BURGKUNSTADT

Baur-Chef Stephan Elsner setzt auf Mut zur Veränderung

Seit sieben Wochen ist Stephan Elsner Vorsitzender der Geschäftsführung der Baur-Gruppe. Gerade mal zwei Wochen lang war er in seinem neuen Büro in der Hauptverwaltung in Weismain, dann zog er wegen der immer dramatischer werdenden Pandemie ins Home-Office um, wie die meisten seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Kein leichter Start für den neuen Baur-Chef, der sich den meisten seiner Angestellten nur per Video-Konferenz vorstellen konnte.

Als Segen und Fluch erlebt er das Arbeiten im Home-Office. Einerseits hat es ihm die Einarbeitung durch Videokonferenzen mit seinem Vorgänger Patrick Boos und dem Führungsteam seit Juni erleichtert. Auf die Frage, ob Baur auch künftig verstärkt auf die Arbeit von zu Hause setzen werde, antwort er mit seinem Lieblingssatz: „Es kommt darauf an.“ Bei aller Flexibilität sei für die Unternehmenskultur, auf die bei Baur großen Wert gelegt werde, der persönliche Umgang miteinander wichtig. Und so gut etwa Programmierer für sich allein arbeiten könnten, für den Teamgeist und bei Besprechungen sei die Präsenz wertvoll. Das gelte vor allem im Ressort Marke & Vertrieb, das er verantwortet. Denkbar wäre etwa eine Drei-Tage-Woche im Büro, den Rest zu Hause.

Nach 20 Jahren in Italien bei Bonprix, davon viele Jahre als Vorsitzender der Geschäftsführung, hat es Elsner ausgerechnet im Herbst nach Oberfranken verschlagen. Doch nicht nur das Wetter überrascht ihn des öfteren. Zu kämpfen hat er mit den Öffnungszeiten im deutschen Handel. Während er es in Italien gewohnt war, auch am Sonntag einkaufen zu können, bleibt ihm wegen seiner Arbeitszeiten hier nur der Samstag, um Besorgungen für die Einrichtung seiner neuen Wohnung in Bamberg zu machen. Da müsse er einen minutiösen Plan machen. „Angesichts der Öffnungszeiten mancher Geschäfte brauchen sich die Kaufleute nicht zu wundern, wenn die Kunden ins Internet abwandern“, sagt er. „Die Welt verändert sich, und um mitzuhalten, muss ich mich bewegen.“

Den Konzern stärker nutzen und die eigenen Stärken ausbauen

„Nichts kaputtmachen“, beschreibt er scherzhaft sein Programm für das erste Geschäftsjahr. Schließlich habe er mit der Baur-Gruppe ein gut gehendes Unternehmen übernommen, das auf dem richtigen Weg sei. „Es geht in die richtige Richtung, aber jetzt müssen wir uns noch stärker profilieren, Stellschrauben nachjustieren und unsere Rolle im Otto-Konzern ausfüllen“, betont Stephan Elsner. Baur habe mit seiner fast 100-jährigen Tradition seine Stärken und Selbstbewusstsein, doch könnten die Möglichkeiten der Konzernfamilie noch stärker genutzt werden. „Wir haben mit Empiriecom im Bereich digitaler Anwendungen und mit BFS bei den Dienstleistungen besondere Stärken, aber bei der Logistik profitieren wir von der Otto-Gruppe. Wir müssen noch stärker darauf achten, was der große Bruder macht und wo er uns den Rücken freihalten kann.“

Wichtig sei es, ständig an der Stärkung der Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit zu arbeiten. Zwar laufe das Geschäft gut und in der Pandemie habe Baur durch eine kluge Strategie neue Kunden und Kundinnen gewonnen, doch diese Zuwächse gelte es auszubauen. Auch im Dienstleistungsbereich.

„Aus meiner Sicht ist ein guter Chef der, der im Prinzip nur dann präsent ist, wenn man entweder Unterstützung oder Orientierung braucht. Ansonsten stehe ich für Delegation und Grundvertrauen.“
Stephan Elsner, Vorsitzender der Baur-Geschäftsführung

Daher sei es wichtig, in einer Zeit in der genug Geld für einen Umbau vorhanden sei, Baur Fulfillment Solutions (BFS) besser aufzustellen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dazu gehören für Elsner die Auflösung der besser bezahlten Altverträge von Mitarbeitern und die Verlegung weiteren 60 Stellen ins Ausland: „Das Programm zielt darauf, möglichst viele der Arbeitsplätze zu erhalten und Erträge für Investitionen in Technik und Software zu nutzen, um die Leistungsfähigkeit der Organisation langfristig zu sichern.“ So verständlich die Verärgerung der betroffenen Mitarbeiter sei, es führe kein Weg daran vorbei, wenn die Standorte von BFS in Burgkunstadt, Bayreuth und Neustadt bei Coburg dauerhaft gesichert werden sollen.

Ein guter Chef sei der, „der im Prinzip nur dann präsent ist, wenn man entweder Unterstützung oder Orientierung braucht“, sagt Stephan Elsner. „Und gerade Letzteres sollte vor allem vom CEO eines Unternehmens kommen. Ansonsten stehe ich für Delegation und Grundvertrauen in die Fähigkeiten und die Motivation der Mitarbeitenden.“

Von der neuen Bundesregierung wünscht sich Stephan Elsner Mut zur Veränderung: „Die ist in einigen Schlüsselbereichen bitter nötig. Dazu gehören sicher der Umweltschutz und die Digitalisierung. Beides wird langfristig eher dürftige Ergebnisse bescheren, wenn wir nicht noch massiv die Bildung reformieren.“ Dazu gehörten auch höhere Investition – zum Beispiel in digitale Infrastruktur. Entscheidender werde aber sein, auch das Konzept des Bildungswesens in den Schulen zu reformieren: „Seit rund 100 Jahren ist wissenschaftlich belegt, dass unser Frontalunterricht sozial ungerecht ist und insgesamt schlechtere Ergebnisse hervorbringt. Dennoch verbringen wir Jahre mit Diskussion darüber, ob die Grundschule vier oder besser sechs Jahre dauern sollte, oder man ein Abitur nicht schon nach zwölf Jahren absolvieren sollte. Das geht am eigentlichen Problem komplett vorbei. Tragisch!“

Die geplante Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro sei kein Problem, da sie vor der Wahl angekündigt wurde und somit eingeplant worden sei. „Wir befürworten durchaus, wenn bundesweit hier klare Rahmenbedingungen für alle Wettbewerber gesetzt werden“, betont Elsner.

Weihnachtsgeschäft boomt, aber der Chipmangel ist auch bei Baur spürbar

Sehr zufrieden ist Stephan Elsner mit dem Weihnachtsgeschäft und der Nachfrage rund um das Black-Friday-Weekend. Probleme mit Lieferengpässen wie in anderen Branchen gebe es noch nicht, doch spüre auch Baur die Lieferkettenproblematik. Während sich das in der Mode kaum bemerkbar mache, seien sie im Technikbereich erheblich. „Hier spüren wir, wie auch die Automobilindustrie, den Chipmangel. Haushaltsgeräte einiger bekannter Marken sind oft über längere Zeit ausverkauft. Auch die Lieferzeiten bei den Möbeln haben sich verlängert.“ Insgesamt fänden die Kunden aber in jeder Preiskategorie genügend Auswahl. „Für den Fall, dass sie bestimmte Produkte suchen, empfehle ich schnelles Handeln“, sagt der Baur-Chef mit Blick auf Weihnachtsgeschenke.

Das Fest wird Stephan Elsner mit seiner Frau und den beiden Kindern in Italien verbringen. Vorerst wird er zwischen beiden Wohnsitzen pendeln. Zu Beginn wohl nur einmal im Monat, da die Einarbeitung Vorrang habe. Wenn die erste intensive Phase vorbei ist, wolle er jedes zweite Wochenende in Italien verbringen. Seine Einkäufe mache er am liebsten bei Baur: „Bett, Fernseher und Esstischgruppe – alles von Baur.“ Lebensmittel kaufe er im gut sortierten Supermarkt oder auch mal beim Discounter. Als persönlichen Beitrag zum Klimaschutz hat er den Plug-In-Hybrid-Wagen von seinem Vorgänger übernommen.

In der Freizeit spielt er E-Bass, läuft und fährt Harley Davidson

Als Ausgleich betätigt sich Stephan Elsner gerne sportlich: „Laufen, Golf oder auch Padel-Tennis.“ Und die Musik spiele ein wesentliche Rolle, aktiv, mit dem elektrischen Bass. „Dann bewege ich mich sehr gerne auf motorisierten Zweirädern – allen voran auf einer Vespa und Harley Davidson.“ Er freue sich darauf, seinen Hobbys künftig in der reizvollen Landschaft Oberfrankens nachgehen zu können, um so Umgebung und Menschen näher kennen zu lernen. Positiv überrascht zeigt er sich nicht nur von den Mitarbeitern, sondern auch von der Herzlichkeit der Menschen in Oberfranken.

Stephan Elsner

Seine berufliche Laufbahn begann nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften 1992 als Marketingassistent bei Otto in Hamburg. 1994 wurde Stephan Elsner Leiter des Kundenmanagements. 1998 übernahm er die Aufgabe des stellvertretenden Geschäftsführers der Apart Fashion GmbH. Als Director Market Planning wechselte er zum US-amerikanischen Handelsunternehmen Spiegel Inc. Fast 20 Jahre war er bei Bonprix Italien, davon viele Jahre als Vorsitzender der Geschäftsführung, tätig.

Stefan Elsner, Jahrgang 1965, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Baur-Gruppe ist ein Unternehmensverbund, der sich auf Online-Handel und Dienstleistungen konzentriert. Kernunternehmen ist Baur mit dem Online-Shop baur.de. Seit 1997 ist Baur Mitglieder der Otto Group, zweiter Gesellschafter ist die Friedrich-Baur-Stiftung. Die Baur-Gruppe steht für einen Außenumsatz von rund 993 Millionen Euro (Geschäftsjahr 2021/21). Die Zahl der Mitarbeiter beträgt 4957.