PFAFFENDORF

Wenn die Kapelle ein Ortsteil wird

Umrahmt von Wäldern, Wiesen und Feldern bietet der Pfaffendorfer Ortsteil „Kapelle“ einen beschaulichen Anblick. Zum „Vo... Foto: Bernd Kleinert

Kommunen besitzen Orts- beziehungsweise Stadtteile. Das ist ganz normal. Wenn aber ein kleines Dorf, das selbst Ortsteil einer Gemeinde ist, einen „Vorort“ sein Eigen nennen kann, dann ist das eher ungewöhnlich. Pfaffendorf am Fuße des Kordigastes mit seinen 145 Einwohnern ist solch eine Ortschaft mit Seltenheitswert.

„Kapelle“ nennt sich das etwa 600 Meter vom Hauptort entfernte „Mini-Dorf“ mit seinen sage und schreibe drei Gebäuden: der 1718 errichteten Sankt-Georgs-Kirche, dem Anwesen der Familie Bayer und der ehemaligen Schule. 1959 erwarb die Familie Nastvogel die „Penne“ und baute sie zu einem Wohnhaus um.

Namensgeber für den Ortsteil war die Kapelle St. Lorenz, die vermutlich bereits um 1400 existierte. Sie ist der Vorgängerbau des heutigen, unter der Regie des Langheimer Abtes Gallus Knauer errichteten Gotteshauses. Die Ortsbezeichnung „Kapelle“ wird aber nicht nur umgangssprachlich benutzt, sie ist auch offiziell belegt. Bis in die 1990er Jahre hinein wird in amtlichen Mitteilungen des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik oder auch des Landratsamtes Lichtenfels dieser Name genannt.

1818 zählte der Ortsteil „Kapelle“ ganze fünf Einwohner. Kenner der Historie am Obermain haben sich über die Zweiteilung Pfaffendorfs viele Gedanken gemacht. Heimatforscher Josef Motschmann aus Schönbrunn, ein gebürtiger Altenkunstadter und Ehrenbürger der Gemeinde, verweist auf mündliche Überlieferungen, denen zufolge die Ortschaft einst um die Kapelle herum gelegen hat. Vor etwa 600 Jahren wurde die Siedlung dann aufgelassen.

Die Ursache dürfte in den Seuchen, die im ausgehenden Mittelalter am Obermain wüteten, zu suchen sein. Typhus und Pest sorgten für ein Massensterben. Folgen des immensen Bevölkerungsschwundes waren laut Motschmann eine Überproduktion an landwirtschaftlichen Erzeugnissen und ein rapider Verfall der Agrarpreise, was wiederum zu einer massiven Landflucht führte. Brachliegende Getreidefelder, die wenige Jahrhunderte zuvor mühsam gerodet worden waren, wurden wieder aufgeforstet.

Das „neue Pfaffendorf“ entwickelte sich später südwestlich der ursprünglichen Siedlung. Zurück blieb die Kapelle, an deren Stelle Anfang des 18. Jahrhunderts die Barockkirche St. Georg trat. Wegen der einst engen Verbundenheit von Kirche und Schulwesen wurde 1879 neben dem Gotteshaus eine Schule errichtet. Zum Schulsprengel gehörten neben Pfaffendorf auch die Ortschaften Burkheim, Tauschendorf, Spiesberg und Röhrig.

Mit dem Wohnhaus der Familie Bayer gegenüber der Kirche erreichte der Ortsteil „Kapelle“ in neuerer Zeit schließlich seine jetzige Größe. Die Pfaffendorfer sind von der Zweiteilung ihrer Ortschaft nicht unbedingt begeistert. Weit war der Weg zum Unterricht, den die Kinder bis zur Auflösung der Schule 1958 bei Wind und Wetter zurücklegen mussten. Noch weiter war er für die auswärtigen Schüler. Und wenn die katholischen Christen Pfaffendorfs heute den Gottesdienst in ihrer schönen Sankt-Georgs-Kirche besuchen, dann ist dies – sofern man nicht mit dem Auto fährt – mit einem längeren Spaziergang oder einer Radtour verbunden.

Kritik an Zerrissenheit

Kritik am Erscheinungsbild des Ortes gab es gelegentlich auch beim Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Dank des Einsatzes der Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins und vieler Bürger, die weder Kosten noch Mühen scheuten, erreichten die Pfaffendorfer zwar stets Platzierungen, mit denen man zufrieden sein konnte. Allerdings wurde von den Bewertungskommissionen auch schon mal die räumliche Zerrissenheit des Ortes bemängelt. Seit 1972 gehört Pfaffendorf mit seinem Ortsteil „Kapelle“ zur Gemeinde Altenkunstadt.