WEISMAIN

Ein Heim für Menschen auf der Flucht

Zuflucht: „Nicht nur Gemeinschaftsunterkunft, sondern Chance für die Kommune“, so schätzen Regierungsvertreter das zweit... Foto: Stefan Lutter

„Eine Wohnung für Leute, die geprügelt worden sind und denen es schlecht ergangen ist.“ In einem Satz brachte Initiator Alois Dechant den Zweck des neuen Asylbewerberheims auf den Punkt, das nach knapp dreimonatiger Bauphase am Samstagmorgen eingeweiht wurde.

Vor rund 50 geladenen Gästen, darunter Vertreter von Religionen und Behörden, Stadträten, Mitarbeitern der beteiligten Firmen sowie ehren- und hauptamtlich in der Unterkunft Beschäftigten, hob er die schnelle Umsetzung hervor. „Eine enorme Leistung“ hätten die Mitarbeiter der Firma Dechant und diverse Handwerksfirmen erbracht, indem sie das unmittelbar neben der bestehenden Flüchtlingsunterkunft in der Geutenreuther Straße gelegene Haus nach Baubeginn Mitte Oktober „in Rekordzeit“ fertig stellten.

Dechant unterstrich die gute Zusammenarbeit mit der Regierung von Oberfranken, die sich offen für seinen Vorschlag gezeigt habe, auf einen Neubau anstelle einer weniger nachhaltigen Containerlösung zu setzen. Daneben lobte er das Landratsamt, das binnen einer halben Stunde die Baugenehmigung erteilt habe, und den Stadtrat, weil er auf eine Petition gegen ein weiteres Asylbewerberheim verzichtet hatte, die kurzzeitig im Gespräch war.

„Wenn wir hier Häuser bauen, um Menschen, die auf der Flucht sind, aufzunehmen, dann tun wir genau das, worum es im Kern des christlichen Abendlandes geht. Dann verteidigen wird genau die Werte, auf denen es beruht.“
Claudia Jobst Pfarrerin

Nicht verkneifen konnte sich der Bauunternehmer einen Seitenhieb in Richtung Landeshauptstadt: In einem Fernsehbeitrag sei ein mit Stacheldraht eingezäuntes Flüchtlingsdomizil in München zwischen Gerichtsgebäude und Polizeistation als Errungenschaft präsentiert worden. „Unser Heim ist, umgeben von Wald und Stadion, viel schöner. Da kann München von Oberfranken noch etwas lernen.“

Den Blick auf einen anderen Aspekt lenkte Pfarrerin Claudia Jobst von der evangelischen Gemeinde Buchau-Weismain. „Du kannst nicht für die Werte des christlichen Abendlandes eintreten und sie gleichzeitig mit Füßen treten“, kommentierte sie die Pegida-Demonstrationen, bevor sie gemeinsam mit dem katholischen Stadtpfarrer Gerhard Möckel den Neubau segnete. Neben Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit gehöre zu diesen Werten auch die Überzeugung, dass jedem Menschen eine eigene Menschenwürde zukomme, die unantastbar ist – basierend auf der Vorstellung, dass wir alle als Geschöpfe Gottes einander Mitmenschen seien. „Wenn wir hier Häuser bauen, um Menschen, die auf der Flucht sind, aufzunehmen, dann tun wir genau das, worum es im Kern des christlichen Abendlandes geht. Dann verteidigen wird genau die Werte, auf denen es beruht“.

Auch der aus der Türkei stammende Bayreuther SPD-Stadtrat Halil Tasdelen und Ibrahim Kefci, Vorsitzender der islamischen Gemeinde in Kulmbach, wiesen auf gegenseitige Hilfe als Grundgedanke aller Religionen hin.

Beim anschließenden Rundgang durch das noch spärlich möblierte Gebäude, das Platz für bis zu 90 Bewohner bietet, ging Hermann Schuberth von der Regierung auf einige interessante Details ein: die Größe der Doppelzimmer beispielsweise, mit 15 Quadratmeter. Oder die Ausstattung, die neben Fußbodenheizung auch Fernsehanschlüsse umfasst, damit die Bewohner via Satellit Sender aus ihrer Heimat sehen können (wobei die Fernsehgeräte nicht gestellt werden). Andererseits das Fehlen von Spiegeln in den Waschräumen, da diese erfahrungsgemäß schnell zerstört würden, oder eine Sicherheitsfunktion in den Gemeinschaftsküchen: damit nichts anbrennt, funktionieren die Kochstellen nur bei geschlossener Tür.

Den Abschluss der Einweihungsfeier bildete ein gemeinsames Essen im SCWO-Sportheim. Stefan Krug, Bereichsleiter für Asylbewerber an der Regierung von Oberfranken, wünschte den künftigen Bewohnern, in ihrem neuen Quartier zur Ruhe kommen zu können, und den Mitarbeitern ein gutes Händchen im Umgang mit Asylsuchenden. „Die Weismainer haben bereits gezeigt, wie gut sie mit den Flüchtlingen umgehen“, lobte Krug, der dazu aufrief, das Heim „nicht nur als Gemeinschaftsunterkunft, sondern auch als Chance für die Kommune zu sehen, sich weiterzuentwickeln“.

Dechant baut Bolzplatz an Unterkunft

Zustimmung erhielt er hierbei von Alois Dechant, der den ehrenamtlich in der Asylbetreuung Aktiven ein Kompliment aussprach und historische wie künftige Entwicklungen als Argument für die Aufnahme von Flüchtlingen anführen: Zum einen habe es in der Geschichte Deutschlands fast dreimal so viele Aus- wie Einwanderer gegeben; zum anderen sei gerade die deutsche Wirtschaft auf „frisches Blut“ angewiesen. Abschließend erwähnte er, dass die Firma Dechant noch in diesem Jahr einen Bolzplatz unterhalb der beiden Asylbewerberheime anlegen werde.

Platz für bis zu 90 Menschen

Die zweite Weismainer Flüchtlingsunterkunft bietet Platz für bis zu 90 Menschen. Das mit drei Geschossen ist 45,42 Meter lang und 12,55 Meter breit. Auf einer Nutzfläche von 1374 Quadratmetern sind mehr als 60 Räume untergebracht, darunter je ein Sanitärbereich, ein Aufenthaltsraum und eine Gemeinschaftsküche pro Stockwerk. Während der dreimonatigen Bauzeit wurden 760 Kubikmeter Beton und 77 Tonnen Stahl verbaut.

Zur Eröffnung: Ein symbolisches Band im Eingangsbereich der neuen Asylbewerberunterkunft durchschnitten (v. li.) Pfarrer...

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