COCHABAMBA/ALTENKUNSTADT

Andreas Motschmann über die Pandemie in Bolivien

Andreas Motschmann über die Pandemie in Bolivien
Andreas Motschmann gibt Privatunterricht mit Laptop auf der Terrasse. Foto: Andreas Motschmann

Täglich erfahren wir in unserer Tageszeitung die neuesten Entwicklungen in der Corona-Krise. Dabei lohnt es sich, mal wieder einen Blick über den „Tellerrand“ unserer Heimat in entfernte Länder schweifen zu lassen. Andreas Motschmann aus Altenkunstadt lebt seit fast 15 Jahren in Bolivien. Er berichtet nach einem Jahr ein weiteres Mal über die Pandemie aus dem Andenland:

„Nach Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle am 12. März 2020 ließ die bolivianische Regierung unmittelbar alle Schulen und öffentlichen Einrichtungen im Land schließen. Mein Unterricht war bis zum Jahresende 2020 digital, von zu Hause aus. Zwölf Mal in der Woche hatte ich Kleinstgruppen. Elternabende und -gespräche fanden am Abend ebenfalls digital statt. Am Jahresende habe ich wegen Erreichens der Altersgrenze meinen Schuldienst an der deutschen Schule beenden müssen.

Umzug auf nur 2500 Meter hat gesundheitliche Vorteile

Umzugskisten wurden gepackt. Meine Frau und ich hatten vor, die Regierungshauptstadt zu verlassen und weg von fast 4000 Meter Höhe in eine andere Stadt zu ziehen. In dem 400 Kilometer entfernten Cochabamba, so groß wie Nürnberg, ist das Klima angenehm; wegen seiner Lage in nur über 2500 Meter Höhe werden Kreislauf und Herz im Alter weniger belastet. Die steigenden Corona-Zahlen gefährdeten den Umzug. Die Reisefreiheiten von der einen zur anderen Region werden hier problemlos kurzfristig einfach unterbrochen.

Mit viel Glück und etwas Verzögerung konnten wir am 20. Januar umziehen. Mit fallenden Zahlen zog das normale Leben in den Alltag ein, es gab keine Beschränkungen mehr. Ein Aufatmen vor allem der armen Bevölkerung. In Bolivien leben viele von der Hand in den Mund. Sie haben kleine Geschäfte in der Stadt und hatten, wie Taxi- und Busfahrer auch, über viele Monate wenige Einnahmen. An die bestehenden Einschränkungen hatte ich mich schon gewöhnt.

Das Tragen des Mundschutzes (in spanisch Barbijo) außerhalb des Hauses war bereits Routine. Außerdem werden am Eingang zu Geschäften und Banken die Temperatur von jeder Person gemessen.

Privatunterricht auf der Terrasse dank Corona-Krise

Im Februar begann das neue Schuljahr. Hier hatte ich durch die Corona-Krise einen Vorteil. Da es an der Deutschen Schule La Paz weiterhin mit online-Unterricht weiterging, konnte ich meine neue Tätigkeit als Privatlehrer aus der Ferne per Zoom und Skype ausüben. Meine Nachhilfeschüler hatten sich an den digitalen Unterricht gewöhnt. Ebenso war zusätzlich eine zehnwöchige Vertretung am Vormittag mit einer Klasse kein Problem.

Nun sitze ich am Nachmittag auf der Terrasse und kann am Laptop bis in den späten Abend den Schülern bei den Deutsch-Hausaufgaben helfen. Inzwischen finde ich den Privatunterricht spannend. Die große Bandbreite begeistert; vom Grundschüler der 1. Klasse bis zur Abiturvorbereitung in der Oberstufe. Durch persönliche Kontakte gibt es immer wieder kuriose Anfragen. So unterrichte ich einen Erwachsenen in Chile. Außerdem habe ich bis November zwei bolivianische Familien in Kanada betreut, deren Kindern nach der Rückkehr wieder in der Deutschen Schule weiterlernen wollen. Hier galt es, die Zeitverschiebung zu berücksichtigen; „Nachtschichten“ von 21 bis 22 Uhr waren angesagt.

Ab Mai am Wochenende Fahrverbot und Ausgangssperre

Andreas Motschmann über die Pandemie in Bolivien
„Abschied von der Andenmetropole La Paz. Nun leben wir etwas tiefer auf nur 2500 Meter in einem Hochtal“, so Andreas Mot... Foto: Andreas Motschmann

Meine Frau hatte nicht so viel Glück. Im März eröffnete sie einen neuen Frisörladen. Doch ab April stiegen mit der 3. Welle die Corona-Zahlen. So kamen immer weniger Kunden. Sie beschloss, eine Zusatzausbildung zur Kosmetikerin zu absolvieren. Ab Mai wurde bei einer 7-Tage-Inzidenz von etwa 90 am Wochenende ein Fahrverbot und eine Ausgangssperre verhängt. Von Freitagnachmittag ab 16 Uhr bis Montagfrüh um 5 Uhr war alles dicht. Von Montag bis Donnerstag mussten wir um 20 Uhr zuhause sein.

Solche Einschränkungen sind hier kein Problem, es gibt keinen Aufschrei. Das wäre in Deutschland unmöglich. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Menschen an regelmäßige Einschränkungen, zum Beispiel an Straßensperren durch Unruhen, in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewöhnt haben.

Erst ab Mitte Juli normalisierte sich der Alltag und die Infektionszahlen fielen. So konnten wir mal wieder Sonntagsausflüge am Stadtrand genießen.

Heimatbesuch ein zweites Mal abgesagt

Eigentlich wollten im Juni und Juli meine Frau und ich Deutschland besuchen. Durch die Einschränkungen war uns die Lage zu unsicher. So verschoben wir den Besuch um ein weiteres Jahr. Nun hoffen wir, dass es im nächsten Juni nach vier Jahren wieder möglich ist. Ein anderer Grund für die Absage war die fehlende Impfung. Ab April lief die Impfkampagne langsam an. Doch als wir uns impfen lassen wollten, fehlte der Impfstoff.

So warteten wir erst einmal ab, bis sich die Lage normalisierte, und hofften auf einen europäischen Impfstoff. Seit September sind wir inzwischen zweimal geimpft mit dem chinesischen Impfstoff Sinopharm. Manchmal gab es auch den russischen Impfstoff Sputnik. Ob uns die Impfung beim nächsten Besuch in Deutschland etwas nützt und welche neuen Bestimmungen es geben wird, steht in den Sternen.

Erschrocken über die Corona-Zahlen in Deutschland

Andreas Motschmann über die Pandemie in Bolivien
„Meine Frau absolvierte während der dritten Welle eine Zusatzausbildung zur Kosmetikerin“, berichtet Andreas Motschmann. Foto: Andreas Motschmann

Dass die Corona-Zahlen in Deutschland so erschreckend hoch sein könnten, hätte ich mir nie vorstellen können. Wir in Bolivien sind zum Glück weit entfernt davon, auch wenn langsam die 4. Welle kommt und die Zahlen steigen. Zur Zeit ist hier die 7-Tage-Inzidenz bei vergleichsweise niedrigen 85. Die Rate der Erstimpfung liegt aktuell bei nur 44 Prozent und die der Zweitimpfung bei 37 Prozent. Allerdings ist das Gefälle zwischen Stadt und Land sehr groß. Die Impfquote reicht gegen eine neue Welle hier erst recht nicht aus. So müssen wir bald mit neuen Einschränkungen rechnen. Doch meine Frau und ich sehen dem gelassen entgegen.

Arme Länder wie Bolivien sind von den ,milden Gaben' der reichen Länder abhängig. Ein Umdenken wäre wünschenswert: Erst wenn alle Länder auf der ganzen Welt mit ausreichend Impfstoff versorgt sind, kann die Corona-Pandemie langfristig besiegt werden.

Ich verstehe nicht, dass sich Impfgegner in Deutschland so radikalisiert haben. Aus meiner Sicht war deshalb die Politik so vorsichtig mit strengeren Maßnahmen in den letzten Monaten. Für uns hier unverständlich. Wie so oft streiten sich Menschen in Deutschland mit ,Luxus-Problemen' herum. Ein Weitblick auf andere Kontinente würde, so denke ich, manches Problem schneller lösen.“

 

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