ALTENKUNSTADT

Der letzte Weg der Altenkunstadter Juden vor 80 Jahren

Der letzte Weg der Altenkunstadter Juden vor 80 Jahren
Am 24. April 1942 wurde die erst 13-jährige Margot Wolf mit ihren Eltern und zehn weiteren Altenkunstadter Juden deporti... Foto: Andreas Motschmann

,,Hüt‘ fei mei Häusla gut“, diese Worte rief Julie Schuster bei der Verabschiedung Inge Wolf zu. Ob es Zweckoptimismus war oder Trost, das wissen wir nach 80 Jahren nicht. Auf eine Reise ohne Wiederkehr mussten sich am Morgen des 24. April 1942 die 13 verbliebenen Juden von Altenkunstadt begeben. An diesem Frühlingstag versammelten sie sich vor dem Schuster?s Haus, wurden vom Altenkunstadter Polizeidiener zum Bahnhof nach Burgkunstadt geführt. Was dachten die Nachbarn und weitere Aldenkuschder, als sie hinter der Gardine heimlich die kleine Gruppe beobachteten?

In den Gaskammern in Belzec und Sobibor ermordet

Gemeinsam mit Glaubensgenossen aus dem Bamberger Land wurden die Juden aus dem oberen Maintal am 25. April in Bamberg in einen Güterzug gepfercht, aus dem sie am 28. April um 8.45 Uhr in Kraznystaw bei Lublin in Ostpolen wieder herausgetrieben wurden. Anschließend mussten sie einige Zeit im Durchgangslager Krasnyzin und im Ghetto von Izbica verbringen. Im Juni 1942 wurden sie in den Gaskammern von Belzec und Sobibor ermordet. Mit diesen Verbrechen endet die 700-jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde von Altenkunstadt.

Diesem Schlusspunkt waren viele Jahre der Schikane vorausgegangen. 31 Juden lebten zu Beginn der Nazi-Diktatur 1933 in Altenkunstadt. 100 Jahre zuvor waren es 400; das war fast die Hälfte der Altenkunstadter Bevölkerung. Viele waren ausgewandert oder in größere Städte in Franken gezogen. Die, die geblieben waren, engagierten sich im Dorf, im Gemeinderat, bei der Gründung der Vereine, der Freiwilligen Feuerwehr, dem Schützenverein oder dem Fußballclub.

Die Synagoge geschändet und die Juden in zwei Häusern „eingesperrt“

Nachdem ihnen die Bürgerrechte genommen worden waren, setzte der Terror mit der Pogromnacht am 9. November 1938 ein, bei der vier einheimische Nazis die Altenkunstadter Synagoge demolierten. Ende 1938 wurden die Juden gezwungen, ihre Häuser und Grundstücke zu verkaufen. In nur zwei Häusern, dem Anwesen Schuster (heute: Langheimer Straße 1) und dem Anwesen Liebermann (Theodor-Heuss-Straße), lebten ab 1940 die 15 Altenkunstadter Juden. Kleidermarken erhielten sie seit Februar 1940 nicht mehr, ab Mai 1940 galt für sie nachts ein Ausgehverbot. Den „Judenstern“ mussten alle über sechs Jahren ab September 1941 tragen. Offiziell durften sie von niemandem gegrüßt werden. Gerade noch die wichtigsten Grundnahrungsmittel erhielten sie für ihre Lebensmittelmarken, vor Hunger konnten sie nachts oft nicht schlafen.

Der letzte Weg der Altenkunstadter Juden vor 80 Jahren
Ab 1940 lebten die 15 Altenkunstadter Juden in zwei Häusern. Eines das Anwesen Schuster (heute: Langheimer Straße 1) lin... Foto: Andreas Motschmann

Im Oktober 1941 war in Berlin die Abschiebung von 50.000 Juden in das „Reichskommisariat Ostland“ beschlossen worden. Die Transporte zu je 1000 Personen übernahm die Deutsche Reichsbahn. Beim Transport vom 29. November 1941, den man in einem Sammellager in Nürnberg-Langwasser zusammengestellt hatte, kamen auch 106 Juden aus Bamberg nach Riga auf den sogenannten „Jungfernhof.“ Einige von ihnen waren in Altenkunstadt und Burgkunstadt geboren und aufgewachsen. Wenige Monate später wurden die Evakuierten im Hochwald von Riga erschossen; das geschah am Karfreitag und Karsamstag 1942. Die zurückgebliebenen Juden in Oberfranken befürchteten angesichts der verschwundenen Verwandten Schlimmstes.

Sämtliche Woll- und Pelzsachen mussten die verbliebenen jüdischen Bürger in Lichtenfels, Burgkunstadt und Altenkunstadt am 15. Januar 1942 an die Gemeindebehörden ohne Gegenleistung abliefern. Am 17. März 1942 teilte man 13 der 15 verbliebenen Juden in Altenkunstadt mit, sie sollten nach Polen ,,evakuiert“ werden. Ab dem 20. März sollten sie ihr Gepäck bereithalten und vor allem Arbeitskleidung für den Feldbau mitnehmen. Am 31. März wurden Bürgermeister Andreas Leikeim die Evakuierungsnummern der Betroffenen mitgeteilt, bis zum 23. April mussten sie ihr Gepäck abliefern.

Inge Wolf, die das „Häusla“ von Julie Schuster hüten sollte, durfte zusammen mit ihrem Vater Benno als einzige der Juden in Altenkunstadt bleiben, weil Benno Wolf mit einer Christin verheiratet war. Sie musste sich damals für immer von ihren Leidensgenossen verabschieden.

Erinnerungskultur durch die Interessengemeinschaft Synagoge

Der Mord an den Altenkunstadter Juden liegt 80 Jahre zurück, die Erinnerung an die lange jüdische Tradition aber bleibt lebendig. Ein großes Verdienst daran hat die Interessengemeinschaft Synagoge. Seit fast 35 Jahren gibt es auf ihre Initiative in der renovierten Synagoge Veranstaltungen und Führungen mit einer weit über den Landkreis hinaus wirkenden Resonanz. Das Museum in der ehemaligen Synagoge ist das einzige im Landkreis Lichtenfels, das sich mit dem Judentum befasst.

Der letzte Weg der Altenkunstadter Juden vor 80 Jahren
Gedenkmarsch zur Deportation am 24. April 2002: Vorne (Mitte) der 1. Vorsitzende der Interessengemeinschaft Synagoge Jos... Foto: Andreas Motschmann

Zur Erinnerungskultur tragen die alljährlichen Gedenkfeiern auf dem Jüdischen Friedhof am Ebnether Berg bei Burgkunstadt bei. Der Gedenkmarsch am 24. April erinnert an die Deportation der Juden. Dieser fand ab 1992 drei Mal alle zehn Jahre statt. Hier liefen 2002 über 150 Teilnehmer schweigend ein Stück des Weges, den die Juden am 24. April 1942 auf ihrem letzten Weg durch Altenkunstadt zum Bahnhof zu gehen gezwungen waren. ,,Ich habe sie alle gekannt“, sagte damals die Zeitzeugin Margarete Milz und verlas die Namen der 13 jüdischen Bürger, die aus Altenkunstadt deportiert wurden:

Rosa Liebermann (67)

Johanna Liebermann (43)

Theo Liebermann (58)

Hedwig Liebermann (49)

Ernst Liebermann (15)

Liesel Ruth Liebermann (13)

Theo Nordhäuser (60)

Mathilde Nordhäuser (64)

Max Schuster (65)

Julie Schuster (65)

Leo Wolf (50)

Helene Wolf (35)

Margot Wolf (13)

A Douch im Frühling 1942

Mit seinem Gedicht ,,A Douch im Frühling 1942“ schilderte der inzwischen verstorbene 1. Vorsitzende der Interessengemeinschaft Synagoge Josef Motschmann die Empfindungen, die mancher Altenkunstadter wohl gehabt haben mag, als der Zug der Deportierten durch die Straßen zog:

Die ersten Bäume

blühten schon

und wir arbeiteten

draußen im Garten.

Da lief plötzlich

ein kleines Häuflein

die Straße entlang,

eng aneinander gedrängt,

als ob sie frieren würden,

nur die gelben Sterne

an ihren Mänteln stachen heraus.

Als wir sahen,

dass sie näher kamen,

eilten wir

schnell ins Haus.

In der Wohnstube

hinter den Vorhängen

dachten wir uns unseren Teil ...

 

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