BURGKUNSTADT

Die Tränen seines Freunds sieht Elmar Bergmann noch

Die Tränen seines Freunds sieht Elmar Bergmann noch
Gedenken der Opfer der Deportation von Burgkunstadter Juden vor 80 Jahren (v. li.): Stadthistorker Karl-Heinz Goldfuß, Pater Josef Gibus, Pfarrer Heinz Geyer, die Stadträte Dieter Schmiedel, Andres Kothmann und Michael Foltes, Bürgermeisterin Christine Frieß und Stadthistoriker R... Foto: Roland Dietz

Ein Zeichen gegen das Vergessen einer furchtbaren Zeit in Deutschland hat die Stadt Burgkunstadt mit einer Gedenkfeier zur 80. Wiederkehr der Deportation jüdischer Mitbürger am Mittwoch gesetzt. Besonders für weiterführende Schulen sollte dieses Gedenken ein wichtiges Thema sein, sagte Stadthistoriker Rudi Fetzer. Er hat die Auswirkungen der Nazi-Diktatur in Burgkunstadt zu einer Ausstellung zusammengestellt, die im Foyer des Rathauses zu ist. „Dieses Kapitel der Stadtgeschichte macht gerade jetzt wieder sehr nachdenklich“, erklärte Bürgermeisterin Christine Frieß zu Beginn der Gedenkstunde.

Wie der aggressive Antisemitismus gegen Juden nach der Pogromnacht 1938 zugenommen hatte, erläuterte Rudi Fetzer. Die Synagoge in der Burgkunstadter Unterstadt wurde nur aus dem Grund nicht abgebrannt, weil man Angst hatte, die Flammen könnten auf benachbarte Häuser übergreifen. Dennoch wurde öffentlich dazu aufgerufen, bei der Zerstörung mitzuwirken.

Die jüdischen Mitbürger wurden stigmatisiert, der Kontakt zu ihnen verboten und ein gemeinsames Leben, wie es vorher üblich war, wurde geahndet. Bei der Wannseekonferenz im Februar 1942 beschloss die Nazi-Führung die endgültige Vernichtung jüdischen Lebens.

Juden und Christen lebten als gute Nachbarn, bis die Nazis es verboten

Hatten bis 1933 noch 53 jüdische Mitbürger in Burgkunstadt gelebt waren es 1939 nur noch 32 und 1942 nur noch 13. Schon zuvor waren Juden auch in Burgkunstadt der Verfolgung durch das NS-Regime ausgesetzt.

„Was geschah, ist aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar“, betonte Rudi Fetzer. Juden waren seit den 20-er Jahren fest im öffentlichen Leben integriert. Im gesellschaftlichen und im religiösen Bereich habe Harmonie geherrscht. So war der Jude Josef Oppenheimer Vorsitzender des Turnvereins. Üblich war es, dass Christen in jüdischen Firmen und Haushalten beschäftigt wurden.

Die Tränen seines Freunds sieht Elmar Bergmann noch
Die sogenannten Bayernhäuser, in denen jüdische Familien unter menschenunwürdigen Bedingungen leben mussten. Foto: Roland Dietz

Je aggressiver die Nazis den Antisemitismus propagierten und durchsetzten, desto schwieriger wurde jedoch die Lage der jüdischen Mitbürger. So mussten die jüdischen Familien in ältere Häuser, sogenannte „Bayernhäuser“, umziehen und dort unter erbärmlichen Bedingungen leben. Ihr Eigentum und sogar Teile der Kleidung wurden ihnen von staatlicher Seite weggenommen. Hunger und Kälte waren an der Tagesordnung. Nur mit etwas Brennmaterial wurden sie versorgt. Einige beherzte Burgkunstadter, die den Terror nicht mitmachen wollten, organisierten eine „Ernährungskette“, um sie mit Essen zu versorgen.

Jüdische Familien wurden enteignet und in alten Häusern eingepfercht

Über diese Ausgrenzung und Drangsalierung wurde in der Stadt geschwiegen, denn alle hatten Angst, selbst ins Visier des Regimes zu geraten, so Rudi Fetzer. In den beschlagnahmten jüdischen Wohnhäusern wurden „arische Bürger“ untergebracht.

Rudi Fetzer erläuterte dieses Vorgehen am grausamen Schicksal der Familie Steinbock. Ignaz Steinbock war Schächter, jüdischer Lehrer und Religionsdiener in Burgkunstadt und Altenkunstadt. Er wohnte mit seinen Töchtern Elisabeth und Agnes sowie seinem Enkel Hans-Peter im jüdischen Schulgebäude in Burgkunstadt. Auch er und seine Familie wurde in ein sogenanntes „Bayernhaus“ hineingepfercht. In den kleinen Zimmer, in die kaum ein Sonnenstrahl drang, mussten elf Frauen und Männer und der kleine Hans-Peter leben.

Die Tränen seines Freunds sieht Elmar Bergmann noch
Über die Departation der jüdischen Bürger Burgkunstadts und ihre Ausgrenzung unter der Nazi-Diktatur hat Rudi Fetzer ein... Foto: Roland Dietz

Als Zeitzeuge berichtete Ehrenbürger Elmar Bergmann über die Geschehnisse am 24. April 1942. Der damals Achtjährige kam nach der Schule stets zu seiner Tagesmutter, Frau Michel, die schräg gegenüber von den Bayernhäusern in der heutigen Kulmbacher Straße wohnte. Nachmittags spielte er regelmäßig mit dem damals fünf Jahre alten Hans-Peter Steinbock. Vor allem an der Rückseite der Bayernhäuser, wo eine Voliere am Mühlbach stand, verbrachten sie viel Zeit. Dort hielten die jüdischen Familien einige Hühner. Plötzlich kam Hans-Peters Mutter zu den spielenden Buben, nahm ihren Sohn mit und eilte den schmalen Weg zwischen den Bayernhäusern hinauf zur Straße. Dort wurde der Junge auf einen Lastwagen gehoben. Er weinte bitterlich. Auch seine Mutter wurde hinaufgezogen.

Die Nazis behaupteten, dass die Juden im Osten Arbeit bekämen

Mit zwei Lastwagen wurden alle Juden deportiert. Lediglich etwas Handgepäck durften sie mitnehmen. Zusammengetrieben wurden sie von Burgkunstadter SA-Leuten, HJ-Jungen in Uniform und einigen Männern in Zivil. Das letzte was Elmar Bergmann sah, war wie die beiden Lastwagen wegfuhren. „Bis heute kann ich den Anblick meines weinenden Freunds nicht vergessen“, sagte Bergmann.

Den Bürgern wurde vorgegaukelt, dass die Juden nach Theresienstadt umgesiedelt würden und dort Arbeit bekämen. Ignaz Steinbock schien mit 74 Jahren dazu jedoch zu alt und wurde ins Bamberger Judenhaus „Weiße Taube“ gebracht. Im September wurde er dennoch mit einem „Altentransport“ nach Theresienstadt deportiert, wo er wegen der unmenschlichen Lebensbedingungen im Februar 1943 starb. Zusammen mit insgesamt 103 Personen wurden die anderen jüdischen Bürger aus Burgkunstadt am 24. April 1942 nach Bamberg gebracht. Sie wurden am 25. April 1942 mit einem Sonderzug aus Würzburg, der insgesamt 852 Personen transportierte abgeholt. Drei Tage dauerte die Fahrt in dem völlig überfüllten Transportzug in Richtung Osten.

„Wir dürfen die Menschen, die hier mit uns gelebt haben, nicht vergessen.“
Heinz Geyer, evangelischer Pfarrer
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Am Gedenkstein für die Opfer der Gewalt in der Kulmbacher Straße legte Bürgermeisterin Christine Frieß eine Schleife zur... Foto: Roland Dietz

„Wir dürfen die Menschen, die hier mit uns gelebt haben, nicht vergessen“, appellierte Pfarrer Heinz Geyer. „Wir müssen aus den schrecklichen Geschehnissen lernen, jedes menschliches Leben zu akzeptieren und zu respektieren.“ Die die Einigkeit der Menschen aller Religionen forderte Pater Josef Gibus.

Bürgermeisterin Christine Frieß legte zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger in Burgkunstadt eine Schleife am Gedenkstein nieder, der auf den Standort der Synagoge in der Kulmbacher Straße hinweist.

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