BAIERSDORF

Fußballtraining für ukrainische Kinder beim FC Baiersdorf

Bei einem Staffellauf üben Ksyusha (re.) und Artem die Ballübergabe. Foto: Stephan Stöckel

„Dawei Dawei!“, feuert Alina aus Kiew auf Russisch vom Spielfeldrand aus ihren Sohn Artem auf dem heiligen Rasen des Baiersdorfer Waldstadions an. „Auf Deutsch heißt das ,Los! Los!‘“, übersetzt Juri Fischer. Der siebenjährige Steppke kämpft derweil mit Sebastian und Lenny ums runde Leder. Er jagt seinem Gegenspieler den Ball ab und schießt aufs Tor. Volltreffer! Seine Mama Alina reißt vor Begeisterung ihre Arme nach oben.

Die schlanke Frau mit dem blonden Zopf ist froh, dass sich ihr Sohnemann auf dem Fußballplatz austoben kann. Vor ein paar Wochen konnte er das nicht. In seinem Heimatland herrscht Krieg. Für einen Moment weicht die Freude in ihrem Gesicht einem Gefühl der Nachdenklichkeit. „In Kiew hat er Schreckliches erlebt. Der Klang der Explosionen und Sirenen hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Noch heute zuckt er zusammen, wenn hier die Feuerwehrsirene ertönt“, erzählt die Mutter mit bedrückter Stimme.

Ksyushas Mutter Svetlana, Dolmetscher Juri Fischer und Artyoms Mutter Alina verfolgen gebannt das Training. Foto: Stephan Stöckel
„In Kiew hat er Schreckliches erlebt. Der Klang der Explosionen und Sirenen hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Noch heute zuckt er zusammen, wenn hier die Feuerwehrsirene ertönt.“
Alina über ihren Sohn Artem

Auf dem Fußballplatz sollen sieben Kinder aus der Ukraine in verschiedenen Teams wieder aufblühen. Das haben sich der FC Baiersdorf und Jugendtrainer Reinhard Tropschug auf die Fahnen geschrieben. In breitestem Bairisch schwärmt der 49-Jährige aus Altötting, der in Altenkunstadt eine zweite Heimat gefunden hat, von einem „ganz liaben Madel“. Damit meint er die fünfjährige Ksyusha, die auf dem Rasen ihre ersten fußballerischen Gehversuche unternimmt. Auch Dribbeln, die Fortbewegung mit dem Ball, will gelernt sein. Tropschug zeigt ihr, wie es geht.

Reinhard Tropschug. Foto: Stephan Stöckel

Bei den Bambini, 15 Jungen und Mädchen im Alter von viereinhalb bis sieben Jahren, trainieren zwei Buben und ein Mädchen aus dem osteuropäischen Land mit. Auf dem Spielfeld steht dem Jugendtrainer kein lebender oder digitaler Übersetzer zur Seite. Mit Körpersprache und körperlichem Einsatz überwindet er beim Training die Sprachbarriere. „Nach vorne schauen!“ Die deutschen Kinder verstehen seine Anweisung. Bei Artem hingegen dreht der Trainer den Kopf mit seinen Händen in die gewünschte Richtung.

Zur Belohnung gibt es Süßigkeiten für Ksyusha (re.) und die anderen Kinder von Jugendtrainer Reinhard Tropschug. Foto: Stephan Stöckel

Herkunft oder Handicap: Für Tropschug spielt das keine Rolle

Szenenwechsel. Nach dem Training zieht Tropschug sein Smartphone aus der Tasche. Er zeigt ein Bild, das Artem beim ersten Training zeigt: nachdenklich, schüchtern, traurig und zurückhaltend. Inzwischen habe sich, so Tropschug, seine seelische Verfassung gebessert. Auf dem Spielfeld erlebe er ihn immer öfter jubelnd und lachend. Vor kurzem schrieb ihm eine Mutter auf Whatsapp per Übersetzer-App: „Ich bin sehr nett.“ Das sind Momente, bei denen es Tropschug ganz warm ums Herz werde und die für ihn nicht mit Geld aufzuwiegen seien, wie er betont. „Da weiß man, dass man es als Jugendtrainer richtig gemacht hat.“

Seit 2006 trainiert der Altenkunstadter beim FC Baiersdorf Kinder aus verschiedenen Altersklassen. Seit 2012 ist er auch noch Coach von „Heiner?s Traumelf“. Dabei handelt es sich um die Fußballmannschaft der offenen Hilfen von Regens Wagner. Menschen mit und ohne Behinderung spielen hier Fußball. Herkunft oder Handicap – für Tropschug spielt das keine Rolle. Für ihn zählt nur der Mensch.

Der siebenjährige Artem aus Kiew (re.) kämpft mit Sebastian (li.) und Lenny um das runde Leder. Foto: Stephan Stöckel

Integration und Inklusion in einem: am Mittwochabend auf dem Rasen

Im Altenkunstadter Ortsteil Baiersdorf kümmern sich viele Menschen ehrenamtlich um die Flüchtlinge. Eine von ihren ist die Wirtin vom „Fränkischen Hof“, Simone Seidel. Bei ihr war Tropschug auf ein Bier zu Besuch gewesen. „Gibt es unter den Ukrainern Kinder, die gerne Fußball spielen wollen?“, fragte er sie. Ein paar Tage später meldete sich Platzwart Silvan Göhl, der im „Fränkischen Hof“ ab und an aushilft, telefonisch bei Tropschug. Seinem Vereinskameraden teilte der junge Mann mit, dass Simone Seidel den Kontakt zu den Eltern von sieben fußballbegeisterten Kindern hergestellt habe.

Seit Mitte März trainieren deutsche und ukrainische Kinder zusammen. Spiele gegen andere Teams wurden auch schon absolviert. Am Mittwoch, 4. Mai, kommt es um 18.30 Uhr zu einer ganz besonderen Begegnung. Die Flüchtlingskinder trainieren mit „Heiner's Traumelf“ im Baiersdorfer Waldstadion. „Das ist dann Integration und Inklusion in einem“, strahlt Troppschug übers ganze Gesicht.

Mit einer weiteren Aktion möchte er den Flüchtlingskindern ebenfalls den Alltag versüßen: Der 49-jährige ist nicht nur Fußballtrainer sondern auch Hobbyschäfer. Den Fußballnachwuchs aus der Ukraine will er nach Woffendorf auf die Sommerweide seiner Schafe einladen.

 

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