ALTENKUNSTADT

Das Risiko der Strahlenbelastung verringern

Strahlungs-Prüfer: Mit einem Breitbandmessgerät maß Jörn Gutbier die Mikrowellenstrahlung im Frequenzbandbereich des Mob... Foto: Stephan Stöckel

Handys und Hoden vertragen sich nicht. Mobiltelefone in der Hosentasche beeinträchtigen die Qualität der Spermien. Auch im Büstenhalter sind Smartphones fehl am Platz – enger Hautkontakt könnte Brustkrebs auslösen. Davon überzeugt ist Diplomingenieur Jörn Gutbier, Vorstandsvorsitzender der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation „Diagnose Funk“ mit Sitz in Stuttgart. Seine Aussagen stützen sich auf internationale Studien.

„Diese kann man in der Datenbank der Bundesregierung, dem sogenannten EMF-Portal nachlesen. Von den insgesamt 20 551 Studien weltweit sind 1117 wissenschaftliche Arbeiten darin eingestellt. 650 davon zeigen eine negative Wirkung der elektromagnetischen Strahlung auf die Gesundheit des Menschen“, stellte der Experte am Freitagabend bei einer Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative Mobilfunkstandort Altenkunstadt (BI) im Gasthof „Preußla“ fest.

Auch in Altenkunstadt gibt es solche Strahlung. Eine Quelle, die besonders stark strahlt, sei der Mobilfunkmast auf dem Hochhaus in der Woffendorfer Straße, der mit sechs weiteren LTE-Antennen aufgerüstet werden sollte, so die BI, die dagegen protestiert. Sie sammelte 2700 Unterschriften, was der Mehrheit der Wahlberechtigten entspricht. Die Gemeinde leitete daraufhin ein Dialogverfahren ein, was von der BI begrüßt wird. Gemeinsam mit dem Mobilfunkbetreiber soll ein Standort im Außenbereich gesucht werden, um die gesundheitliche Belastung zu reduzieren.

Dietmar Schuberth, Sprecher der BI, machte deutlich, dass es mit einem Dialogverfahren nicht getan sei: „Wir brauchen eine langfristige Lösung mit einer Veränderungssperre. Im Flächennutzungsplan müssen sogenannte Positivstandorte konkret festgelegt werden, die unveränderlich sind.“ Auch Gutbier begrüßte das eingeleitete Dialogverfahren. Die BI hatte den Experten aus Herrenberg bei Stuttgart eingeladen, um über die gesundheitlichen Risiken des Mobilfunks aufzuklären. Zudem gab er Tipps für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Mobilfunk.

„Grenzwerte zu niedrig“

Welche Prozesse löst die Mobilfunkstrahlung im Körper eines Menschen aus? „Sie führt zu einer Überproduktion von freien Radikalen, der oxidativen Stress in den menschlichen Zellen auslöst“, sagte der Architekt und Baubiologe. Dies führe zu einer Schädigung der DNA, was wiederum ein breites Spektrum von Gesundheitsproblemen und Krankheiten verursache. Der Fachmann zählte eine Vielzahl von Erkrankungen auf, die durch elektromagnetische Strahlung mit ausgelöst werden können. Die Palette reichte von Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen über Schilddrüsenüberfunktion und Schwindel bis hin zu Herzschmerzen und Krebs.

Die Effekte, so der Referent, entstünden nicht im thermischen Bereich, sondern bei Intensitäten weit unterhalt der bestehenden Grenzwerte. Für UMTS liegt er in Deutschland bei zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter, für die E-Netze GSM 1800 bei neun Millionen und für die D-Netze GSM 900 bei 4,5 Millionen.

Diese Werte haben für Gutbier keinerlei Aussagekraft: „Die Behauptung einer Schutzwirkung ist als wissenschaftliche Falschinformation anzusehen. Dies entspricht rechtlich allen Merkmalen des Betrugs und schließt grob fahrlässige bis absichtliche Körperverletzung mit ein“, zitierte er Professor Alexander Volger von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Die Grenzwerte seien eine Ersatz-Haftpflichtversicherung für die Betreiber, legitimierten den Antennenwildwuchs sowie die Untätigkeit des Gesetzgebers und der Gerichte, worüber sich die Mobilfunkkonzerne freuten. Zudem beklagte der Referent, der den Mobilfunk keineswegs verteufelte, die Vielzahl an Netzen. Derzeit gebe es davon mehr als ein Dutzend. Seine Forderung: „Wir brauchen ein Netz für alle, dann könnten wir zwei Drittel der Masten abschaffen.“

Zudem sprach sich der Redner dafür aus, die stark strahlenden Makrozellen durch eine Kleinzellenstruktur mit geringer Sendeleistung zu ersetzen. Er plädierte für die Einführung sogenannter Femtozellen: „Angeschlossen an die DSL-Leitung kann so eine Funkzelle mit extrem wenig Leistung die Wohnung oder auch nur einzelne Räume mit superschnellem Mobilfunk versorgen, ohne den Nachbarn zu tangieren.“

„Wir brauchen ein Netz für alle, dann könnten wir zwei Drittel der Masten abschaffen.“
Jörn Gutbier, Organisation Diagnose Funk

Auch die Nutzung von Handys in Schulen sprach er an. Obwohl dort nicht mobil telefoniert werden dürfe, hätten viele Schüler ihr Mobilfunktelefon eingeschaltet in der Hosentasche stecken. Um eine Strahlenbelastung für Pauker und Pennäler zu vermeiden, empfahl er die Geräte vor Schulbeginn einzusammeln und in einem Schließfach zu deponieren, wo sie nach dem Unterricht wieder abgeholt werden könnten.

Die Zuhörer fragten vor allem, wie man sich vor den negativen Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung schützen könne. Um bei mehreren Computern im Haus eine Internetverbindung herzustellen, sollte man nicht auf W-Lan zurückgreifen, sondern alles verkabeln, riet Gutbier. Zudem warnte er vor einer Dauerbestrahlung durch an das Ohr gehaltene Telefone: „Greifen sie beim Smartphone lieber auf Freisprechanlagen und Headsets zurück. Beim schnurlosen Telefon sollten sie die Mithörtaste einschalten, um die Belastung zu minimieren. Bei der elektromagnetischen Strahlung zählt jeder Zentimeter Entfernung.“

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