ALTENKUNSTADT

Friedenslicht für ukrainische Flüchtlinge in Altenkunstadt

Friedenslicht für ukrainische Flüchtlinge in Altenkunstadt
Zuflucht in Altenkunstadt: Liubov Pakher (Mitte) und ihre Schwester Olga Jenitska mit ihren Kindern (v. li.) Dominika (13), Mariia (elf) und Hlib (vier). Foto: Gerhard Herrmann

Nur eineinhalb Stunden hatte Liubov Pakher, um das nötigste für sich und ihre beiden Töchter einzupacken. Praktisch in letzter Minute entschloss die 46-Jährige Informatikerin sich, ihre Schwester Olga Jenitska und deren zwei Söhne auf ihrer Flucht aus dem ukrainischen Winnyzja vor den immer näher rückenden russischen Truppen zu begleiten. Seit zehn Tagen sind sie nun in Sicherheit. Der Schrecken, dem sie entronnen sind, ist ihnen noch anzumerken. Hinzu kommt die Ungewissheit angesichts einer wegen der immer brutaleren russischen Angriffe ungewissen Zukunft. Umso glücklicher sind sie über die Hilfe, die sie in Altenkunstadt erfahren, wo sie zusammen mit 25 weiteren Geflüchteten aus der Ukraine untergekommen sind.

Ständig heulen die Sirenen und die Menschen fliehen in die Keller

Friedenslicht für ukrainische Flüchtlinge in Altenkunstadt
Eine Friedenskerze mit der ukrainischen Nationalflagge entzündin Wirtin Simone Seidel und Malana. Foto: Gerhard Herrmann

Winnyzja in der Zentralukraine mit seinen 367 000 Einwohnern sei bisher von Bombardierungen verschont geblieben, berichtet Olga Jenitska. Doch weil die Sirenen immer häufiger heulten und sie ständig in Panik in den Keller flüchten mussten, habe sie es nicht mehr ausgehalten. Die 39-jährige Mathematiklehrerin hatte Angst um ihre beiden Söhne, 16 und vier Jahre alt. Als schließlich ein Militärgelände am Stadtrand bombardiert wurde, habe sie die Koffer gepackt.

Friedenslicht für ukrainische Flüchtlinge in Altenkunstadt
Dankbar sind die aus der Urkaine geflüchteten Frauen und Kinder für die überwältigende Hilfsbereitsschaft. Darüber freut... Foto: Gerhard Herrmann

Mit dem Zug kamen sie, ihre Schwester und die Kinder bis zur polnischen Grenze, dort hatten sie das Glück mit einem Bus mitgenommen zu werden, den Tetyana Langbein aus Bad Staffelstein, die aus Winnyzja stammt, organisiert hatte. „Wir sind sehr dankbar für die große Hilfsbereitsschaft, das hätten wir nicht erwartet“, betont Olga Jenitska.

„Wenn der Krieg zu Ende ist, wollen wir wieder nach Hause, aber wann wird das sein?“
Olga Jenitska

Sie und ihre Schwester sind zwar in Sicherheit, wissen aber nicht, wie es weitergehen soll. „Wenn der Krieg zu Ende ist, wollen wir wieder nach Hause“, betonen sie. Wann das sein könnte und ob ihr Haus dann noch stehen wird, wissen sie nicht. In ihren Wohnungen sind inzwischen Flüchtlinge aus umkämpften Gebieten der Ukraine eingezogen, haben sie von Freunden, die in Winnyzja geblieben sind, erfahren. Das halbe Land sei auf der Flucht, berichten sie.

Friedenslicht für ukrainische Flüchtlinge in Altenkunstadt
Bewegt vom Schicksal der Geflüchteten aus der Ukraine zeigte sich Bürgermeister Robert Hümmer. Foto: Gerhard Herrmann

Anders als die anderen Frauen, die in Baiersdorf aufgenommen wurden, müssen sie als Alleinerziehende zumindest nicht um ihre Männer an der Front bangen. Doch um ihre 22-jährige Tochter, die in Odessa lebt, sorgt sich die 46-jährige Liubov Pakher. Der russische Belagerungsring schließt sich immer mehr um die Hafenstadt und seit zwei Tagen hat sie die Tochter nicht mehr telefonisch erreicht. Froh ist sie, dass wenigstens Dominika (13 Jahre) und Mariia (elf) in Sicherheit sind.

Bei der Arbeit haben sie Ukrainisch gesprochen, zu Hause Russisch

Der Angriff von Putins Truppen und die Zerstörung ihres Lands zerreißt den Schwestern das Herz. „Wir haben bei der Arbeit Ukrainisch gesprochen und zu Hause russisch – das war ein selbstverständliches Miteinander“, sagt Olga Jenitska. Und jetzt stehen sich die einst vereinten Völker als Feinde gegenüber. Ihre Hoffnung setzen sie darauf, dass die Nato-Staaten weitere Sanktionen gegen Putin verhängen, um ihn zum Einlenken zu bewegen. Wichtig wäre ihnen eine Flugverbotszone, um die Menschen in der Ukraine vor Bomben und Raketen zu schützen.

Friedenslicht für ukrainische Flüchtlinge in Altenkunstadt
Mit Zuwendung und Plüschtieren heiterte Simone Seidel, die von der Flucht mitgenommenen Kinder Alice und Malana auf. Foto: Gerhard Herrmann

Vorerst müssen sie lernen, sich in ihrer neuen Umgebung zurecht zu finden. Ein erster Schritt ist ein Treffen mit Helfern am Donnerstag im Hotel „Fränkischer Hof.“ Ein Frühstücksbüffett hat Simone Seidel für die Frauen und Kinder aufgebaut. Gemeinsam mit der kleinen Malana entzündet sie eine Friedenskerze, geschmückt mit der Nationalflagge der Ukraine. Pater Josef betet mit allen das Friedensgebet des heiligen Franziskus.

Seine Anteilnahme an ihrem Schicksal und seine Abscheu vor Putins Krieg äußert Bürgermeister Robert Hümmer. Außerdem ermutigt er die Ukrainerinnen, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Juri Fischer aus Baiersdorf hat sich als Dolmetscher gemeldet. Geboren in Weißrussland, kennt er die Ukraine von seinem Maschinenbau-Studium. „Als die Flüchtlinge kamen, war mir klar, dass ich helfen muss“, betont er. Als Übersetzerin unterstützt ihn Elvira Lipis aus Altenkunstadt, die vor 28 Jahren mit ihren Eltern aus Kasachstan nach Deutschland kam.

Deutschkurse, Fußball, Hilfe beim Arztbesuch und Einkauf bei der Tafel

Die Aktiven Bürger unter Regie von Roswitha Arnold haben eine Schar von rund zehn Helfern mobilisiert, die Hilfe im Alltag bieten. Angelika Geyer lädt zum Begegnungscafé nach Burgkunstadt ein. Hochwillkommen ist das Angebot von Melita Braun, Arztbesuche zu organisieren. Groß ist auch das Interesse an einem Einkauf bei der Tafel Burgkunstadt. Vorsitzender Herbert Mayer und Ingrid Kohles informieren über das Hilfsangebot und haben einen Einkaufstermin am selben Nachmittag organisiert. Sieben Mädchen und Jungen nehmen die Einladung von Silvan Göhl an, beim FC Baiersdorf in der Jugendmannschaft mitzukicken. Deutschkurse bieten die pensionierten Lehrer Sieglinde Stark und Edwin Jungkunz an. Ein weiteres Treffen mit elf Geflüchteten, die in einem Haus in der Theodor-Heuss-Straße untergekommen sind, folgt am Nachmittag.

Und während die Mütter noch mit den Helfern zusammensitzen, gehen die Kinder nach nebenan. Dort hat die Wirtin einen Raum mit Beamer und Laptops als Klassenzimmer zur Verfügung gestellt. Der Online-Unterricht der Schulen in der Ukraine funktioniert trotz des Kriegs. Ein kleines Stück Normalität für die Kinder und Jugendlichen.

Wer die Flüchtlinge unterstützen möchte, kann eine Spende an die Bürgerstiftung Unser Altenkunstadt bei der Sparkasse Coburg – Lichtenfels,
IBAN: DE31 7835 0000 0044 9999 44, BIC: BYLADEM1COB, Verwendungszweck: Spende Stiftung unser Altenkunstadt/Flüchtlingshilfe einzahlen.

Schlagworte