WEISMAIN

Ein Kniefall, der die Welt verändert hat

Historischer Moment: Willy Brandt besuchte am 18. Juli 1965 Weismain. Der damalige Bürgermeister Bernhard Stölzle (li.) ... Foto: Repro: Adriane Lochner

Vor knapp 50 Jahren, am 18. Juli 1965, war Willy Brandt zu Besuch in Weismain. Damals schrieb das Lichtenfelser Tagblatt: „In vorbildlicher Weise hatten die Einwohner der Hollfelder Straße, des Oberen Tores, der Innenstadt und der Burgkunstadter Straße ihre Fenster geschmückt. Vom Rathaus wehten die Flaggen der Stadt Berlin und der Stadt Weismain.“ Als Brandt dem damaligen Bürgermeister Bernhard Stölzle die Hand schüttelt, ist er noch nicht Bundeskanzler, sondern regierender Bürgermeister von Berlin.

„Anlass des Besuchs war wahrscheinlich der Bundestagswahlkampf, 1965 war Brandt Kanzlerkandidat“, sagte Historiker Elmar Geus, der am Freitag im Hotel „Alte Post“ zum Leben Willy Brandts referierte. Der Vortrag aus Geus‘ Reihe „Persönlichkeiten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ wurde veranstaltet vom Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW). „Auch dieses überregionale Thema ist für die Leute hier interessant. Brandt hat große Politik in Deutschland gemacht, das hat Jeden betroffen“, sagte CHW-Bezirksgruppenleiter Christian Klose.

Maßstäbe für die Sozialpolitik

Referent Geus zufolge, ist Brandt einer der wichtigsten Kanzler gewesen, denn er hat die Sozialpolitik der BRD nachhaltig geprägt. Ohne ihn gäbe es zum Beispiel keine staatliche Ausbildungsförderung für Studierende, kurz BaföG, und Arbeitgeber würden bei Bausparverträgen nicht dazu zahlen, wie es das Vermögensbildungsgesetz vorsieht. Kanzler wurde Brandt allerdings erst 1969. Sein Leben bis dahin hört sich an, wie eine Räuberpistole.

Unter dem Namen Herbert Ernst Karl Frahm wird Brandt am 18. Dezember 1913 in Lübeck geboren. Seine Mutter ist Verkäuferin, seinen Vater wird er nie kennenlernen. Sozialistische Jugendverbände wie „Rote Falken“ und „Arbeiterjugend“ werden für ihn zur Familie. Mit 16 Jahren tritt er in die SPD ein, verlässt die Partei aber wenige Jahre später, da sie ihm im Kampf gegen den Nationalsozialismus zu halbherzig erscheint.

Stattdessen schließt er sich der linksorientierten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an und arbeitet als Journalist im Untergrund. Er verbreitet illegale Flugschriften und hilft Funktionären bei der Flucht. Als nach ihm gefahndet wird, nimmt er den Decknamen „Willy Brandt“ an.

„Anlass des Besuchs

war wahrscheinlich

der Bundestagswahlkampf, 1965 war Brandt

Kanzlerkandidat.“

Elmar Geus Historiker

In Deutschland wird es für ihn zu gefährlich, deshalb schickt ihn die SAP nach Oslo ins Exil. Die Flucht gestaltet sich als Nacht-und-Nebel-Aktion auf einem Fischkutter. Wie vielen anderen Emigranten entziehen die Nazi-Herrscher Brandt die deutsche Staatsbürgerschaft. In Norwegen arbeitet er weiter als Journalist und bemüht sich, dem Ausland eine andere Seite seiner Heimat zu zeigen. Er schreibt Artikel wie „Hitler ist nicht Deutschland“.

Als auch Norwegen überfallen wird, tarnt sich Brandt als norwegischer Soldat und flieht nach Schweden. 1945 kehrt er als Korrespondent für eine skandinavische Zeitung nach Deutschland zurück, um vom Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg zu berichten. Seine Eindrücke fasst er im Buch „Verbrecher und andere Deutsche“ zusammen.

Am 1. Juli 1948 erhält Brandt die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Seine politische Karriere beginnt in Berlin als SPD-Abgeordneter im ersten Deutschen Bundestag. Er wird zum Liebling der Massenmedien, insbesondere der Springerpresse. Während des Mauerbaus 1961 steht er im Blickpunkt und verkörpert den Freiheitswillen, zum Beispiel als er sagt: „Hier wird auseinander gerissen, was zusammen gehört.“

Wende in der Ostpolitik

Brandts Schwerpunkt als Bundeskanzler ist die Deutschland- und Ostpolitik. 1971 wird er als vierter Deutscher mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Kein anderes Bild ist so sehr mit Willy Brandt verbunden, wie der Kniefall von Warschau. Als die deutsche Delegation den Opfern des Warschauer Ghettos ihre Ehrerbietung erweist, entschließt sich Brandt spontan vor dem Mahnmal niederzuknien und in Schweigen zu verharren. Danach steht er auf und geht davon, nicht gebückt, sondern erhobenen Hauptes. „Das zeigt viel von seinem selbstbewussten Charakter“, sagt Historiker Geus, dem es wichtig ist, die Menschen hinter der Geschichte zu beleuchten, „mit allen Stärken und Schwächen“.

Bewegtes Privatleben und ein Spion

Bei Brandt habe man viel akzeptiert, wie zum Beispiel den Hang zum Alkohol, seinen Charme bei Frauen oder schwere Depressionen im Herbst 1972. Nach der Enttarnung des Kanzleramtsspions Günter Guillaume im April 1974 ermittelten die Behörden auch im Privatleben Brandts und stießen auf seine außerehelichen Affären, für die Medien wurde der Spionagefall zur „Sex-and-Crime-Story“, Brandt trat im Mai vom Amt des Bundeskanzlers zurück.

Aufgeben konnte er die Politik trotzdem nie, war noch lange Zeit SPD-Parteivorsitzender und Alterspräsident des Deutschen Bundestages. Brandt starb 1992 an Darmkrebs. In seinen letzten Tagen raffte er sich für einen Besuch Helmut Kohls noch einmal auf, mit den Worten: „Ich bleibe nicht im Bett, wenn mein Bundeskanzler kommt.“ Das zeige deutlich, welch großen Respekt Brandt vor dem Amt hatte, betonte Geus zum Abschluss.