Aus Weismain zurück nach Litauen: „Sind an Grenzen gestoßen“

Der frühere Weismainer Arnas Giraitis bei der landesweite Müllsammelaktion in seiner Heimatstadt Marijampole. Damals hatte die Corona-Pandemie Litauen gerade erst erreicht. Foto: red

Weismain Arnas Giraitis war früher einige Jahre als Mitarbeiter des Obermain-Tagblatts unterwegs. Schon in jungen Jahren entdeckte er den Spaß am Journalismus und am Fotografieren für sich. Ebenso engagierte er sich in der Lokalpolitik und brachte sich ehrenamtlich mit ein. Heute lebt der mittlerweile 21-Jährige wieder in Litauen. Ein Gespräch über die Corona-Krise im Baltikum, Zukunftsperspektiven.

Obermain-Tagblatt: Arnas, du bist in Litauen geboren, hast aber viele Jahre im Landkreis Lichtenfels gelebt, zunächst im Staffelsteiner Land und zuletzt in Weismain. Nun bist du wieder zurück in der Heimat. Wie geht es dir dort so?

Arnas Giraitis: Seit drei Jahren bin ich zurück in meiner Heimat Litauen. Mit geht es an sich recht gut, wobei mir die strengen Beschränkungen aufgrund der Pandemie schon wirklich auf die Nerven gehen. Das geht nicht nur mir so, sondern vielen Menschen in Litauen.

Für viele in Deutschland ist Litauen ein weißer Fleck auf der Karte. Nur sehr wenige wissen, dass es ein wunderschönes Land mitten in Europa ist. Wunderschön sind die Hauptstadt Vilnius, die kurische Nehrung oder die Wasserburg in Trakai. Das sind echte Touristenziele. Litauen ist eher ein flaches Land, doch es gibt auch Berge.

Die Menschen Litauens sind sehr fleißig und gutherzig, haben viele Talente. Ich würde mich freuen, wenn Reisefreudige das Land mal besuchen würden.

Deutschland hat für Litauen ja eine Covid-19-bedingte Reisewarnung ausgesprochen. Wie stark hat die Corona-Pandemie Litauen im Griff?

Giraitis: Am 18. März vergangenen Jahres wurde der erste Covid-19-Fall in Litauen bestätigt. Am 20. März gab es den ersten Corona bedingten Todesfall. Die litauische Regierung verhängte eine Ausgangssperre vom 16. bis 30. März, die bis zum 13. April verlängert wurde.

Im November ging Litauen für drei Wochen in einen Teil-Lockdown. Gastronomische Betriebe durften bis zum 29. November nur noch außer Haus verkaufen, Freizeit-, Kultur-, Unterhaltungs- und Sportstätten mussten schließen und Veranstaltungen und Versammlungen an öffentlichen Orten wurden untersagt. Am 16. Dezember ging das Land in einen bis 31. Januar verhängten Lockdown inklusive Kontaktbeschränkungen, geschlossenen Geschäften und Online-Unterricht für Schüler.

Momentan sind die Infektionszahlen recht stabil und der bis Ende Mai verlängerte Lockdown wird schrittweise und vorsichtig gelockert. Die Restaurants sowie Straßencafés haben wieder geöffnet und die Veranstaltungen dürfen stattfinden. Natürlich unter größten Vorsichtsmaßnahmen und Hygieneauflagen.

Ganz staatsmännisch: der frühere Weismainer Arnas Giraitis mit dem früheren litauischen Premierminister Saulius Skvernel... Foto: red

Du leistest momentan deinen Wehrdienst ab. In Deutschland ist die Bundeswehr stark in die Pandemiebekämpfung eingebunden. Wie ist es in Litauen?

Giraitis: Den Grundwehrdienst bei der litauischen Armee – Kariuomene – abzuleisten, ist für jeden Mann Pflicht. Das tue ich derzeit. Während der Pandemie ist auch unsere Bundeswehr stark eingebunden, hilft den Ämtern, der Polizei und allen anderen Behörden.

Die Armee hat in der Pandemiebewältigung bei den Kontrollenposten zwischen den Städten geholfen, da die Fahrten von einer in die andere Stadt verboten war. Außerdem waren die Soldaten sehr oft auf den öffentlichen Plätzen präsent. Das war für die Jugendlichen, die gerne mal Fußball oder Basketball mit Freunden spielen wollten, eine schwierige Zeit. Mitten unter einem Spiel konnte es passieren, dass die Armee oder die Polizei kam, um das Spiel zu beenden.

In Deutschland gibt es seit Monaten einen harten Lockdown mit harten Einschnitten in das tägliche Leben. Wie ist es in Litauen?

Giraitis: Die Pandemie hat nicht nur Deutschland stark betroffen, auch hier in Litauen gab es einen landesweiten Lockdown. Treffen mit anderen Personen oder Familien waren untersagt. Sogar der Aufenthalt im Freien oder Spaziergänge waren bis auf fünf Personen beschränkt.

Das Fahren außerhalb seiner Stadt war verboten. Die Polizei oder die Armee musste jedes Auto anhalten und fragen, wohin die Reise geht und aus welchem Grund man in die andere Stadt will. Wenn es auf die Arbeit ging, musste man Unterlagen als Beweis vorlegen. Restaurants waren geschlossen.

Die FFP2-Maske ist in Deutschland der stete Begleiter der Menschen. Wie wird das in Litauen gehandhabt?

Giraitis: Ganz genau so, auch hier in Litauen gibt es eine Maskenpflicht. Die Maske ist mein ständiger Begleiter. Wobei man sie aktuell im Freien nicht tragen muss. Nur in geschlossenen Räumen.

Nach schleppendem Beginn nehmen die Impfungen in Deutschland langsam Fahrt auf. Bist du selbst schon geimpft?

Giraitis: Auch in Litauen haben die Impfungen schon begonnen, Senioren wurden schon geimpft und werden immer noch geimpft. Die Impfkampagne läuft in Litauen seit gut einem Monat. Ich selbst bin noch nicht geimpft.

Wieviel Prozent der Litauer sind geimpft?

Giraitis: Nach meinen Kenntnissen haben sich über 50 Prozent der Senioren impfen lassen. Die Jüngeren sind dabei nicht so aktiv. Es dürften derzeit unter 15 Prozent sein, die sich impfen lassen haben.

Bei uns sind es vor allem Astrazeneca, Biontech und Moderna: Auf welche Impfstoffe vertraut Litauen?

Giraitis: Die litauischen Bürger vertrauen vor allem auf Astrazeneca.

Der 21-Jährige ist gerne mit dem Fahrrad unterwegs, hier an der kurischen Nehrung in Nida. Foto: red

In Deutschland haben wir ein gut strukturiertes Gesundheitssystem, das aufgrund der Pandemie allerdings an seine Grenzen stößt. Wie ist die Situation im Gesundheitssystem Litauens? Wie in den dortigen Krankenhäusern?

Giraitis: Niemand war auf so eine Krise gut genug vorbereitet. Sowohl die Krankenhäuser als auch unser gut strukturiertes Gesundheitssystem. So hat die Covid-19-Situation die Schwächen des Gesundheitssystems hervorgehoben.

Auch hier bei uns in Litauen sind die Krankenhäuser an ihre Grenzen gestoßen. Die Betten für die Patienten haben nicht mehr gereicht, das Personal war Tag und Nacht im Einsatz, später ist auch das Personal teils auch an Covid-19 erkrankt. Dann fehlte es an Mitarbeitern. Litauen hat Hilfe von anderen Ländern gebraucht. Es sind ausgebildete ausländische Ärzte hierher geflogen.

Die Lage hat sich inzwischen stabilisiert, aber wir lassen in unseren Bemühungen nicht nach. Ich denke, wir haben es gemeinsam ins Griff bekommen.

Man muss aber auch sagen, dass die Krankenhäuser und das Rettungspersonal wirklich Übermenschliches leisten. Das verdient meinen allergrößten Respekt, dafür danke ich sehr.

Arnas Giraitis im Interview. Foto: red

Gab es in deinem Bekannten- und Verwandtenkreis schon schlimme Corona-Fälle?

Giraitis: Zum Glück hat es mich persönlich nicht getroffen. Im weiten Bekanntenkreis gab es sicherlich Covid-19-Fälle. Die Betroffenen sind aber wieder gesund.

Kannst du momentan Eltern, Freunde und Bekannte in Deutschland besuchen?

Giraitis: Leider nicht, denn die Situation auf der ganzen Welt erlaubt mir derzeit das Besuchen von meinen Eltern, Freunden und Bekannten in Deutschland nicht. Sonst bin ich jedes Jahr nach Deutschland geflogen.

Hat Corona dein Leben und deine Lebensplanung nachhaltig beeinflusst?

Giraitis: Ja, ganz sicherlich. Ich war und bin ein aktiver Mensch. Corona hat vieles beschränkt. Auf vieles muss ich leider verzichten, wie Freunde treffen, sich einfach mal die Hand zu geben, die eine oder andere Veranstaltung zu besuchen oder zu reisen. Manche müssen in ihrem Job von zuhause aus arbeiten. Uns allen hat es zu schaffen gemacht, wir haben aber vieles Neues gelernt.

Was hast du denn zum Beispiel gelernt?

Giraitis: Die Krise hat uns allen gezeigt wie wichtig die eigene Gesundheit ist, wie wichtig Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit sind. In der Krise hatte ich Zeit zu überlegen, wie ich mich noch mehr für die Gemeinschaft einsetzen kann. Mehr dem Mitmenschen und dem Land zu geben, hat für mich Priorität. Ich will als Person ein Spur im Leben hinterlassen, nicht nur in Litauen, sondern auch in Deutschland.

Du hast dich ja schon immer sehr gerne eingebracht. Engagierst du dich vielleicht sogar ehrenamtlich in der Pandemiebekämpfung?

Giraitis: Da ich momentan als Soldat im Dienst bin, geht das leider nicht. Wir sind aber jederzeit bereit, dort zu helfen, wo wir gebraucht werden. Gegen die Pandemie kämpfen wir gemeinsam.

Der frühere Weismainer Arnas Giraitis ist aufgrund seines Wehrdienstes zurück nach Litauen gegangen. Dort will er auch b... Foto: red

Was ist eigentlich das erste, was du tun willst, wenn die Pandemie vorbei ist?

Giraitis: Corona wird uns auf irgendwelcher Art und Weise immer begleiten. Wir müssen uns eben an Regeln halten, die eigene Gesundheit schützen und uns der landesweiten Situation anpassen. Sobald es aber möglich ist und die Erkrankungszahlen nicht mehr erschreckend hoch sind, werde ich zuerst eine Reise nach Deutschland unternehmen und die Menschen am Obermain, aber ganz besonders in Weismain, besuchen.

Wirst du weiter in Litauen bleiben? Was sind deine beruflichen Ziele/Perspektiven?

Giraitis: Ja, ich werde in meiner Heimat bleiben. Nach dem Dienst bei der Bundeswehr will ich mich selbstständig machen. Ich will den Menschen in Deutschland das Land Litauen zeigen, Reisen sowie Urlaub für Vereine, Unternehmen sowie Gruppen organisieren. Es gibt wirklich faszinierende Orte. Eventuell will ich ein Reisebüro eröffnen. So bin ich immer in Verbindung mit Deutschland und den Menschen.

Der frühere Weismainer Arnas Giraitis ist aufgrund seines Wehrdienstes zurück nach Litauen gegangen. Dort will er auch b... Foto: red

Zu guter Letzt: Was willst du den Menschen am Obermain mit auf den Weg geben, deren Nerven aufgrund von Corona mittlerweile blank liegen?

Giraitis: Schützen Sie sich und andere. Verlieren Sie die Lust am Leben nicht! Ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam Corona besiegen werden und uns bei der Kerwa oder dem beliebten Schützenfest wieder sehen werden, ohne Masken und mit viel Freude.

Meine Bitte: Engagieren Sie sich ehrenamtlich in der Pandemiebewältigung, denn nur gemeinsam sind wir stark.

 

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