BURGKUNSTADT

Kriegsende vor 75 Jahren in Burgkunstadt: Plündern aus Not

Kriegsende vor 75 Jahren in Burgkunstadt: Plündern aus Not
Ein Luftbild von Burgkunstadt aus dem Jahr 1938. Foto: Ingrid Kohles

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges hatten auch die Menschen am Obermain genug von Krieg, Hunger und Not. In seiner Chronik „Borkuschter Mosaik“ schildert Rudi Fetzer, wie sich das Geschehen in Burgkunstadt weiter entwickelte.

Die Post arbeitete schon seit Tagen nicht mehr, Telefonverbindungen funktionierten nicht. Die Stadtverwaltung hatte die geheimen Schriftstücke verbrannt. Am 9. April 1945 versammelte der Hamburger Verwaltungsinspektor Bär seine Gefolgsleute in der St. Josefsanstalt, riss sich das Parteiabzeichen vom Rock, warf es auf den Tisch und erklärte, dass ab sofort der Hitlergruß nicht mehr gelte. Das Hitlerbild im Großformat ließ er ins Feuer werfen.

Nach dem 9. April wurde in den Schuhfabriken die Arbeit eingestellt. An diesem Montag wurde erneut Panzeralarm gemeldet. Die wenigen Volkssturmleute, die erschienen, verliefen sich ganz schnell wieder. Doch da wurden 80 Panzerfäuste mit einem Pferdegespann zum Marktplatz transportiert, sie sollten mitten in der Stadt in einem bombensicheren Keller gelagert werden.

Pionierkommando der Deutschen sprengt Brücken über den Main

Einige beherzte Frauen und Männer verhinderten dort die Weiterfahrt des Pferdefuhrwerks. Sie erreichten, dass die gefährliche Fracht wieder dorthin gebracht wurde, wo sie hergekommen war. Eine Sicherungswache sorgte dafür, dass die Panzerfäuste nicht aus dem Lager entwendet werden konnten.

Am 10. April 1945 sprengte ein deutsches Pionierkommando die Brücke über den Main nach Altenkunstadt und eine kleine Brücke östlich des Bahnhofs. Auch hier befolgten die deutschen Soldaten den sogenannten „Nero-Befehl“, den Adolf Hitler am 19. März 1945 ausgegeben hatte.

Nach diesem Erlass waren innerhalb des Reichsgebietes beim Rückzug neben militärischen auch alle „Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte“ zu zerstören.

Kriegsende vor 75 Jahren in Burgkunstadt: Plündern aus Not
Auf dem Briefkopf der Dampfgerberei Lohneis-Mehringer (um 1900) ist die ehemals in der Lichtenfelser Straße gelegene Fab... Foto: Ingrid Kohles

Nach den Sprengungen im Maintal hörte der Durchzug von vagabundierenden Truppen auf. In den vorausgegangenen 14 Tagen hatten sich – nach der Einschätzung von Pater L. Härle – „Soldaten aller Sorten wie Landstreicher durch die Straßen von Westen her nach Osten gewalzt … Es waren wohl Tausende …“.

Seit dem 10. April 1945 war der Verkehr auf der Straße und der Schiene lahmgelegt. Am Abend des gleichen Tages erging an die Burgkunstadter Geschäftswelt die Aufforderung, den nach den Sprengungen „eingesperrten“ Lebensmittelzug zu entladen. Die dort postierten Soldaten hatten sich inzwischen abgesetzt.

Bürgermeister Dr. Feuersinger war nicht mehr im Amt, da er eingezogen worden war. Sein Stellvertreter, Hans Dumrauf, wollte die in den 26 Eisenbahnwaggons befindlichen Köstlichkeiten nach Plan verteilen. Schließlich hatten die Menschen Rind- und Schweinefleisch, Jagdwurst, Ölsardinen, Salz, Pfeffer, Zucker, Reis, Wein, Ballen von bulgarischem Tabak, Sauerkraut, Fett, Speiseöl, Hülsenfrüchte und vieles mehr ganz selten oder gar nicht mehr bekommen.

So zogen zwar Fuhrwerke von der Stadt hinaus, welche die Waren aus dem Zug zu den Geschäften bringen sollten, aber bereits auf der Rückfahrt wurden diese von den Burgkunstadtern halb geleert.

Menschen ließen sich beim Plündern auch von Schüssen nicht aufhalten

Die „planmäßige“ Verteilung der Köstlichkeiten scheiterte aber auch deshalb, weil nachts die „Ostarbeiter“ und die Bevölkerung von Burgkunstadt und Umgebung zum Lebensmittelzug kamen. Alles, was Beine hatte, rannte mit Handwagen, Rucksack, Körben und Behältern in dieser Nacht zum Bahngleis.

Die Menschen ließen sich nicht von Schüssen in die Luft durch den Strössendorfer Ortsgruppenleiter aufhalten. Auch die Angst, beim Plündern erwischt und dann erschossen zu werden, hinderte die ausgehungerte Bevölkerung nicht an ihrem Vorhaben.

Was nicht niet- und nagelfest war, wurde aus dem Lebensmittelzug mitgenommen. Beim Kampf um Büchsen oder Fleisch spielten sich unglaubliche Szenen ab, denn jeder war sich in dieser Nacht selbst der Nächste. Das Gelände um den Bahnkörper glich am nächsten Tag einem Schlachtfeld. Teilweise meterhoch türmten sich zerrissene Kartons und Kisten in den Mainwiesen.

Auch am Morgen des 11. April bewegten sich die Menschen noch pausenlos zum Bahnhof, um restliche Kostbarkeiten zu „organisieren“. Von den Rauchern besonders begehrt waren die goldgelben Tabakballen. Das nach dieser Farbe benannte „Schienengold“ wurde in selbst gedrehten Zigaretten noch Jahre später in Burgkunstadt und Umgebung geraucht.

In Burgkunstadt und in den umliegenden Orten hatten sich viele mit Hilfe der Lebensmittel aus dem Zug ein richtiges Hamsterlager angelegt. Für kurze Zeit vergaßen sie den Krieg. In manchen Haushalten wurden sogar Krapfen gebacken.

Das geschah oft in Zimmern, die nur vom Kerzenlicht erhellt waren, denn seit dem 11. April gab es in der Stadt keinen Strom mehr. So konnte man auch keine Radiosendungen hören. Das Lichtenfelser „Tagblättla“ war am 10. April letztmals erschienen und man war somit von den Ereignissen der Außenwelt abgeschnitten.

Mit Stoffen und Bekleidung eingedeckt

In diesen turbulenten Tagen und Nächten des Kriegsendes schloss sich aber ein anderes kleines „Wunder“ an: Nachdem ein Bekleidungslager der deutschen Kriegsmarine in den Räumen der ehemaligen Fabrik Iglauer in der Lichtenfelser Straße von Fremdarbeitern geplündert worden war, deckte sich auch die einheimische Bevölkerung auf Jahre hinaus mit Stoffen und Bekleidung jeder Art ein.

Es gab dort stark wattierte Pullover, Lederhosen, Jacken, beste Unterkleider, Drillichanzüge, Leinenballen, Hemdenstoff, Handtücher, Bettbezüge, Kochtöpfe und sogar Matratzen.

Vor und im „Marinelager“ erdrückten sich die Menschen fast, um die lang entbehrten Dinge zu erhaschen. Auch Kleidungsstücke, die in der neuen Schule und in der Mehringer-Halle bei der Firma Zeitler eingelagert waren, holten sich die Burgkunstadter nun. In dieses Bild der Auflösung und Gesetzlosigkeit passte dann noch die Plünderung der Schuhlager der Firmen Friedrich Baur und Otto Hühnlein durch Fremdarbeiter und Einheimische.“

Menschen auf der Flucht

Pater L. Hährle schildert seine Eindrücke von den letzten Kriegstagen in Burgkunstadt und vermittelt ein Bild der trostlosen Lage: „… Die Straße ist vollgestopft mit Menschen auf der Flucht, Deutsche und Ausländer in Scharen, dazwischen die flüchtenden deutschen Soldaten, auf Schubkarren und Handwagen aller Art, auf Fahrrädern und Gespannen jeder Sorte, die ärmlichen Reste ihrer Habe mit sich führend. Kein Fahrrad ist mehr sicher, kein Handwagen, alles wird gestohlen, was zur rascheren Flucht dienlich sein könnte. So rollt das Bild des sterbenden Großdeutschen Reiches auf der Straße durch lange Tage und Nächte …“. (koh)

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