ALTENKUNSTADT

Neue jüdische Schule in Altenkunstadt vor 150 Jahren

Neue jüdische Schule in Altenkunstadt vor 150 Jahren
Im Juni 1942 wurde die erst 13-jährige Margot Wolf, eine der letzten jüdischen Schülerinnen aus Altenkunstadt, in den Ga... Foto: Andreas Motschmann

Im Altenkunstadter Judenhof stand einmal eine jüdische Schule. 1809 wurde die erste Schule für die jüdischen Kinder eingerichtet. Vorher hatten sie bei etlichen Hauslehrern Unterricht erhalten, eine Sitte, die anscheinend nicht so schnell abgeschafft werden konnte, denn noch 1823 protestierte der rechtmäßige Lehrer Moritz Ullmann gegen die „Winkelschule“ des Löb Bettmann.

1839 waren außerdem die jüdischen Kinder aus Maineck und Fassoldshof nach Altenkunstadt eingeschult worden. Von 1860 bis 1869 bezog man zusätzlich im Synagogenanbau einen Schulraum. Offiziell wurde die „Jüdische Volksschule“ 1869 im Haus 48, heute: Judenhof 14, eröffnet.

Katholischer Pfarrer hatte Dienst- und Fachaufsicht der jüdischen Schule

Den Schulbetrieb, wie er heute selbstverständlich ist, gibt es erst seit über 200 Jahren. Bis 1802 war das Schulwesen Aufgabe der jeweiligen Pfarrgemeinde. Erst seitdem ist die Volksschule eine reine Staatsanstalt und somit dem Zugriff der Kirchen – außer im Religionsunterricht – entzogen. Gleichwohl gewährte das Königreich Bayern kirchlichen Behörden auf lokaler und mittlerer Ebene maßgeblichen Anteil an der Schulaufsicht. Der jeweilige Ortspfarrer fungierte automatisch als Lokalinspektor seiner Gemeindeschulen. In Altenkunstadt übte der katholische Pfarrer auch die Dienst- und Fachaufsicht in der jüdischen Schule aus, desgleichen sein Weismainer Kollege in der jüdischen Schule zu Maineck.

Der Unterrichtsbesuch war freiwillig; ein Landlehrer hatte in der Regel nur eine kleine Schar von Kindern zu unterrichten. Während der Sommermonate blieb die Schule geschlossen, da die Kinder als Arbeitskräfte gebraucht wurden.

700-jährige Geschichte der jüdischen Gemeinden in Altenkunstadt

700 Jahre jüdischer Geschichte in Altenkunstadt sind dokumentiert. Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag das Land am Obermain darnieder. Impulse von außen wurden dringend gebraucht. Juden aus Osteuropa wurden gerne aufgenommen, ja regelrecht angeworben. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung stieg nach 1650 kontinuierlich. Bereits 1809 hatten sich die Juden in Altenkunstadt eine eigene Bibliothek eingerichtet, die auch den Christen offen stand. Das jüdische Leben hatte seinen Höhepunkt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1837 waren von 802 Einwohnern 400 jüdischen Glaubens.

Die Hälfte der Einwohner waren jüdischen Glaubens

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts zogen viele Juden in größere Städte oder emigrierten nach Amerika. Etliche von denen, die hierblieben, waren führend bei der industriellen Entwicklung und engagierten sich in neu gegründeten Vereinen. Zu Beginn der Nazi-Diktatur 1933 lebten nur noch 31 Juden in Altenkunstadt. Die jüdischen Kinder gingen bereits seit 1920 in Altenkunstadt in die reguläre Schule, weil zu wenig Kinder für eine rein jüdische Schule da waren.

Neue jüdische Schule in Altenkunstadt vor 150 Jahren
Die israelitische Volksschule um 1910 im Altenkunstadter Judenhof. Foto: Andreas Motschmann

Leider ist über den Schulalltag der jüdischen Mitschüler ab der Nazi-Zeit wenig bekannt. Doch es gibt schriftliche Hinweise aus anderen Regionen. So wurden sie bei Ausflügen und beim Turnen ausgeschlossen. Im Unterricht wurden sie auf die Judenbank verbannt und saßen in der Klasse abseits der anderen Mitschüler. Arische Schüler durften sie nicht mehr ansprechen. Das bezog sich auch auf die Pause und den Schulweg. Viele wollten mit den jüdischen Mitschülern nichts mehr zu tun haben und ignorierten oder verspotteten sie.

Schüler wurden auf die Judenbank verbannt

Unmittelbar nach der Reichspogromnacht wurde am 15. November 1938 Juden der Besuch deutscher Schulen verboten, „da es keinem deutschen Lehrer mehr zugemutet werden kann, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen...“ hieß es in dem entsprechenden Runderlass. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland war verpflichtet, für die Beschulung jüdischer Kinder zu sorgen.

Somit durften ab November 1938 die jüdischen Kinder im Landkreis Lichtenfels nicht mehr zur regulären Schule gehen. Wohl auf Initiative von Theo Liebermann stellte die jüdische Gemeinde in Altenkunstadt im Oktober 1939 den Antrag, fünf Kinder – zwei aus Altenkunstadt, drei aus Kulmbach – privat unterrichten zu dürfen. Die ablehnende Begründung war, dass die Kinder schon elf Jahre alt seien. Margot Wolf und Liesel Liebermann gingen dann bis Anfang 1942 in Fürth in einem jüdischen Internat zur Schule.

Im April 1942 mussten die letzten jüdischen Schülerinnen aus Altenkunstadt mit ihren Eltern und anderen Verwandten ihre Heimat am Obermain verlassen und wurden zwei Monate später in den Gaskammern von Belzec und Sobibor ermordet.

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