BURGKUNSTADT

Flüchtlinge unter Druck: Appell an die Menschlichkeit

Sorgenvoll blicken die ehrenamtlichen Helfer angesichts des zunehmend härteren Kurses der Behörden gegenüber Asylbewerbern in die Zukunft. Angelika Geyer, Ernst Müller und Silke Mohle (v. re.) bitten um mehr Verständnis für deren Situation. Aus Angst vor Repressalien wollten die ... Foto: Gerhard Herrmann

Die Angst sitzt mit am Tisch. Eine 26-jährige Asylbewerberin aus dem Iran soll in der Weismainer Gemeinschaftsunterkunft während einer Polizeiaktion einen Schlaganfall erlitten haben. Aus Angst vor einer Abschiebung, sagen die Mitbewohner. Seit Oktober liege sie im Krankenhaus. Bedrückt berichten Asylbewerber aus sieben Nationen und ihre Unterstützer vom Helferkreis der evangelischen Kirchengemeinde von zunehmendem Druck und rücksichtslosem Umgang mit den Flüchtlingen.

Dankbar sind sie, eine Zuflucht im Landkreis Lichtenfels gefunden zu haben. Heimisch sind sie hier aber noch nicht geworden, obwohl viele schon jahrelang in der Weismainer Gemeinschaftsunterkunft leben. Die Freude darüber, in Sicherheit zu sein, weicht zunehmend der Ernüchterung, je länger das Warten auf ihre Anerkennung als Asylbewerber dauert. Hinzu kommt die Angst vor einer Abschiebung in die Heimat, aus der sie vor Krieg und Verfolgung geflohen sind.

Panisch reagieren viele der Bewohner auf Polizeieinsätze, wenn abgelehnte Asylbewerber abgeholt werden, um sie zum Flughafen zu bringen. Immer früh zwischen 4 und 7 Uhr. „Oft schrecke ich aus dem Schlaf, weil ich im Traum das Hämmern der Polizei an der Tür höre“, berichtet ein junger Mann.

Für Unruhe bei den Flüchtlingen hat jüngst auch eine Überprüfung der Gemeinschaftsunterkunft wegen des Brandschutzes gesorgt. Mitarbeiter der Regierung von Oberfranken besichtigten unangekündigt sämtliche Zimmer, fotografierten die Einrichtung und kündigten an, dass künftig nur noch Metallbetten zulässig seien. Als „Panzer-Betten“ bezeichnen die Flüchtlinge diese. Wegen Rückenproblemen haben sich einige stattdessen Holzbetten besorgt oder legen die Matratze nachts auf den Boden. Ein Bewohner muss ein Sofa, das er sich vom Sperrmüll besorgt hat, aus dem Zimmer räumen, ebenso die selbst gebaute Eckbank in der Gemeinschaftsküche.

Ärger gibt's auch, wenn die Flüchtlinge ihre Wäsche im Flur trocknen – verbunden mit der Drohung, diese im Wiederholungsfall wegzuwerfen. Dabei ist in den Zimmern kaum Platz, und im Winter lässt die feuchte Wäsche alles klamm werden. Und jetzt soll auch noch die Haltung von Kleintieren verboten werden – für einige der Flüchtlinge die einzige Abwechslung in ihrem von Warten bestimmten Alltag. „Es ist wie in einem Gefängnis, keiner besucht uns, und jetzt werden uns auch noch die Möbel weggenommen“, klagt eine Bewohnerin. Wegen der Kosten für die Busse (eine Fahrt nach Burgkunstadt 3,60 Euro, nach Lichtenfels 5,60 Euro) sei ohnehin jeder Ausflug ein Luxus.

Arbeitserlaubnis der größte Wunsch

Das größte Problem ist jedoch die erzwungene Untätigkeit mangels Arbeitserlaubnis, die die Tage endlos erscheinen lässt, berichtet ein junger Mann aus dem Nordirak. Der Jeside ist vor der Verfolgung durch die IS-Milizen nach Deutschland geflohen. Seit drei Jahren lebt er in der Weismainer Gemeinschaftsunterkunft. Bei der Baufirma Dechant in Weismain hätte er eine Anstellung bekommen können, beim Baur-Versand auch, doch die Ausländerbehörde habe das abgelehnt – obwohl in seinen Papieren bescheinigt wird, dass er mit Genehmigung der Behörde arbeiten dürfe. „Ich verstehe das nicht: Wenn ich dort arbeiten dürfte, würde ich niemandem den Job wegnehmen und wäre nicht auf staatliche Hilfe angewiesen“, sagt er. Eine Begründung für die Ablehnung habe er nicht bekommen. Seine drei Brüder, die in Schwerin und Berlin Zuflucht gefunden und den gleichen Aufenthaltsstatus haben, dürfen arbeiten. Immerhin darf er jetzt einen Integrationskurs an der Berufsschule besuchen, doch die Sorge, wie es weitergehen soll, raube ihm oft den Schlaf.

Vor der Abschiebung steht ein junges Ehepaar, das ebenfalls aus Afrin geflohen ist. Nachdem sie in Griechenland gestrandet waren, erhielten sie Asyl in Litauen. Doch dort sahen sie keine Zukunft für sich. „Die Regierung hat uns für zwei Personen 140 Euro im Monat gegeben, aber eine Wohnung hätte 600 Euro gekostet, und Arbeit haben wir auch nicht gefunden“, berichtet der Mann. Daher kamen sie nach zwei Monaten, die sie sich mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hatten, nach Deutschland. Nach 18 Monaten sollen sie zurück nach Litauen, weil sie dort Asyl erhalten haben. Verstört berichten sie von einem Termin bei der Ausländerbehörde, wo ihnen nicht einmal die Frage gestattet wurde, ob sie aus Kostengründen mit dem Bus ausreisen könnten. „Wenn Sie nicht selbst einen Flug buchen, machen wir das für Sie, und die Polizei bringt Sie hin“, habe die barsche Anordnung der Mitarbeiterin gelautet.

Als Schikane empfinden die Helfer auch das Verbot für einen Flüchtling, zur Beerdigung seines Vaters nach Schweden zu reisen, obwohl die dortigen Behörden dies bei engen Verwanden erlauben. Eine Anhörung in München wurde für 8 Uhr angesetzt, so dass er dort ein Hotelzimmer nehmen muss, um den Termin wahrzunehmen.

„So kann man mit Menschen, die vor Krieg und Verfolgung zu uns geflohen sind, doch nicht umgehen“, sagt Angelika Geyer. Die meisten von ihnen seien wegen ihrer Erlebnisse traumatisiert und hätten Probleme, sich in der neuen Umgebung und der fremden Kultur zurechtzufinden. „Sie brauchen Hilfe und Verständnis, stattdessen wird über ihren Kopf hinweg entschieden“, bedauert Geyer.

„Gebt ihnen ein Bett, gebt ihnen zu essen, sprecht mit ihnen, damit sie unsere Sprache lernen, und gebt ihnen Arbeit, damit ihr Leben wieder einen Sinn bekommt.“
Angelika Geyer, Evangelische Kirchengemeinde

Sie habe den Eindruck, dass die Behörden gegenüber den Asylbewerbern eine immer härtere Haltung einnehmen, um ihnen zu vermitteln, dass sie nur geduldet seien. Offenbar sei es politisch gewollt, sie durch Druck zur Ausreise zu bewegen. „Es ist ein Appell an die Menschlichkeit: Gebt ihnen ein Bett, gebt ihnen zu essen, sprecht mit ihnen, damit sie unsere Sprache lernen, und gebt ihnen Arbeit, damit ihr Leben wieder einen Sinn bekommt“, hält sie dagegen.

Eine Gelegenheit dazu bietet die evangelische Kirchengemeinde Burgkunstadt den Asylbewerbern mit dem Begegnungscafé, das vor sechs Wochen im Gemeindehaus eröffnet wurde. Hier treffen sich dreimal in der Woche rund 20 Flüchtlinge, um sich auszutauschen, gemeinsam zu essen, bei Spielen oder Gesprächen ihre Situation zu vergessen. Besonders freuen sich Angelika Geyer, Silke Mohler und Ernst Müller vom Helferkreis über die Deutschen, die dazustoßen und dafür sorgen, dass der Name „Café Dialog“ mit Leben erfüllt wird.

Das Begegnungscafé im evangelischen Gemeindehaus ist dienstags und donnerstags von 14 bis 18 Uhr sowie freitags von 14 bis 20 Uhr geöffnet. Neben den Asylbewerbern sind bewusst auch Deutsche zum Dialog eingeladen.

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