BURGKUNSTADT / ALTENKUNSTADT

Ein jüdischer Reformer und Demokrat am Obermain

Ein jüdischer Reformer und Demokrat am Obermain
Rabbiner, Dichter und Reformer Leopold Stein (1810 – 1882). Foto: red

Vor 175 Jahren wirkte Leopold Stein aus Burgpreppach als Rabbiner in Burgkunstadt und Altenkunstadt. Es war der Beginn einer steilen Karriere, die ihn bis nach Frankfurt/Main führte. Vor 210 Jahren, am 5. November 1810 wurde Stein im heutigen Landkreis Hassberge geboren. Im Alter von 25 Jahren erhielt er nach einem Studium an der Universität Würzburg seine erste Rabbinatsstelle in Burgkunstadt und Altenkunstadt. Er wurde einer der führenden Reformrabbiner des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

Über den Beginn seines Wirkens am Obermain im Jahr 1835 wird berichtet: „Am 17. September wurde der durch Stimmen-Einheit vom Distrikte Burgkundstadt als Rabbiner gewählte Rabbinatskanditat Leopold Stein aus Burgpreppach nach bestätigter Wahl von Seite der königlichen Regierung des Obermainkreises in der Synagoge zu Burgkundstadt durch den Herrn Landrichter von Weismain feierlich installiert. Nach Absingung eines von Herrn Stein verfassten Liedes durch die dortige Schuljugend hielt der Herr Landrichter einen kurzen, den Geist der Liebe und Humanität athmenden Vortrag, worin er die wechselseitigen Pflichten des Rabbiners und der Gemeinde entwickelte und den Israeliten die gebührende Anerkennung hinsichtlich der bereits gemachten Fortschritte auf dem Wege der Civilisation zu verstehen gab.“

Gemäßigter Vertreter der jüdischen Reformbewegung im 19. Jahrhundert

Leopold Stein war einer der gemäßigten Führer der jüdischen Reformbewegung im 19. Jahrhundert. Die Reformer setzten sich dafür ein, einen Großteil des Gottesdienstes in der jeweiligen Landessprache abzuhalten: Sogar ein Synagogenchor, womöglich in Begleitung einer Orgel, sollte im Gottesdienst mitwirken. Während seiner neunjährigen Rabbinatszeit am Obermain suchten viele junge Juden, die nach Amerika auswandern wollten, seinen Rat. Mit etlichen von ihnen blieb er bis zu seinem Lebensende in Briefkontakt, wie es die Nachlassakten in den American Jewish Archives in Cincinnati/Ohio belegen.

Ein jüdischer Reformer und Demokrat am Obermain
Mit 25 Jahren trat er seine erste Rabbinatsstelle in Burgkunstadt und Altenkunstadt an. Er wirkte auch in der Altenkunst... Foto: red

Das Gebetbuch „Gebete und Gesänge zum Gebrauche bei der öffentlichen Andacht der Israeliten“ veröffentlichte Leopold Stein 1840 in Erlangen. Er widmete diese „Bausteine zur Auferbauung eines veredelten Synagogengottesdienstes“ seinen „beiden theueren Gemeinden zu Burg- und Altenkundstadt, welche mich schon zu so manchem guten Werke mit eifrigem Wissen und thätiger Hand unterstützt haben.“

Der überzeugte Demokrat beteiligte sich an der Revolution von 1848

1844 zog der Burgkunstadter Rabbiner mit seiner Familie an den Untermain nach Frankfurt. Dort hatte man ihm die zweite Rabbinatsstelle übertragen. Sein Amtsantritt stand unter einem schlechten Stern. Stein galt als äußerst gemäßigter Vertreter der jüdischen Reformbewegung; er war vom Vorstand berufen worden, die religiösen Spannungen innerhalb der Gemeinde auszugleichen. Es gelang ihm jedoch nicht, die Unterstützung der Gemeinde zu gewinnen. Vergeblich versuchte Stein, vom Vorstand zum Oberrabbiner ernannt zu werden. Zeitlebens behielt er den Titel des Zweiten Rabbiners.

Stein war maßgeblicher Initiator des Neubaus der Hauptsynagoge in der damaligen Judengasse. Bei der feierlichen Eröffnung am 23. März 1860 hielt Stein in Anwesenheit der beiden Bürgermeister und des Senats der Freien Stadt Frankfurt die Festrede. Darin betonte er, die neue Synagoge sei ein Symbol für die Verbundenheit der israelitischen Gemeinde mit der alten Religion und für die Zugehörigkeit zur deutschen Nation. Aufgrund dieser Rede kam es zu einem Eklat im Gemeindevorstand. Nach einer Kontroverse trat Stein 1861 enttäuscht von seinem Rabbineramt zurück.

Ein jüdischer Reformer und Demokrat am Obermain
Dieses Gebetbuch widmete Leopold Stein vor 180 Jahren seinen „beiden theueren Gemeinden zu Burg- und Altenkundstadt.“ Foto: red

In seiner Frankfurter Zeit war er weiterhin literarisch tätig. Der überzeugte Demokrat beteiligte sich an der Revolution von 1848 mit engagierten Reden. An der Universität Tübingen promovierte er zum Doktor der Philosophie. Mit Unterstützung seiner Töchter gründete er eine jüdische Erziehungsanstalt für Mädchen. 1869 wurde er Prediger der „Westend-Union“, einer jüdischen Vereinigung von „Rückwanderern“, die in den USA zu Wohlstand gekommen waren.

Friedrich Rückert veröffentlichte Gedichte von Leopold Stein

In seinem „Erlanger Musen-Almanach für das Jahr 1838“ veröffentlichte der damals gefragte Friedrich Rückert etliche Gedichte des jungen Dichters Leopold Stein aus dessen Zeit am Obermain. Stein veröffentlichte ein „Israelitisches Religionsbuch“ für Heranwachsende und eine jüdische Theologie. Er war auch Herausgeber zweier Zeitschriften. Stein schrieb auch Dramen: „Die Hasmonäer“, 1859 in Mannheim uraufgeführt, und „Der Knabenraub von Carpentras.“ Leopold Stein starb am 2. Dezember 1882 in Frankfurt mit 72 Jahren. Entgegen jüdischer Tradition wurde er in einem Doppelgrab beigesetzt, an der Seite seiner 1869 verstorbenen Frau.

Schlagworte