WEISMAIN

Gemeinschaftsunterkunft Weismain: Lage ist besorgniserregend

Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft Weismain versammeln sich mit ihrer Flüchtlings-und Integrationsberaterin für ein gemeinsames Foto. Foto: red

Die Situation Geflüchteter in der Corona-Pandemie ist hart. Davon kann auch Kathrin Sandberg berichten. Die Sozialpädagogin arbeitet in der Gemeinschaftsunterkunft Weismain. Die Lage für die Bewohner der Unterkunft sei besorgniserregend, sagt sie.

„Mein Name ist Kathrin Sandberg. Ich arbeite seit dem Jahr 2016 als Flüchtlings- und Integrationsberaterin (Sozialpädagogin) in der Gemeinschaftsunterkunft in Weismain. Zusammen mit meiner Kollegin Irina Herbersdorf findet unsere Beratung normaler Weise im persönlichen Kontext direkt in der Unterkunft statt. Durch die Corona-Pandemie mussten wir die Anzahl der persönlichen Beratungen vor Ort verringern und im Homeoffice überwiegend telefonisch beraten.

Formulare, Briefe und schriftliche Anfragen von Behörden und sonstigen Akteuren werden per E-Mail, per Post oder per Fax hin und her geschickt, was besonders umständlich und zeitaufwändig ist.

Unser Aufgabenbereich umfasst die Beratung rund um das Asylverfahren und das Leben hier in Deutschland. Dabei geben wir auch Hilfestellung, Unterstützung und Orientierung in den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens.

Die Corona-Pandemie und der damit einhergehende Lockdown stellt Flüchtlinge, sowie die für Flüchtlings- und Integrationsarbeit zuständigen Mitarbeiter in der Gemeinschaftsunterkunft Weismain vor besondere Schwierigkeiten und Aufgaben.

Gerade in großen Einrichtungen, in denen viele Menschen auf sehr engem Raum zusammenleben, ist das Ansteckungsrisiko besonders hoch. Für unsere Beratungsstelle und die gesamte Gemeinschaftsunterkunft wurden Schutz- und Hygienekonzepte erstellt, die unsere Arbeit und das Zusammenleben in der Unterkunft völlig neu regeln.

Mit der Maske auf die Gemeinschaftstoilette

Die Hygiene und Kontaktreduzierung stehen an oberster Stelle und fordern besonders für die Bewohner viele Einschränkungen des täglichen Lebens. Sie müssen mit ihren Familien oder Zimmergenossen sehr viel Zeit auf engstem Raum verbringen und können diesem sozialen Stress kaum ausweichen. Schule, Kindertagesstätte, Sprachkurs sind zu, und Freunde treffen darf man auch nicht.

Das ist für alle Leute in Deutschland so, nur im Asylheim lebt man mit seiner Familie in einem oder maximal zwei Zimmern und die Freunde wohnen gleich daneben und man darf sie trotzdem nicht besuchen. Die Maskenpflicht außerhalb des eigenen Wohnbereiches bedeutet hier, dass man mit Maske in das Gemeinschaftsbad, in die Gemeinschaftsküche und das WC gehen muss. Es ist eine große Herausforderung für alle Akteure in der Flüchtlingsunterkunft.

Um das Ansteckungsrisiko zu senken wurde die Bewohneranzahl reduziert. Viele Bewohner wurde in andere Unterkünfte umverteilt. Ist die Gemeinschaftsunterkunft voll belegt, leben rund 220 Personen hier. Aktuell sind es nun 118 Flüchtlinge. Unter der normalen Belegungsanzahl befinden sich dann meist zwei Personen gemeinsam in einem Zimmer. Für Familien mit mehreren Kindern gibt es etwas größere Zimmereinheiten.

Trotzdem wurden auch in der Gemeinschaftsunterkunft Weismain Bewohner positiv auf Corona getestet. Die Folge waren Quarantäneanordnungen für die beiden Häuser. Reihentestungen fanden mit Hilfe von Bundeswehrsoldaten statt. Infizierte Bewohner wurden gesondert untergebracht, ebenso die betroffenen Kontaktpersonen. Die Zeit der Quarantänemaßnahmen innerhalb der Unterkunft war für alle Beteiligten eine Herausforderung.

Reihentestungen durch die Bundeswehr

Besonders für die betroffenen Bewohner, deren alltägliches Leben dadurch zum Stillstand kam. Ehrenamtliche Helfer und Unterstützer hatten keinen Zutritt mehr in die Flüchtlingsunterkunft.

Sozialpädagogin Kathrin Sandberg bei ihrer Arbeit als Flüchtlings-und Integrationsberaterin in ihrem Büro in der Flüchtl... Foto: red

Dramatisch sind die Folgen der langen Lockdown-Phasen, sowie der Quarantäne-Einhaltungen. Sie gefährden den bisher erreichten Integrationsfortschritt der Flüchtlinge. Die sozialen Kontakte und die schulische Förderung der Kompetenzen sind im besonderen Maße für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sehr wichtig. Die momentanen Schulschließungen verhindern dies und setzen gleichzeitig voraus, dass jedermann digitalen Zugang zum Homeschooling sowie häusliche Unterstützung bei der Umsetzung und dem Erklären der Lerninhalte hat. Die Eltern verstehen jedoch meist weniger Deutsch als ihre Kinder und können ihnen beim besten Willen nicht helfen.

Innerhalb der Gemeinschaftsunterkunft gibt es keine stabile Internetverbindung. Die Voraussetzung für Homeschooling fehlt somit völlig. Die Installation der Internetverbindung ist aktuell Thema, welches sich bislang noch nicht abschließend klären ließ.

Dabei geht es nicht nur um Teilhabe an Bildung für Grundschüler, sondern es geht weiter auch um die Jugendlichen, die ihren Schulabschluss erreichen möchten - eine Vorstufe und Voraussetzung zur beruflichen Integration. Die Sprachkursträger bieten zwar digitale Sprachkurse für Flüchtlinge an und die umliegenden Schulen stellen den Schülern bei Bedarf Leihgeräte zur Verfügung. Diese haben jedoch ohne Internetverbindung für das Homeschooling keinen Nutzen.

Keine Teilhabe am Schulunterricht

So habe ich im Alltag Schüler erlebt, die mit dem Handy in Lebensmittelgeschäfte gehen, um dort für kurze Zeit freies Wlan zu nutzen. Sie stellen sich auch in die Kälte um an bestimmten Orten ein freies Wlan zu ergattern und ihre Schuldokumente herunterzuladen. Wie kann es sein, dass Homeschooling gefordert wird, aber es keinen technischen Zugang und keine Unterstützung gibt? Das führt dazu, dass Kinder und Jugendliche von der bildungsrelevanten Teilhabe am Schulunterricht ausgeschlossen sind.

Aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie bin ich bezüglich der aktuellen Integrationsmöglichkeiten der Bewohner besorgt. Besonders Sorgen mache ich mir aber um die Kinder und Jugendlichen, die aktuell keinen Zugang zum Homeschooling haben und denen die für sie so wichtigen sozialen Kontakte fehlen.“

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