BURGKUNSTADT

12 000 Paar Schuhe täglich hergestellt

Die Schusterkugel soll den Blick des Stadtrates für die Bedürfnisse des Deutschen Schustermuseums schärfen, so Sabine He... Foto: Ingrid Kohles

Das Deutsche Schustermuseum dokumentiert seit nunmehr 25 Jahren die Geschichte der Schuhindustrie im fränkischen „Pirmasens“. In ihrer Blütezeit haben bis zu 2300 Mitarbeiter in den „Schuhbudn“ 12 000 Paar Schuhe täglich hergestellt. Die Erinnerung an diese Leistung bewahrt das Schustermuseum, das sich in Burgkunstadt im Anwesen Marktplatz 1 befindet.

Erste Bürgermeisterin Christine Frieß freute sich sehr, zum Festakt zahlreiche Ehrengäste aus dem gesamten Landkreis, aber auch die Gäste aus der französischen Partnerstadt Quéven mit Bürgermeister Marc Boutruche in die historische Rathaushalle gekommen waren.

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Diesen Satz von Altkanzler Helmut Kohl dürfe man getrost auch auf die Erinnerung an die glorreichen Zeiten der Schuhindustrie in Burgkunstadt anwenden, stellte die Bürgermeisterin fest. Nur dem vorausschauenden Weitblick und dem großen Engagement und Sachverstand der Gründerväter Rudolf Barth und Elmar Bergmann, sei es zu verdanken, dass dieser wichtige Teil der Burgkunstadter Geschichte heute so umfassend dokumentiert werden kann.

Sie freute sich, dass sie der Museumssammlung ein weiteres Puzzleteil hinzufügen konnte, denn Robert Püls, der letzte noch lebende Inhaber der ehemaligen Püls-Schuhfabrik, hatte ihr zu Beginn der Veranstaltung ein deutsch-englisches Fachbuch der Schuhtechnik, das „Technische Wörterbuch für die Schuh-Industrie“ übergeben. „Fast schon zum Inventar gehören auch unsere langjährigen Museumsführerinnen Marlene Bromm und Brigitte Güttler, die heute ihr 25-jähriges Dienstjubiläum feiern“, gratulierte die Bürgermeisterin den Mitarbeiterinnen der ersten Stunde und überreichte Blumen und ein Präsent.

Der Ehrenvorsitzende des Vereins, Ehrenbürger Elmar Bergmann, habe sich Zeit seines Lebens in besonderer Weise um das Deutsche Schustermuseum verdient gemacht, dafür dankte ihm Fördervereinsvorsitzende Sabine Heppner und überreichte eine Dankesgabe.

Von Begeisterung und Beharrlichkeit geleitet waren die Gründerväter des Schustermuseums, als sie bereits in den 1970-er Jahren die Gründung eines Museums anregten. Doch das Interesse daran war zu diesem Zeitpunkt eher gering, denn die Schuhindustrie war ja noch intakt, berichtete Sabine Heppner, die Vorsitzende des Vereins der Freunde und Förderer des Deutschen Schustermuseums. Im Jahr 1985 haben sich der amtierende Bürgermeister und der Stadtrat dann doch dazu durchgerungen.

Zu der Zeit hatten die Firmen Hühnlein und Püls bereits die Produktion eingestellt. Es stellte eine riesengroße Zäsur dar, als am 26. März 1990 das letzte Paar Schuhe bei der Firma Obermain vom Band lief. Ausgerechnet in jenem Betrieb, auf dessen Gründer, Joseph Weiermann, die Schuhindustrie in Burgkunstadt zurückgeht.

„Es ist der Weitsicht der Gründerväter zu verdanken, dass schon kurz nachdem die letzte Schuhfabrik geschlossen wurde, das Schustermuseum seine Pforten öffnen konnte“
Sabine Heppner Vorsitzende des Fördervereins

„Es ist der Weitsicht der Gründerväter zu verdanken, dass schon kurz nachdem die letzte Schuhfabrik geschlossen wurde, das Schustermuseum seine Pforten öffnen konnte“, sagte Sabine Heppner. Im Anwesen „Marktplatz 1“ wurde das Schustermuseum am 9. März 1991 eröffnet. Auf drei Etagen werden dem Besucher seither sowohl die handwerkliche wie auch die maschinelle Fertigung von Schuhen anschaulich gezeigt. Bereits ein Jahr später gründeten 23 Mitglieder den „Verein der Freunde und Förderer des Deutschen Schustermuseums“. Eine Aufwertung erhielt das junge Schustermuseum am 7. Juni 1996, als es zum „Deutschen“ Schustermuseum avancierte.

In der historischen Schusterstube des Museums befindet sich eine besondere Lampe, eine Schusterkugel oder Schusterlampe. Das sind mit Wasser gefüllte Glaskugeln, die das Licht einer Kerze mehrfach reflektieren und somit verstärken. „Dies war vor der Einführung der Elektrizität die einzige Arbeitsleuchte eines Schusters“, sagte die Fördervereinsvorsitzende.

Sabine Heppner überreichte Bürgermeisterin Christine Frieß das Modell einer Schusterkugel mit vier Kugeln und verband damit den Wunsch, dass das gebündelte Licht der vier Kugeln – „Diese stehen für die vier Fraktionen des derzeitigen Stadtrates“ – immer auch auf das Deutsche Schustermuseum fallen möge. „Im richtigen Lichtschein können Sie dann alle klarer sehen, was für den Erhalt unseres Museums getan werden soll und kann“, merkte sie unter dem Beifall der Zuhörer schmunzelnd an.

Zur Auflockerung des festlichen Rahmens erzählte Vorstandsmitglied Rudi Fetzer kleine „Schuhmacher-Gschichtla“, aus dem Leben der Schuster, wie sie sich in seiner Kinderzeit zugetragen haben. Eine Anekdote aus dem Jahr 1961 ist in der Historie der damaligen Schuhfabrik Püls fest verankert. Als am 19. August 1961 der damalige US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson den Westteil Berlins besuchte, hatte er für ein Staatsbankett die passenden Schuhe daheim vergessen. Schuhe der Größe 47 1/2 waren in Berlin nicht aufzutreiben.

Schuhe für das Weiße Haus

Um die Mittagszeit erhielt Robert Püls, der Leiter der Schuhfabrik Püls, einen verzweifelten Anruf aus Berlin. Eilends trommelte er einige Arbeiter zusammen und gemeinsam schafften sie es tatsächlich, innerhalb kürzester Zeit ein Slipper-Paar anzufertigen. Mit dem Flugzeug trafen die Schuhe noch rechtzeitig zum Empfang ein. Noch in seiner Zeit als US-Präsident (1963 bis 1969) bestellte er jährlich einige Paar Slipper in Burgkunstadt, die ins Weiße Haus nach Washington geliefert wurden. So war Burgkunstadts Schuhindustrie mit der großen weiten Welt verwoben.

Beim anschließenden Stehempfang nutzten viele die Gelegenheit, die Fotodokumentation „25 Jahres Deutsches Schustermuseum“ anzusehen oder dem Museum direkt noch einen Besuch abzustatten.

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