BURGKUNSTADT

Eine Tänzerin mit Mut zu neuen Wegen

Gewagt: Claire Bauroff, die kaum noch bekannte Schwester von Friedrich Baur machte als Tänzerin, Schauspielerin und Aktm... Foto: red

„Claire Bauroff gehörte die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, ihr Bruder Friedrich Baur wurde dagegen erst nach dem Krieg bekannt.“ Mit diesem Satz charakterisierte der Literatur- und Kulturwissenschaftler Professor Ralf Georg Czapla ein höchst ungleiches Geschwisterpaar – den in der Region bekannten Versandhändler Friedrich Baur und seine Schwester Klara. Nachdem im vergangenen Oktober Friedrich Baur im Mittelpunkt eines CHW-Vortrags stand, referierte Czapla am Mittwochabend im Hotel „Drei Kronen“ über Claire Bauroff.

Die Spur führt nach New Haven

Doch wie wurde Czapla auf eine Künstlerin aufmerksam, die in den 1920-er Jahren als Tänzerin, Schauspielerin und Aktmodell von sich reden machte, heute jedoch nur noch wenigen bekannt ist? Ausschlaggebend war ein Buch von Werner Suhr „Der nackte Tanz“ aus dem Jahr 1927, in dem sich auch einige Aufnahmen von Claire Bauroff befanden. „Es waren ausnahmslos schöne und ästhetische Aufnahmen“, erklärt Czapla. Mit den Aufnahmen der Fotografin Trude Fleischmann war Czaplas wissenschaftliche Neugierde geweckt. Allerdings brachte auch ein weiteres 2005 auf einem Antikmarkt entdecktes Buch mit lyrischen Gedichten des österreichischen Schriftstellers Hermann Broch und Aufnahmen von Claire Bauroff kaum Licht ins Dunkel um die bis dato noch relativ unbekannte Dame. Auch das Internet half kaum weiter.

Fündig wurde Czapla erst an der Yale University Library in New Haven (Connecticut), in deren Besitz sich Brochs Nachlass befindet. In einem Briefwechsel zwischen Broch und Bauroff fand sich eine Ortsangabe, die ihm weiterhalf. Schließlich konnte Czapla über das Friedhofsamt in Gräfelfing nahe München eine Nichte von Claire Bauroff ausfindig machen und letztlich auch einiges über Claires Eltern in Erfahrung bringen.

Claire Bauroff wurde am 26. Februar 1895 unter dem Namen Klara Amanda Anna Baur als viertes von sechs Kindern des königlich-bayerischen Notars Arthur Baur und dessen zehn Jahre jüngerer Ehefrau Amélie in Weißenhorn im schwäbischen Landkreis Neu-Ulm geboren. Wie es sich für Mädchen ihrer Generation gehörte, sollte sie in einer Hauswirtschaftsschule auf ihre Pflichten als Frau vorbereitet werden. „Hauswirtschaft war nicht ihr Ding“, erläutert Czapla. Stattdessen wechselte Claire auf die Schule für rhythmische Gymnastik in München und ließ sich von 1913 bis 1915 beim bekannten Rudolf Bode in Tanz ausbilden. Nachdem sie im letzten Weltkriegsjahr in Begleitung ihrer Mutter an der Front zur Unterhaltung der Truppen unterwegs war, kamen ein Jahr später 1919 die ersten Filmangebote.

Darüber hinaus machte sich Claire Bauroff auch als Künstlermodell einen Namen. Im gleichen Jahr erschien auch eine Mappe mit 20 Lithographien ihrer Tänze „Hermes“ und „Speertanz“ des bekannten Graphikers Ottheinrich Strohmeyer. Bauroffs Ehe mit dem deutlich älteren ungarischen Grafen István Zichy hielt nicht lange. Bei einer Kur in Karlsbad lernte sie Hermann Broch kennen. Er war es auch, der ihr nicht nur zwei Gedichte ins Poesiealbum schrieb, sondern auch den Weg nach Wien ebnete, wo Bauroff am 25. Februar 1924 einen Soloabend gestaltete.

Tanz und Fotografie als Ausdrucksform

In Wien kam es auch zur Begegnung mit der Fotografin Trude Fleischmann, die damals zu den modernsten Fotografinnen der Donau-Metropole zählte. Neben der Portraitfotografie widmete sich Trude Fleischmann auch der Aktfotografie, ein Bereich, der bis dahin den Männern vorbehalten war. „Neben der Tanzgeschichte hat Claire Bauroff auch Fotografie-Geschichte geschrieben“, erläuterte Czapla. Die in Illustrierten und Magazinen oder manchmal auch auf den Titelblättern abgedruckten Fotos bescherten ihr internationale Aufmerksamkeit und Beachtung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb Bauroff in der Tassilostraße 9 in Gräfelfing 20 Jahre lang ein Institut für autogenes Training und Atemtherapie. Das Gebäude hatte Friedrich Baur für Mutter und Schwester gekauft. Claire Bauroff wohnte bis 1974 in dem Haus in der Tassilostraße. Die letzten Jahre vor ihren Tod am 7. Februar 1984 verbrachte sie vollkommen gelähmt in einem Altenheim in Gräfelfing. Ein grausames Schicksal für eine Frau, die es gewohnt war sich zu bewegen.