KRONACH/ALTENKUNSTADT

Marco Weidner: Corona trifft Häftlinge in Kronach hart

Marco Weidner arbeitet in der Justizvollzugsanstalt Kronach. Foto: red

Corona bringt auch zahlreiche Änderungen im Strafvollzug mit sich. Davon kann Marco Weidner berichten. Er arbeitet als Justizvollzugsbeamter in der JVA Kronach. Er schreibt uns über seinem Alltag während der Pandemie.

„Reicht es nicht aus, dass wir eingesperrt sind?! Jetzt nehmt ihr uns den Besuch auch noch weg!!! Man spürt den Ärger, den Frust, das Unverständnis, als die Corona bedingten Einschränkungen über die JVA Kronach schwappen. Ab sofort sollen die Insassen keinerlei Besuch mehr erhalten. Besuch von Familienangehörigen, Besuch von Freunden, der einzige Draht zum 'richtigen' Leben draußen.

Der Unmut war nachvollziehbar

Der Unmut war nachvollziehbar: Während wir, die Bediensteten, die Ausgangsbeschränkungen, das Maskentragen, die geschlossenen Geschäfte und allgemeine Ausnahmesituation täglich am eigenen Leib erfuhren, flimmerte diese von der Pandemie geprägte neue Welt für sie 'nur' über den Fernseher wie ein schlechter Hollywood-Endzeitstreifen.

Nicht zuletzt durch den Brand in der JVA am 31. August 2018 wissen wir jedoch mit Unvorhergesehenem umzugehen. Ruhe und Souveränität, auf den Einzelnen eingehen, und vor allem Erklären, Zuhören, entschärfte die Situation schnell.

Einfach war es für mich, für uns, dennoch nicht. Zu den bereits vorhandenen Grenzen, gegen die ich im Alltag stoße, kamen nun noch weitere Bestimmungen für meinen Arbeitsplatz hinzu. Es galt, neben den Insassen, für die wir die einzige mögliche Ansteckungsquelle waren, auch die Kollegen zu schützen.

Also: Maskenpflicht, Abstand halten. Diese neue Achtsamkeit machte mir die Nähe bewusst, die üblicherweise unsere Zusammenarbeit bestimmt, die Bedeutung auch eines kurzen Gesprächs zwischen Tür und Angel, das Abstimmen einzelner Aufgaben auf die Sicherheitsbestimmungen.

Einzelzellen für Gefangene der Risikogruppe

Und überall galt: Abstand halten und Maske tragen. Die Personalstärke pro Schicht musste auch weiterhin aufrechterhalten werden, in einzelnen Bereichen, wie der Anstaltsleitung und der Verwaltung, wechselten sich die Kollegen turnusmäßig ab, um Ansteckungen zu vermeiden und den geregelten Ablauf zu gewährleisten. Laufende Bauvorhaben wurden unterbrochen.

In der Justizvollzugsanstalt in Kronach hat sich durch die Pandemie einiges geändert. Foto: Klaus Gagel

Dritte, wie Ehrenamtliche, Firmenangehörige oder Dozenten, hatten ab sofort keinen Zutritt mehr. Nur der Sozialdienst sowie der Psychologische Dienst als Fachdienste führten neben dem Allgemeinen Vollzugsdienst ihre Arbeit fort. Diese hatten alle Hände voll zu tun, den weltlichen und seelischen Bedürfnissen der Gefangenen gerecht zu werden. Da der Vollzug von Ersatzfreiheitsstrafen vorübergehend eingestellt war, ließ sich auch die Vergabe der Haftplätze recht gut organisieren. Einzelzellen für Gefangene, die der Risikogruppe angehörten, Einzelzellen für Neuzugänge. Sie blieben 14 Tage in Quarantäne und erhielten gesonderten Hofgang.

Deren medizinische, und, falls nötig, psychologische Betreuung, wurde unter Einhaltung weitergehender Vorsichtsmaßnahmen sichergestellt. So konnten wir bisher, ToiToiToi, Ansteckungen untereinander sowie der Insassen vermeiden. Um, gänzlich abgeschnitten von der Außenwelt, keinen 'Lagerkoller' aufkommen zu lassen, war es allen, auch den Gefangenen in Untersuchungshaft, möglich, nach Absprache mit dem zuständigen Gericht Telefonate mit Angehörigen zu führen. Eine vertraute Stimme zu hören, zu erfahren, dass alle gesund sind oder was es Neues gibt: Das hat eine andere Qualität als ein Brief. Und auch wenn die Neuigkeiten keine guten waren so erfuhr ich doch, dass dieses Persönliche einen Unterschied macht.

Normalität kehrt schrittweise

Die Wochen, Monate, ziehen ins Land. Wir sind alle rechtschaffen Covid-19 gebeutelt und dennoch froh, bis hierhin alles gemeistert zu haben. Gemeinsam. Die ersten Lockerungen halten Einzug: Besuch ist wieder möglich. Zwar immer nur eine Person, mit Trennscheibe und zeitversetzt. Aber ein Funken Normalität. Wir tragen noch immer Masken, wenn ein Abstand zueinander oder den Gefangenen nicht eingehalten werden kann. Das wurde zur Normalität. Es ist erstaunlich, womit man umgehen, woran man sich gewöhnen kann. Auch in einem so restriktiven, geschlossenen Umfeld wie einem Gefängnis. Wenn man nur zusammenhält.“

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