WEISMAIN

„Ohne Frauen keine Industrie“

Interessantes Thema: Günter Dippold diskutiert mit Maria Geissler-Wiener (Kreistag) und Jutta Löbling (CHW) (v. li.) übe... Foto: Adriane Lochner

Die 17-jährige Kathi Hälterlein aus Rattelsdorf wurde als erste Frau an der hiesigen Korbfachschule aufgenommen – und zwar erst 1948, obwohl im Korbhandwerk schon mehr als ein Jahrhundert lang zur Hälfte Frauen arbeiteten. Wie der Männerwelt zum Trotz, machte Hälterlein drei Jahre später den besten Abschluss ihres Fachs in der gesamten Bundesrepublik.

„Wenn man an Industrie-Geschichte denkt, hat man immer den schwitzenden Mann beim Eisenschmieden vor Augen. Dabei sind Industrie und Handwerk in hohem Maß weiblich geprägt. Das ist ein verschütteter Aspekt der Geschichte“, sagt Bezirksheimatpfleger Günter Dippold. „Frauen im Landkreis“ war der Titel seines Vortrags am Samstag, veranstaltet vom Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) im Weismainer Kastenhof.

Auch wenn Frauen selten in den historischen Archiven auftauchen, spielten sie dennoch eine bedeutende Rolle. „Auf den ersten Blick wirkt es so, als ob die Männer hier allein Geschichte gemacht hätten. Beim genauen Hinschauen findet man so viel Frauengeschichte, dass es beinahe zu viel ist für einen Abend“, sagte Dippold.

Oft tauchen die Frauen als Opfer auf. In den Protokollbüchern der Bamberger Strafjustiz findet man Berichte über Vergewaltigung, geschwängerte Dienstmägde, Abtreibungen und Kindstötungen. Über Gewalt in der Ehe liest man nur selten, denn es gab eine beträchtliche Toleranzschwelle in der Gesellschaft. Dazu kam die Kriminalisierung außerehelicher Sexualität, die das Leben der Frauen über Jahrhunderte stark belastete. „Der Mann konnte leugnen, die schwangere Frau schwerlich“, sagte Dippold.

Erst im 19. Jahrhundert wandelte sich das Bild der Frau in der Gesellschaft, außereheliche Schwangerschaften wurden zur Alltagserscheinung, genauso wie alleinerziehende Mütter. Und auch die Arbeitswelt änderte sich: Durch den weltweiten Handel wurde aus dem Korbmacher Handwerk eine Hausindustrie, in Schney und Hausen entstanden Porzellanfabriken und um Burgkunstadt blühte die Schuhindustrie auf. „Gerade diese industriellen Schlüsselbranchen des Landkreises waren stark weiblich bestimmt - ohne Frauen keine Industrie“, sagte Dippold.

„Wenn man an Industrie-Geschichte denkt, hat man immer den schwitzenden Mann beim Eisenschmieden vor Augen. Dabei sind Industrie und Handwerk in hohem Maß weiblich geprägt.“
Günter Dippold Bezirksheimatpfleger

Im bürgerlichen Bereich hatten Frauen nur dann die Gelegenheit einen Betrieb oder eine Werkstatt zu führen, wenn der Mann krank war oder verstarb. Erlernen durften Frauen ein Handwerk jedoch nicht. Dafür arbeiteten sie, und zwar nicht nur an den Maschinen und in den Lagern, sondern auch als wirtschaftliche Führungskräfte. Nur die Namen liest man selten. „Das Versandhaus Baur zum Beispiel hat sein Entstehen, Wachsen und seine Blüte nicht nur Friedrich Baur zu verdanken, sondern ebenso seiner Frau Katharina. Und das Bekleidungswerk Striwa in Lichtenfels, das zeitweilig 1200 Beschäftigte hatte, wurde nicht allein von Conrad Wagner aufgebaut, sondern auch von seiner Frau Margareta“, sagte Dippold.

Vor allem im Korbmacher-Handwerk taten sich starke Frauen hervor. Unter den Korbführern, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit hochbepackten Schubkarren auf Reise gingen, waren auch Frauen, wie die 21-jährige Korbhändlerstochter Veronika Fischer aus Burkersdorf, die 1842 nach Sachsen reiste. Oder die 36-jährige Barbara Lorenz aus Schwürbitz, die sich 1849 mit ihrem zwölfjährigen Sohn auf den Weg nach Salzburg und Steyr machte. Meistens jedoch waren es die Männer, die für viele Jahre auf Geschäftsreise verschwanden und Frau und Kinder zurückließen.

„Was tat die Frau in diesen Jahren? Wovon lebte sie? Und wie brachte sie ihre Kinder durch? – Das sind die unerzählten Geschichten.“ sagt Dippold. Solche, auf den ersten Blick unspektakulären Frauenschicksale gelte es festzuhalten, denn die Quellenlage sei miserabel, gerade das Alltagsgeschichtliche sei nicht erfasst.

Dippold zufolge hat das Thema Potenzial und muss ergänzt werden durch Geschichten, die sich nicht in den Archiven finden. Daher sollen wir alle miterzählen, die Geschichten der Eltern und Großeltern selbst aufschreiben und in den Stadtarchiven hinterlegen.