MAINECK

Wohltat in Corona-Krise: Mainecker Erinnerungen via WhatsApp

Gunther Czepera braucht für sein neues Ehrenamt vor allem eines: ganz viel Zeit. Der Bauzeichner ermöglicht seinen Maineckern nicht weniger als eine Zeitreise in die Vergangenheit. Knapp 500 Bilder hat er in den vergangenen Monaten digitalisiert, um die für Betrachter so wertvollen Erinnerungen für die Nachwelt zu sichern. In Zeiten der Corona-Pandemie, in der soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert sind, verbindet er Interessenten via WhatsApp-Gruppe – und verschickt jeden Tag ein Schmuckstück aus der Bilderschatzkiste.

Die Idee zu dieser besonderen WhatsApp-Gruppe kam dem 48-Jährigen im vergangenen Jahr. „Damals gründeten meine Cousinen und Cousins und ich eine WhatsApp-Gruppe, nachdem wir jahrelang wenig Kontakt hatten. Es war schön, über dieses neue Medium wieder zueinander zu finden“, sagt er. „Über diese Gruppe haben wir dann alte Ahnenbilder versendet, im vergangenen Jahr gab es dann sogar ein Treffen. Da das gut ankam, dachte ich mir, dass das auch was für die Mainecker wäre.“ Da Czepera ein Mann der Taten ist, machte er sich wenig später ans Werk.

„Ich denke, dass es in Zeiten einer Ausgangsbeschränkung und von Kontaktverboten genau richtig ist, die alten Zeiten aufleben zu lassen.“
Gunther Czepera, Hobbyfotograf

Zunächst scannte er Bilder für sich, später verschickte er einzelne an Freunde und Bekannte. Einige Bilder von anno dazumal hatte er selbst in seinem Fundus, doch längst nicht genug. So trat er an die Mainecker Familie Hahn heran.

„Der schon verstorbene Adalbert war als der große Fotograf in Maineck bekannt und hat viele Bilder gemacht. Bei einem Seniorennachmittag hat sein Sohn Martin schon einmal Dias gezeigt“, so der Gemeinderat. „Mich hat es schon immer interessiert, wie der Ort früher ausgesehen hat. Ich bat ihm, mir alte Dias auszuleihen. Dabei habe ich dann viele Gesichter wiedererkannt.“ Über 400 Dias hat er alleine von Martin Hahn erhalten. Zu viele, um diese, wie zu Beginn und immer wieder zwischendurch, mit dem Tablet zu digitalisieren.

Keine Kosten und Mühen für die Umsetzung gescheut

„So habe ich mir einen Diascanner gemietet. Der macht das automatisch, und der Schlitten fährt dann mit 50 Bildern durch. Das dauert rund drei Stunden“, erklärt der Hobbyfotograf. Es dauerte ein wenig, bis Gunther Czepera die für ihn passenden Parameter ausgetüftelt hatte. „Ist die Auflösung zu hoch eingestellt, dauert es eine Ewigkeit. Zu niedrig aber darf sie auch nicht sein, denn man soll ja das Wesentliche erkennen.“ Zumal die Bildqualität vor einigen Jahrzehnten noch nicht so gut war wie heutzutage.

Mit dem Scannen ist erst einmal die Vorarbeit geleistet. Dann muss Czepera die Bilder mit viel Fingerspitzengefühl nachbearbeiten. „Den Charme alter Bilder machen eben auch Kratzer aus, oder dass der Fotograf nicht die beste Belichtung wählte“, sagt er. Hinzu kommt nicht selten ein Rotstich. Der ist mit einer Software schnell entfernt. Aber all das kostet viel Zeit. Das älteste Foto, das Czepera bislang bekam, entstand um 1900.

Als der „Stelzenverein“ noch seine Runden drehte

400 Schmuckstücke aus dem Hahnschen Bilderschatz wurden von Gunther Czepera schon digitalisiert. „Vielleicht bekomme ich ja noch weitere …?“, hofft er. Allzu gerne würde er den digitalen Fundus noch kräftig erweitern. Nicht nur Mainecker, auch andere Personen mit Bezug zu Maineck sind herzlich willkommen, ihre Fotoalben zu öffnen. Grenzen gibt es für ihn dort, wo die Bilder allzu privat werden. „Mein Wunsch wäre ein umfassendes Maineck-Archiv, auf das dann alle auch zugreifen können“, denkt er schon weiter.

Vorerst aber gibt es die WhatsApp-Gruppe, in der er die Mainecker täglich mit Fotos erfreut. „Ich denke, dass es in Zeiten einer Ausgangsbeschränkung und von Kontaktverboten genau richtig ist, die alten Zeiten aufleben zu lassen. Und dabei nicht nur die eigenen, sondern auch die der Eltern und sogar Großeltern“, betont Gunther Czepera. „Diese sind ja jetzt die besonders schützenswerten Personen in der Krise, und ihnen gilt ja auch unser Dank.“

Es sei auch spannend zu sehen, wie sich eine Ortschaft entwickelt oder wie selbst der Klimawandel in diesem kleinen Dorf am Main erkennbar ist. „Es gibt Bilder, auf denen die Jugendlichen auf dem Main Schlittschuh laufen und die Schneeberge im Ort zeigen: Heute gar nicht mehr vorstellbar“, sagt er.

Das tägliche Rätselraten: Wer sind die Personen auf den Fotos?

„Interessant ist auch, wie sich die Freizeitaktivitäten verändert haben. Früher gab es den ,Stelzenverein‘, und es gab kein Internet oder Handy. Und ich glaube, man hatte insgesamt mehr Spaß in der Jugend.“

Die Resonanz in der WhatsApp-Gruppe ist übrigens überaus positiv. Waren es am Anfang einige wenige Interessenten, so sind es mittlerweile über drei Dutzend. Und es werden immer mehr. Die Bilder sorgen oft für ein großes Hallo. „Und oft wird dann in der Gruppe so lange nachgebohrt, bis jede Person, die auf den Fotos zu sehen ist, auch wirklich identifiziert ist.“