus dem Fenster ihres Wohnmobils heraus. Die Arme auf ein Kissen gestützt, blickt sie von ihrem Logenplatz aus auf das Geschehen und den Musiker. „Wir waren vor drei, vier Wochen hier und sind jetzt nochmal hier“, sagt die Hessin. Die Freude über das Konzert steht ihr ins Gesicht geschrieben. Später wird sie auch mal vor die Wohnwagentür treten. So wie ihr Mann Uwe oder ihre Freunde Iris und Matthias Schneider, vom Wohnmobil nebenan. In gebührendem Abstand. Hinter ihnen ein Coburger Wohnmobil und eines aus Nürnberg. Im ersten bleiben die Lauscher drinnen, im zweiten treten sie vor die Schiebetür.

Unter drei Zugaben machen es die beigeisterten Zuhörer nicht

Dann und wann kommen auch Passanten vorbei, halten sich gebührend weit entfernt und ein Ehepaar beginnt bei „Nur einen Sommer lang“ zu tanzen. Nur mit der veranschlagten Stunde Spielzeit wird es nix, ein, zwei, drei Zugaben dehnen sie zu 105 Minuten Spielzeit aus. Dann ist das Konzert vorüber, der Applaus für den Solo-Künstler kommt aus etwas 20 Händen und jemand pfeift kurz von hinter einem Wohnwagen. Moderne Zeiten, moderne Wohnwagen, moderne Konzerte. Corona bringt so Sachen mit sich.

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