BURGKUNSTADT

Burgkunstadter Udo Langer veröffentlicht neues Album „A.“

Burgkunstadter Udo Langer veröffentlicht neues Album „A.“
Wer nur war A.? Eine Frage, die Udo Langer über Monate umtrieb. Foto: Markus Häggberg

Eines Tages lag eine Frau tot in ihrer Wohnung. Das Umfeld der Frau dachte, über sie Bescheid zu wissen. Aber es wusste nichts von ihr. Oder nur so viel, wie sie preiszugeben bereit war. Keinesfalls wusste es von ihrer Identitätsstörung und, dass sie verschiedene Persönlichkeiten in sich trug. Udo Langer hat zu ihrem Schicksal das Konzeptalbum „A.“ vorgelegt. Sein bisher „intensivstes Werk“, wie er sagt.

Die Leinwand wird farbiger, aber der Mensch bleibt ein Rätsel

Udo Langer geht über knirschenden Schnee und blickt in die Ferne. Der Horizont ist weit, alles ist weiß. Wo sonst, wenn nicht hier, könnte man ein Foto zu seinem Erlebnis machen? Der 57-jährige hat versucht, sich einem Menschen anzunähern, der ihm zunächst eine weiße Leinwand war, über Monate hinweg mehr und mehr Farbe erhielt und letztlich doch ein Rätsel bleiben sollte.

Das Ergebnis ist ein Album, bei welchem sechs Charaktere einer einzigen Frau beleuchtet werden, dramaturgisch verbunden durch Nachrichtensprecher, die Eilmeldungen zu dieser Frau durchgeben. Am Ende, da ist sich Langer sicher, steht ein Schicksal, das seinen „Frieden gefunden hat“. Es ist eine hoffende Einsicht, die am Schluss von zwölf arbeitsreichen Monaten steht.

Burgkunstadter Udo Langer veröffentlicht neues Album „A.“
Das Ergebnis wirkt wie ein Gruß nach oben. A., da ist sich Udo Langer sicher, hätte „ein Kumpel werden können“. Foto: Markus Häggberg

Rückblende zum Januar 2020: Über einen Freund erfährt Langer von der Frau, die er bald nach der ersten Beschäftigung mit ihr „A Punkt“ nennen wird. Über diesen Freund (Name dem Autor bekannt) erhält er auch Zugang zu weiteren Teilen ihrer Familie. Der Bruder der Verstorbenen zieht Langer ins Vertrauen zu einem Umstand, der ihn irritiert und auf den auch er erst durch den Tod seiner Schwester stieß: Sie war mehrere Personen, eine sechsfach gespaltene Persönlichkeit. Ein Song (Wir waren sechs) entsteht, und bald spinnt sich von hier aus die Idee für mehr.

Eine posthume Denkschrift in Noten und Texten

Vor allem eine Tante und eben der Bruder der Verstorbenen befürworten den aufkommenden Gedanken einer musikalischen Würdigung, einer posthumen Denkschrift in Noten und Texten. Ein Projekt war geboren, zu dem Langer eigener Aussage zufolge keinen Moment Bedenkzeit brauchte.

Ein Zeitplan entstand aber doch. „Wir haben Anfang Februar festgelegt, dass in einem Jahr zum Aschermittwoch hin die CD rauskommen soll“, so der mehrmalige Sieger und Vorderplatzierte diverser Kategorien des renommierten „Deutschen Rock & Pop Preises“.

Burgkunstadter Udo Langer veröffentlicht neues Album „A.“
Eines Tages fiel Udo Langer das Thema A. vor die Füße. Gepackt hat es ihn gleich. Manchmal brauchte er sogar Abstand. Foto: Markus Häggberg

Deshalb fuhr Langer mit dem Bruder der Frau an ihren Lebensmittelpunkt nach Frankfurt am Main, betrat ihre Wohnung und stieß auf eine Unmenge an Tagebüchern. Jetzt war die Scheu da, diese auch zu lesen. Doch daran führte kein Weg vorbei. „Ich habe ihre Tagebücher mit sehr viel Ehrfurcht gelesen und auch in Absprache mit der Familie welche mit nach Hause genommen.“

Die Vielfalt wurde aus Leid geboren

Die Ehrfurcht vor dem Inhalt blieb Langer auch in seinen eigenen vier Wänden erhalten. „Ich habe sie nie offen rumliegen lassen“, sagt er. In den Seiten beheimatet waren Malin, Liam, Tabea, Robin, Joshua und Blaine, alles Alter Egos, Persönlichkeiten, Stimmen und Existenzen im Menschsein einer unauffälligen kaufmännischen Angestellten. Jede für sich stehend, sprechend, schreibend, jede nach Anerkennung und Liebe ringend, oder sich für das Leben Mut zusprechend. Eine davon sogar als Mann. Langers Folgerung aus all dem Gelesenen: Diese Vielfalt wurde aus Leid geboren.

Doch der Besuch der Wohnung, die Beobachtungen dort, der Versuch, so etwas wie die dortige Raumseele in sich aufzunehmen und das Lesen der Tagebücher, seien nicht die einzigen Methoden gewesen, sich auf das Projekt einzulassen. Ein anderer Weg führte Langer in den Rückzug, dorthin, wo man nicht zu Klängen geht, sondern von ihnen besucht wird. Am Schwürbitzer See sei das passiert, oder an dem von ihm so geschätzten heimischen Kugelbaum.

„Es ging soweit, dass ich

von Melodien und Texten

geträumt habe und

davon aufgewacht bin.““

Udo Langer über das Einlassen auf sein Projekt

Und es kam vor, dass, während er schlief, sein Unterbewusstsein wach blieb und ihn mit Bildern versorgte. „Es ging soweit, dass ich von Melodien und Texten geträumt habe und davon aufgewacht bin.“

Ein anderes Mal, so Langer, habe er in einem Gasthof übernachten müssen und war noch um 3 Uhr wach. „Was machste?“, dachte er bei sich und versuchte fernzusehen. Doch der Fernseher war kaputt. Lesen ging auch nicht, „denn ich hatte mein Buch nicht da“. Doch erstaunlicherweise sei er „total wach gewesen. Und plötzlich ist mir eine Melodie eingefallen“. Jetzt bekam sein Handy etwas zu tun, verfügt es doch über eine Diktierfunktion. So nahm der Song „Irgendwo da draußen“ seinen Anfang.

Nach und nach wuchs etwas heran, irgendwo zwischen Psychogramm und Verbeugung, zwischen Klangcollagen und unverbrauchten lohnenden Melodien; etwas, das es schafft, sich angenehm häufig auf zeitloser Ebene an den Sound der 1980-er anzulehnen und überflüssigen Bombast zu vermeiden.

Burgkunstadter Udo Langer veröffentlicht neues Album „A.“
Über ein Jahr lang nahm A. Udo Langer gefangen. Am Ende steht die neue CD "A.". Foto: Markus Häggberg

Während Langer den Versuch einer Lebensdeutung unternimmt und sie zu einer Biografie fügt, reichert sich sein Album dabei mit glaubwürdiger Melancholie genauso an wie mit Momenten der ratlosen Stille, unerwarteten Disco-Elementen oder gewollt kitschigen, da der Seelenlage einer nach Harmonie suchenden abgespaltenen Facette von A. geschuldeten Tonfolge.

Die Melodien sind einprägsam, aber nicht billig. Das Einzige, was hier bei Langer nicht überrascht, ist das Happy Ending. Ihm entgeht man bei dem Burgkunstadter praktisch nie.

Das komplexe Album ist am Aschermittwoch erschienen

An dem komplexen Album waren insgesamt sechs Musiker beteiligt. Der prominenteste unter ihnen: Eroc. Er, einst Mitglied der legendären deutschen Band Grobschnitt und Musikproduzent (unter anderem von Phillip Boa), tüftelte und feilte am Sound des Albums, das am Aschermittwoch in einer Auflage von 500 CDs erschienen ist. Im Mai folgt dann die Vinylausgabe mit 300 Stück. Außerdem ist auf YouTube der Trailer „A. - Die Geschichte der sechs Leben“ zu finden.

Bleibt noch die Frage, ob Udo Langer die Frau, zu der er einen kompositorischen und textlichen Näherungswert schuf, im wirklichen Leben gerne mal kennengelernt hätte. „Ja, aber so was von. Ich glaube auch, dass ich mich mit ihr richtig gut verstanden hätte.“

Hinweise zum Kauf von „A.“ auf der Homepage Klangfeder.de. Erhältlich ist „A.“ auch bei der Buchhandlung Friedrich in Kulmbach, bei Buch & Papier in Michelau, Burgkunstadt und Bad Staffelstein und in Löpperts Lädchen in Weismain.

 

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