WEISMAIN

CHW-Vortrag in Weismain über den Agentenkrieg im Grenzland

CHW-Vortrag in Weismain über den Agentenkrieg im Grenzland
Die Trabis stauten sich am Tage nach der Grenzöffnung am Autobahn- Grenzübergang Hirschberg. Sogar Fußgänger passierten dort die Grenze. Foto: red

Am 30. Jahrestag des Mauerfalls erinnerte der Bayreuther Redakteur Peter Engelbrecht an die überraschende Grenzöffnung im Herbst 1989 und an die Zeit der Teilung Deutschlands durch Grenzen, Mauern und den „Eisernen Vorhang“ bei einem Vortrag des Colloquium Historicum Wirsbergens (CHW) in der Weihersmühle. „Agentenkrieg im Grenzland – Enthüllungen zum Fall der Mauer“ lautete der Titel seines Vortrags, den er mit mehr als 70 historischen Aufnahmen illustrierte.

Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist über die grenzüberschreitende Spionagetätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR (Stasi) wenig bekannt. So schickte die Stasi regelmäßig Agenten über die fränkische Grenze in die Bundesrepublik, um dort sicherheitsrelevante Einrichtungen auszukundschaften. Durch getarnte Übergänge am Zaun kamen die Agenten als Wanderer oder Radausflügler mit dem Klappfahrrad in den Westen. Zielorte waren vor allem Nürnberg, München, Würzburg, Bamberg und Erlangen. „Die Stasi hörte Bundeswehr, US-Armee, Polizei und sogar den Feuerwehrfunk gezielt ab“, sagte Engelbrecht.

Abhöreinrichtungen auf dem Wetzstein überwachten Telefonate

CHW-Vortrag in Weismain über den Agentenkrieg im Grenzland
Über die Hintergründe des Mauerfalls berichtete Peter Engelbrecht bei seinem sehr interessanten Vortrag. Foto: Roland Dietz

Vom 800 Meter hohen Wetzstein im Thüringer Wald bei Lehesten aus, wurden Autotelefone, Telefonate von Bundes- und Länderpolizei und der in Franken stationierten US-Armee abgehört. Der Radius reichte bis nach München, Stuttgart oder Karlsruhe. So wurden auch Telefongespräche der Bundeswehr in Bayreuth, des Verteidigungsbezirkskommandos der Standortverwaltung und des Kreiswehrersatzamtes belauscht. Die Stasi hatte auch Zugriff auf das Fahndungssystem der westdeutschen Sicherheitsbehörden und belauschte deren Abfragen im Interzonenzug in Ludwigsstadt.

Zahlreiche Begebenheiten an den damaligen Grenzen wie dem Grenzübergang Hirschberg bei Hof hat Engelbrecht recherchiert. So wurden die Fahrzeuge der Ausreisenden an vielen Grenzübergängen mit radioaktiven Gammastrahlen durchleuchtet, wie interne Ermittlungsakten bundesdeutscher Strafverfolgungsbehörden von 1991 zeigen. Auch wenn Kleinkinder oder schwangere Frauen im Auto saßen, wurde keine Ausnahme gemacht. Damit sollten versteckte Flüchtlinge aufgespürt werden. Zur Durchleuchtung waren sogenannte Sichtungsbrücken gebaut worden, unter den die Fahrzeuge durchfahren mussten. Nach der Grenzöffnung waren diese Brücken schnell abgebaut worden und die Unterlagen dazu wurden vernichtet. Und derartiger Kontrollen wurden heruntergespielt oder als nicht gefährlich bezeichnet.

Agenten wurden auch in den Westen geschickt, um dort Geld zu übergeben oder operatives Material zu übernehmen. Dabei spielte der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski eine wichtige Rolle. Er habe gerade in Grenzbereichen alles zu Geld macht was sich zu Geld machen ließ – von Schlachtvieh bis hin zu Antiquitäten, erklärte Engelbrecht. Seine Kontakte zum damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß belegen zahlreiche Fotos und vier Ordner mit Gesprächsprotokollen.

Arbeiter aus Kronach fuhren täglich in den Osten zum Schieferbergbau

CHW-Vortrag in Weismain über den Agentenkrieg im Grenzland
Per Zug kamen die DDR-Bürger, die in der Prager Botschaft Zuflucht gesucht hatten, 1989 in Hof an. Foto: red

Im Bereichen des Eisernen Vorhangs waren die Grenzen doppelt abgesichert, damit bei Schüssen auf Flüchtlinge niemand auf der Westseite etwas mitbekommen sollte. Verstärkt wurde die Grenzsicherung durch Wachtürme.

Außergewöhnlich war auch, dass bis 1961 Arbeiter aus Kronach täglich mit dem Bus nach Lehesten im Osten zum Schieferabbau fuhren. Die Hintergründe lassen sich Zeitzeugen schwierig klären, meinte Engelbrecht. Skurril erscheinen aus heutiger Sicht auch Ansichtskarten von grenznahen Orten mit Fotos von Wachtürmen und Stacheldraht. Bei Arbeiten im Grenzbereich standen sich Grenzschützer und Wachpersonal von beiden Seiten gegenüber ohne miteiander zu reden.

Ein harmloser Eisenbahnfotograf wurde der Spionage verdächtigt

CHW-Vortrag in Weismain über den Agentenkrieg im Grenzland
Eine Ansichtskarte der „Zonengrenze“ zur ehemaligen DDR. Foto: red

Für Aufregung sorgte der Eisenbahnfotograf Burkhard Wollny, der in die DDR reiste und alles ablichtete was dampfte. Im Osten glaubte man an einen Westspion und so wurde von der Staatsicherheit eine Akte angelegt, die mehrere tausend Seiten umfasste, bis man merkte, dass es sich nur um einen Fotografen handelte. Auch an die Zeit der Grenzöffnung erinnerte Engelbrecht. Die Ausflüge der neugierigen DDR-Bürger sorgten für Verkehrschaos auf vielen Straßen, Feldbetten wurden für die Besucher in der Hofer Freiheitshalle aufgestellt und die Geschäfte waren überfüllte. Im fränkischen Bereich erinnern noch das Brückenrestaurant an den Grenzübergang Hirschberg und viele Geschichten von Zeitzeugen daran.

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