ALTENKUNSTADT

Stolpersteine und Genisa-Forschung

Dachbodenfund: Auf dem Dachboden der Altenkunstadter Synagoge, einem Bau aus dem Jahr 1726, wurden die Dokumente der Genisa geborgen. Seit 20 Jahren dient das ehemalige jüdische Gotteshaus nun als Stätte der Kultur, der Begegnung und des Gedenkens. Charlotte Knobloch wird in dies... Foto: Josef Motschmann

Seit 25 Jahren gibt es in Altenkunstadt eine „Interessengemeinschaft Synagoge“, seit 20 Jahren dient das ehemalige jüdische Gotteshaus als Stätte der Kultur, der Begegnung und des Gedenkens. Zwei Gründe, im Jahr 2013 mit besonderen Aktivitäten das 700-jährige Zusammenleben von Juden und Christen im alten Pfarrdorf am Obermain in Erinnerung zu rufen.

Über Einladung erfreut

Vor ein paar Tagen konnte Josef Motschmann, Vorsitzender der IG Synagoge, einem Brief aus München entnehmen, dass Charlotte Knobloch sich über die Einladung gefreut hat und gerne in diesem Jahr nach Altenkunstadt in die Synagoge kommen will. Die ehemalige Vorsitzende des „Zentralrates der Juden in Deutschland“ und derzeitige Präsidentin der Jüdischen Gemeinde in München wird als Holocaust-Überlebende mit Schülern und Erwachsenen über ihre Vergangenheit, aber auch über die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland sprechen. Der genaue Zeitpunkt wird noch bekannt gegeben.

Zur Erinnerung an Familie Wolf

Am 9. Mai kommt Gunter Demnig aus Köln nach Altenkunstadt, um hier drei „Stolpersteine“ zu verlegen. Vor dem ehemaligen Anwesen Wolf/Herrmann in der Theodor-Heuß-Straße 65 sollen die Gedenksteine an Leo, Helene und Margot Wolf erinnern, die am 24. April 1942 von hier aus nach Ostpolen deportiert und dort in den Gaskammern von Sobibor ermordet wurden. Der Kölner Künstler verlegt mittlerweile überall in Europa solche Gedenksteine, die an die Opfer des Nazi-Diktatur erinnern.

Inge Goebel, ehrenamtliche Archivarin der Gemeinde Altenkunstadt, befasst sich derzeit intensiv mit der Auswertung der „Altenkunstadter Genisa“. Das hebräische Wort „Genisa“ bezeichnet das, was Juden in der Synagoge einst hinterlegt haben. Man durfte beispielsweise keine Dokumente mit religiösem Inhalt wegwerfen, auf denen der Gottesname verzeichnet war.

In Veitshöchheim bei Würzburg wurden die Funde auf dem Dachboden der Altenkunstadter Synagoge gesichtet, in 25 Kartons sortiert und digitalisiert. Das älteste Schriftstück stammt aus dem Jahr 1566, die jüngsten Funde aus der Zeit um 1870.

Die Funde aus Altenkunstadt umfassen Reste von Gebetsriemen und vom Mantel einer Thora-Rolle, Leichenschau-Protokolle, Wand- und Taschenkalender, Akten zur Schule und zur Armenkasse, Geschäfts-Korrespondenz, Rechnungsbücher und ein Kartenspiel.

Internationales Interesse

Mit den Dokumenten in hebräischer, jiddischer und deutscher Sprache befasst sich mittlerweile die internationale Forschung. In einem „Workshop des wissenschaftlichen Nachwuchses“ wurden die Funde aus Altenkunstadt vor kurzem von angehenden Doktoranden ebenfalls genauer unter die Lupe genommen.

Inge Goebel konnte in den vergangenen Wochen die Erfahrung machen, dass die Original-Dokumente auch Auskunft geben über das Zusammenleben der Menschen in Altenkunstadt in den letzten Jahrhunderten.

Jubiläumswochenende im Oktober

Am Jubiläums-Wochenende der „Interessengemeinschaft Synagoge“ vom 17. bis 20. Oktober sollen erste Ergebnisse der Öffentlichkeit in einer Ausstellung präsentiert werden.

Diskussion: Inge Goebel (Mitte) aus Altenkunstadt diskutiert mit Beate Weinhold (li.) und Elisabeth Singer von der Genisa-Forschungsstelle in Veitshöchheim die Dokumente, die auf dem Dachboden der Synagoge gefunden wurden.