ALTENKUNSTADT

Schüler in den Fängen der Stasi

„Sogar Jugendliche in der Entwicklungsphase spannte die Stasi für ihre Zwecke ein“, bedauert Hauptschullehrer i.R. Bernd... Foto: Bernd Kleinert

Mit einer Bibel im Rucksack und keinem Pfennig Geld in der Tasche sitzt Bernd Hochberger im Interzonenzug, der ihn von Plauen nach Nürnberg bringen soll. Im zehnten Anlauf hat ihm das DDR-Regime die Ausreise in die Bundesrepublik erlaubt. Am Grenzübergang Gutenfürst hält der Zug für eine Stunde. DDR-Grenzbeamte kontrollieren Papiere und Gepäck der Reisenden. „Es war die längste Stunde meines Lebens“, erinnert sich der heute 74-Jährige – und für ihn der Beginn eines neuen Lebens.

Bei einer Informationsveranstaltung der Mittelschule Altenkunstadt berichtete der Hauptschullehrer im Ruhestand aus Mitwitz einen Vormittag lang von den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in der ehemaligen DDR, der er 1981 den Rücken gekehrt hat.

Hochberger ist ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der sagt, was er denkt. Auch von der DDR-Diktatur ließ er sich nicht verbiegen. Offen kritisierte er das Regime, was ihn schon bald zum „Staatsfeind“ werden ließ. Ein gefährliches Unterfangen für einen Realschullehrer, der 20 Jahre lang in Crottendorf im erzgebirgischen Kreis Annaberg-Buchholz Sport und Geografie unterrichtet hat.

„Das Regime schreckte nicht davor zurück, auch Schüler, also junge Menschen, in der Entwicklungsphase, für ihre üblen Machenschaften zu missbrauchen.“
Bernd Hochberger, Lehrer in der ehemaligen DDR

„An jedem Ersten des Monats habe ich einen Ausreiseantrag gestellt und darin ausführlich meine Gründe erläutert“, erzählte der Referent. Nach neun Ablehnungen sei ihm schließlich die Ausreise in den Westen bewilligt worden. „Dass man mich nicht schon vorher wegen staatsfeindlicher Gesinnung ins Gefängnis gesteckt hat, habe ich meiner Mitarbeit in der Kirche zu verdanken.“

Ausführlich schilderte Hochberger den interessiert lauschenden Jugendlichen den Aufbau des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und dessen Tätigkeit. Kurz „Stasi“ genannt, war es nicht nur der Inlands- und Auslandsgeheimdienst der DDR, sondern auch ein Unterdrückungs- und Überwachungsinstrument der SED gegenüber der Bevölkerung.

Jeder Lebensbereich überwacht

Auch der in Leipzig aufgewachsene Pädagoge stand im Visier der Stasi. „Es gab keinen Lebensbereich, der nicht überwacht wurde. Doch das Schlimmste war, dass man nicht wusste, wem man überhaupt noch vertrauen konnte.“ Oft seien es Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde und sogar Familienangehörige gewesen, die für die Stasi unter einem Decknamen als Spitzel tätig waren. Ein weit gespanntes Netz von „Inoffiziellen (Informellen) Mitarbeitern“ (IM) habe nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche der DDR abgedeckt.

Laut Hochberger waren Stasi-Spitzel auch an Schulen tätig und da nicht nur im Lehrerkollegium: „Das Regime schreckte nicht davor zurück, auch Schüler, also junge Menschen, in der Entwicklungsphase, für ihre üblen Machenschaften zu missbrauchen.“ Die Jugendweihe galt dem Referenten zufolge im Sozialismus und Kommunismus als Ersatzreligion und Gegenstück zur christlichen Konfirmation und Firmung. Wer daran teilnahm, bekannte sich zum Staat der DDR: „Wer sich jedoch weigerte, musste mit erheblichen Nachteilen in der Schule und im Beruf rechnen.“ Die SED, so Hochberger, „erzog ihre Kinder zum Lügen“.

Wie geriet man überhaupt in die Fänge der Stasi, wollten die Mittelschüler wissen. Dem Referenten zufolge konnte das sehr schnell gehen. Das MfS habe bei der „Anwerbung“ von Spitzeln häufig mit Druck und Erpressung gearbeitet. Wurde also gefragt „Kennen Sie nicht den Herrn XY? Wir bräuchten da ein paar Informationen über ihn“, so blieb vielen Leuten nichts weiter übrig, als darauf einzugehen, wenn sie ihre eigene berufliche Karriere retten und die Zukunft ihrer Kinder nicht verbauen wollten. „Oft wurde damit gedroht, dass ein Studium des Sohnes unmöglich wäre, sollten nicht ein paar Informationen fließen.“

Immer wieder zum Verhör

Bernd Hochberger hat die Vorgehensweise der Staatssicherheit am eigenen Leib zu spüren bekommen. Nach jedem Ausreiseantrag wurde er einem strengen Verhör unterzogen. „Mit den unterschiedlichsten Taktiken versuchte man, mich zu verunsichern und weich zu klopfen.“ Nach Aussage des Referenten hatten die DDR-Machthaber vor dem „gesprochenen Wort mehr Angst als vor dem geschriebenen“. Deshalb habe man sich als Bürger gut überlegen müssen, wo und wem man einen Witz erzählt, in dem Staat und Stasi auf die Schippe genommen werden. „Diese Angst ging so weit, dass das MfS nicht nur wissen wollte, wer den Witz erzählt hat, sondern auch wer darüber gelacht oder sogar Beifall geklatscht hat.“

Hochberger erzählte den Jugendlichen vom Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 und vom Bau der Berliner Mauer. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, habe der damalige Vorsitzende des Staatsrates, Walter Ulbricht, noch im späten Frühjahr 1961 verkündet. Doch schon wenige Wochen später sei mit dem Bau von Sperrvorrichtungen begonnen worden. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen beschäftigte sich der Redner noch mit der Planwirtschaft und dem Umgang mit politischen Gefangenen. Konrektor Bernd Schick dankte Bernd Hochberger für seine interessanten Ausführungen.

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