WEISMAIN/KUNSTADT

Sportliche Grenzgänger trotz Handicap

Respekt vor der Leistung: Baur-Sprecher Dr. Jörg Hoepfner, Juliane Straub, Michael Binder, Chris Kolbeck, Helmut Dorsch und Frank Neumann (v. li.) nach der Podiumsdiskussion im Rahmen des Grenzgänge(r)“-Vortrags. Foto: Stefan Lutter

Wenn morgen der Startschuss für den 13. Baur-Triathlon fällt, verdienen zwei Teilnehmer besondere Aufmerksamkeit, obwohl sie wohl nicht in den „Top Ten“ des Gesamtklassements landen: Michael Binder und Chris Kolbeck sind Sportler mit Behinderung, können nur mit Orthese beziehungsweise Prothese schwimmen, Rad fahren und laufen. Auf Einladung des Hauptsponsors referierten sie zum Thema „Grenzgänge(r): Aus dem Leben zweier Handicap-Triathleten“.

„Ist der nicht ganz dicht? Warum ausgerechnet Triathlon und nicht Schach oder Halma?“ Diese Fragen, die vermutlich auch den Zuhörern im Sternensaal des Baur-Verwaltungsgebäude auf den Lippen lagen, würden ihm oft gestellt, sagt Michael Binder schmunzelnd. Die Antwort ist simpel - und gilt für Ausdauersportler mit und ohne Handicap gleichermaßen: „Der Reiz ist, es zu schaffen.“ Auch Chris Kolbeck spricht gerne entspannt über die Herausforderung der drei Disziplinen. Über Schwimmen im eiskalten Wasser. Darüber, den Fahrrad-Part trotz Blut in der Prothese bewältigt zu haben. Sich zu freuen, „wenn ich nach dem Laufen schneller als ein 80-Jähriger und zwei 65-jährige Omas war.“

Viele Menschen würden angesichts der Krankengeschichte der Beiden wohl tatsächlich nur noch zum Brettspiel greifen: Der 29-jährige Binder aus Gschwend in Baden-Württemberg leidet unter Niereninsuffizienz, muss regelmäßig zur Dialyse und hat zwei Schlaganfälle hinter sich; die Muskeln in einem Bein habe sich so stark zurückentwickelt, dass er seit 2011 nur noch mit einer Schiene (Orthese) gehen kann. Dem gleichaltrigen Kolbeck, der in Regenstauf/Oberpfalz lebt, wurde vor vier Jahren der linke Unterschenkel infolge einer Krebserkrankung operativ entfernt.

„Mir geht es einfach besser, wenn ich nach einer Acht-Stunden-Dialyse noch zum Laufen gehe.“
Michael Binder Para-Triathlet

Der Sport bietet ihnen die Möglichkeit, mit diesen Schicksalsschlägen fertig zu werden, psychisch wie physisch. „Mir geht es einfach besser, wenn ich nach einer Acht-Stunden-Dialyse noch zum Laufen gehe“, verrät Binder, während Kolbeck „Frustabbau, Ausgleich suchen und etwas für die Fitness tun“ als Antrieb nennt, sich nach Feierabend in den Fahrradsattel zu schwingen. Obwohl der Schwabe wie der Oberpfälzer einen sportlichen Hintergrund haben - Michael Binder betreibt seit seiner Kindheit Leichtathletik, Chris Kolbeck war sogar einmal Dritter bei den bayerischen Meisterschaften im Skifahren – zum Triathlon kamen sie auf unterschiedliche Weise, durch eine Fachzeitschrift beziehungsweise über Internet-Recherche.

Und von da war es nicht mehr weit zum Baur-Triathlon, der bekanntlich als Bayerische Meisterschaft im Para-/Handicap-Triathlon gewertet wird. Im vergangenen Jahr nahmen sie zum ersten Mal teil, verstanden sich auf Anhieb prächtig und gründeten im Herbst 2012 das „para-tri-team“, trainieren seitdem oft gemeinsam. „Altenkunstadt ist für mich wie der Iron Man“, bekennt Kolbeck. Der Vergleich mit dem berühmtesten Triathlon der Welt war zwar auf die Anstrengung für ihn gemünzt, wohingegen die ambitionierten unter den anderen Teilnehmern noch längere Distanzen gewohnt sind. Dennoch kann er durchaus auch als Ritterschlag gelten, gefällt ihm doch besonders die Radrundkurs, weil er mehr „Zugpferde“ liefert, an die er sich hängen kann.

Durch ihre unbeschwerte Art gelang es den Referenten, dass die Betroffenheit bei den Zuhörern in den Hintergrund rückte und stattdessen der Respekt für die sportliche Leistung der Para-Triathleten dominierte. Dieser war auch bei den Teilnehmern an der von Baur-Sprecher Dr. Jörg Hoepfner dominierten Podiumsdiskussion spürbar. Im Gespräch mit Organisationsleiter Helmut Dorsch, Juliane Straub aus Regensburg (schnellste Dame 2012) und dem Vorjahreszweiten Frank Neumann aus Lichtenfels wurde auch deutlich, dass sich Trainingsaufwand, Herangehensweise und Erfahrungen bei Athleten mit und ohne Behinderung ähneln. Lachend nickten auch Binder und Kolbeck, als sich Helmut Dorsch an seinem ersten Auftritt als Triathlet erinnerte: „Im Ziel habe ich mich erst einmal übergeben und mir gedacht ,Nie wieder’. 20 Minuten später wollte ich wissen, wo der nächsten Triathlon stattfindet“.

Die Fragen bezogen sich vor allem aufdie auf die jeweiligen Disziplinen zugeschnitten Prothesen, die Chris Kolbeck mitgebracht hatte. Eine vierstellige Summe kostet jeder dieser künstlichen Unterschenkel, was er sich nur deshalb leisten kann, weil er als Tester für den Hersteller fungiert und ihm die Hilfsmittel gestellt werden.

Auch auf die Motivation kam das wissbegierige Publikum zurück. „Höchstens unterbewusst“ habe er sich „nach einer extremen Erfahrung für einen extremen Sport entschieden“, beantwortete Michael Binder die Frage. Wohingegen Triathlon für Chris Kolbeck „gar kein Extremsport ist“, sondern nur die Kombination von Breitensportarten.

Vielleicht wird er darüber morgen beim Baur-Triathlon noch einmal nachdenken und sich lieber ein Schachbrett wünschen. Sicher ist: Im Ziel, wenn sich das Gefühl des „Geschafft-Habens“ einstellt, werden Michael Binder und Chris Kohlbeck wieder locker und entspannt mit ihrem Handicap umgehen - auch ohne „Top Ten“-Platzierung.

Künstlicher Unterschenkel: Das Publikum interessierte sich für die Prothesen, die Chris Kohlbeck mitgebracht hatte.

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