BURGKUNSTADT

„Der Herr Corona soll verschwinden“

Das historische Foto (Anfang 20. Jahrhundert) zeigt Menschen mit Behinderung und Schwestern bei der Handarbeit. Foto: red

2020 – das hätte für Regens Wagner ein besonderes Jahr sein sollen. Seit 125 Jahren wird dort gemeinsam mit Menschen mit Behinderung gearbeitet. Ein wunderschönes Sommerfest war geplant. Dann kam die Pandemie. Gesamtleiterin Sabine Schubert spricht ihre Gedanken aus. Berichtet, was sich in über einem Jahrhundert geändert hat. Und wie die Pandemie den Alltag prägt, liebenswerte Überraschungen Mut machen.

„Ein besonderes Jahr sollte es werden, das Jahr 2020. Denn vor 125 Jahren begann die Geschichte von Regens Wagner in Burgkunstadt. Fünf Dillinger Franziskanerinnen begannen mit vier Menschen mit Behinderung 1895 ihr Wirken am Obermain. Heute noch ist Regens Wagner Burgkunstadt die nördlichste Einrichtung des Regens-Wagner-Werkes.

Schon damals war es ein Gewinn für viele: Die Stadt Burgkunstadt hatte Verwendung für ihr altes Schloss gefunden, die ,Wagnerschen Anstalten' konnten ihr soziales Werk fortsetzen. Und das Wichtigste: Familien konnten in der Begleitung ihrer geistig- und mehrfach behinderten Angehörigen auf Unterstützung zählen. Viele hundert Bewohnerinnen und Bewohner fanden im Laufe der Jahre hier Heimat.

Unter dem Dach von Regens Wagner

Aktuell leben im Landkreis in vier Kommunen über 300 Menschen mit Behinderung unter dem Dach von Regens Wagner oder erhalten Dienstleistungen in vielfältiger Art. Es gibt Wohn- und Lebensraum in Burgkunstadt, Altenkunstadt, Weismain und Redwitz sowie zukünftig auch auch in Ebensfeld.

Seit der Gründungszeit hat sich vieles verändert und entwickelt. Geblieben sind der Stiftungsauftrag „Wir sind da für Menschen mit Behinderung“ und das zum Einzug errichtete Gebäude anstelle des ehemaligen Schlosses. Damals wie heute leben Menschen mit Behinderung mitten in der Stadt. Je nach Persönlichkeit war und ist Rückzug ebenso möglich wie Begegnung.

Das historische Foto (Anfang 20. Jahrhundert) zeigt Menschen mit Behinderung und Schwestern bei der Handarbeit. Foto: red

Ein Resümee nach 125 Jahren ist, dass es nie Stillstand gab. Immer wieder entwickelte man Projekte, verbesserte die Lebensqualität und förderte selbstbestimmtes Leben. Das Motto ,Ich finde meinen Weg' gibt den Mitarbeitenden genügend Motivation für neue Ideen und Pläne. Wenn Menschen zusammenleben, die nicht unbedingt ein der Norm entsprechendes Leben führen können, braucht es Einfühlungsvermögen, Geduld, Offenheit, Kreativität und auch mal Mut.

Im Laufe der Jahre wurden die Wohnformen differenzierter, Fördermöglichkeiten besser. So erreichen die Klienten heute mehr Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Dies alles trug dazu bei, dass das Erkennen und Ernstnehmen der Bedürfnisse des Einzelnen und die Chance auf ein weitestgehend normales Leben selbstverständlicher wurden.

Mit unserem Jubiläum wollten wir viele Menschen teilhaben lassen an diesem Lebensgefühl und auch Begegnung erleben. Zum Beispiel sollte im Juli zum Altstadtfest in Burgkunstadt ein Open-Air am Marktplatz und das Sommerfest stattfinden. In ungezwungener Form miteinander reden, lachen und singen – so waren die Vorstellungen.

Auch für die Dienstgemeinschaft als Dank und für das Teamgefühl, sollte es ein Fest geben. Nun ist dies alles anders gekommen, der Alltag hat sich auch bei Regens Wagner verändert. Die Motivation zum Feiern ist aktuell leider etwas vergangen. Sich innerhalb der Einrichtung ungezwungen zu treffen, selbst das geht im Moment nicht. Es fehlen ganz viele Kontakte, und die meisten sehnen sich wieder nach einer festen Tagesstruktur und normalen Schulunterricht. Die Mitarbeitenden geben ihr Bestes, arbeiten sich engagiert und verantwortungsbewusst durch die Pandemie.

Isolde Gleißner, die Vorsitzende der Bewohnervertretung, und Gesamtleiterin Sabine Schubert beim Sommerfest im vergangen... Foto: red

Mutmacher in dieser Zeit waren nicht selten die Jungen und Mädchen, Männer und Frauen bei Regens Wagner selbst. Eine Jugendliche hat auch in der Krise den Humor nicht verloren. Sie fragt sich und andere, wann denn „dieser Herr Corona mal wieder verschwindet.“ Eine andere Frau verteilt heimlich selbst gemalte Karten vor die Bürotüren. Fast schon berührend ist, wie sich viele Bewohnerinnen und Bewohner den neuen Medien annehmen können.

„Regelmäßig wurden und werden Kuchen, Blumen und andere Geschenke vor den Türen abgegeben. Nicht selten mit ein paar Tränen in

den Augen.“

Sabine Schubert, Gesamtleiterin

Die Freude über die Möglichkeit der Videotelefonie ist riesig, um so die geliebten Angehörigen während der Besuchsverbote zumindest in einem Bildschirm zu sehen und zu sprechen. Und natürlich werden auch bei Regens Wagner Burgkunstadt Steine bemalt mit guten Wünschen und bunten Farben. Unterschiedlichste Kunstwerke entstehen bei einem Kreativprojekt. Eine hohe Solidarität durften und dürfen wir von Seiten der Angehörigen erleben.

Regelmäßig wurden und werden Kuchen, Blumen und andere Geschenke vor den Türen abgegeben. Nicht selten mit ein paar Tränen in den Augen.

Besondere Formen der Begegnung

Besondere Formen der Begegnung dürfen wir auch aus der Bevölkerung erleben: Schulen und Kindertagesstätten bringen selbst gestaltete Kartengrüße und Plakate vorbei, etliche Anrufe und Mails zum Mutmachen kommen an und Musikvereine und Bands bieten sich für Liveauftritte an. Diese nehmen wir natürlich sehr gerne an. Für alle Zeichen sind wir sehr dankbar und freuen uns.

So feiern wir heuer wohl nicht wie geplant das 125jährige Jubiläum. Aber wir verbringen eine sehr intensive Zeit miteinander, die uns alle sehr verbindet und bewegend ist. Die Folgen werden uns sicherlich die nächsten Jahre noch prägen und uns für die Zukunft stärken.“

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